Grüne und Wirtschaft – geht das zusammen? Ja, findet die langjährige Managerin und Energieexpertin Marie-Luise Wolff. Im Gespräch mit t-online erklärt sie, warum. Die Energiepolitik von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) verärgert ganz besonders die Grünen. Sie werfen der CDU-Politikerin vor, die Energiewende abräumen zu wollen und Errungenschaften ihres grünen Vorgängers Robert Habeck zunichtezumachen. Auch die Energieexpertin Marie-Luise Wolff rechnet mit Reiches Plänen ab und wirft der Ministerin vor, ideologiegetrieben zu handeln. Wolff ist Co-Vorsitzende der Wirtschaftsvereinigung der Grünen, einer parteinahen Interessenvertretung, die den Austausch zwischen Wirtschaft und den Grünen organisiert. Im Interview mit t-online spricht die langjährige Managerin darüber, was die Politik von der Wirtschaft lernen und wie das wirtschaftlich schwächelnde Deutschland wieder auf die Beine kommen kann. Auch zu den aktuellen Gedankenspielen um Schwarz-Grün im Bund hat Wolff eine Meinung. t-online: Frau Wolff, die Grünen gelten oft als wertegetrieben, aber nicht unbedingt als wirtschaftsnah. Eine Fehlannahme? Marie-Luise Wolff : Ja. In Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen packen Ministerpräsident Cem Özdemir und Wirtschaftsministerin Mona Neubaur jeweils mit der CDU den Bürokratieabbau beherzt an. Schleswig-Holstein schreibt wirtschaftliche Erfolgsgeschichte durch Erneuerbare, mit einer schwarz-grünen Koalition ohne Krach. Im Bundestag fallen mir spontan Katharina Dröge und Katharina Beck als Expertinnen ein. Mit Sandra Stein ist eine junge Familienunternehmerin aus dem Sauerland neu in der Fraktion. Da kann ich keine Wirtschaftsferne erkennen. Warum gelingt es den Grünen dennoch nicht, als Partei des wirtschaftlichen Aufschwungs wahrgenommen zu werden? Ich glaube, dass das Bashing der Grünen während der Ampelzeit nachwirkt. Da hat sich ein Urteil gebildet, das schwer auszuräumen ist. Für mich ist klar: Eine zukunftsfähige Wirtschaftspolitik kann nur grün sein, und zwar im inhaltlichen Sinne, nicht im parteipolitischen. Die Transformation zur Klimaneutralität ist ein Innovationstreiber. Deshalb engagiere ich mich bei der Wirtschaftsvereinigung der Grünen, obwohl ich kein Parteimitglied bin. Haben die Grünen in der Vergangenheit zu oft über Verzicht und Verbote gesprochen? Wahrscheinlich. Aber der Kernpunkt Ihrer Frage ist: in der Vergangenheit. Wie kann Deutschland klimaneutral werden, ohne dass gleichzeitig der Industriestandort geschwächt wird? Die weltweite Situation zeigt eindeutig: Wir müssen weg von den Fossilen. Es ist schlicht falsch, dass diese günstiger sind als die Erneuerbaren. Aber wir haben in den vergangenen 20 Jahren nicht genug Netze ausgebaut, damit der Strom aus den Erneuerbaren in die großen Verbrauchszentren kommt. Außerdem: Der Strompreis muss runter. Die Stromsteuer ist das eine. Wir brauchen auch den Industriestrompreis, also einen staatlich festgelegten oder subventionierten Stromtarif für energieintensive Unternehmen. Der kommt leider jetzt erst und ist bis 2028 begrenzt. Drei Jahre sind aber für die Planungssicherheit der Unternehmen zu wenig. Der Ausbau der Netze ist sehr teuer. Ja, das stimmt. Diese Kosten werden derzeit als Bestandteil des Strompreises auf Industrie und Bürger umgelegt. Das halte ich für falsch. Stattdessen sollten wir dafür den Klima- und Transformationsfonds nutzen, um Netzentgelte dauerhaft zu senken. Ist Deutschland beim Ausbau der Erneuerbaren zu schnell gewesen – ohne Netze, Speicher und Infrastruktur ausreichend mitzudenken? Der Ausbau der Erneuerbaren war nicht zu schnell. Andersherum wird ein Schuh draus. Beim Ausbau der Netze wurde einfach nicht genug getan. Jahrelang wurde darüber gestritten, ob neue Stromleitungen über Masten oder unter der Erde gebaut werden sollen – diese Diskussionen lähmen. Wir brauchen aber Tempo. Aber war das dann nicht auch ein Fehler des grünen Wirtschaftsministers Robert Habeck? Der Ausbau der erneuerbaren Energien war definitiv kein Fehler – sonst wären wir heute nicht bei einem Anteil von rund 60 Prozent am Strommix. Beim Netzausbau hätten alle mehr machen können und müssen, auch schon vor der Ampel. Und die jetzige Regierung bremst sogar. Das beste Beispiel dafür ist das geplante Netzpaket von Ministerin Reiche, das die Energiewende gefährdet. Sind aktuell nicht negative Strompreise ein großes Problem? Ministerin Reiche hat doch einen Punkt, wenn sie sagt: Der Staat kann keinen Strom vergüten, der gerade keinen Marktwert hat. Ein negativer Strompreis entsteht, wenn das Angebot die Nachfrage übersteigt. Dann müssen die Stromerzeuger dafür Geld zahlen, dass ihnen Strom abgenommen wird. Aber das liegt doch am mangelnden Netzausbau und an fehlenden Speichern. Was mich dabei stört: Wir reden über nicht genutzten Strom. Aber den könnten wir ja nutzen oder speichern. Dafür brauchen wir die Digitalisierung mit Smart Metern, also intelligenten Stromzählern, damit Strom flexibel dann verbraucht werden kann, wenn er im Überfluss da ist, wenn die Sonne scheint und der Wind weht. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche setzt stark auf neue Gaskraftwerke als Absicherung für Dunkelflauten , spricht von einer "Lebensversicherung" und "Versorgungssicherheit". Ist das nicht notwendiger Pragmatismus? Dass wir Gaskraftwerke brauchen, hat schon Robert Habeck gesagt – und zwar in genau der Kapazität, die jetzt auch von Ministerin Reiche umgesetzt wird. Diese Kraftwerke brauchen wir als Übergangstechnologie für Zeiten mit wenig Wind und Sonne. Aber sie dürfen nicht die einzige Antwort sein. Ich verstehe nicht, warum Reiche Batteriespeicher ausbremst. Ja, wir brauchen mehr Flexibilität. Ein einfaches Beispiel: Mein Cousin nutzt einen dynamischen Stromtarif. Er schaut in einer App nach, wann der Strom billig ist, bevor er manche Geräte einschaltet, die viel verbrauchen. Neue Heizungen sollen künftig auch wieder mit Öl oder Gas betrieben werden können, Reiche spricht von "Energieoffenheit". Auch das kritisieren die Grünen, dabei war es doch gerade die fehlende Flexibilität, die Haus- und Wohnungseigentümer gegen Habecks Gesetz aufgebracht hat? Aber das ist doch eine verdrehte Logik. Die Botschaft mit dem neuen Gesetz lautet: Wir brauchen jetzt erst mal nichts zu tun. Das scheint eine Entlastung zu sein, aber wo führt die hin? Das neue Gesetz heißt Gebäudemodernisierungsgesetz, ohne dass irgendetwas am Gebäude modernisiert werden muss. Wir steigern die Gasverbrennung in einer Zeit, in der das Gas immer teurer wird. Und dabei spiegeln die Energiepreise heute nicht mal die realen Knappheiten wider. Warum nicht? Weil alle gerade ihre Reserven raushauen. Das heißt, der reale Preis ist noch höher. Das neue Gesetz lässt die Verbraucher in die Kostenfalle laufen. Dazu kommt: Der Ausstoß an Treibhausgasen bleibt weiter zu hoch und befeuert Klimarisiken, die teuer und gefährlich sind. Aber wenn die Pläne vom damaligen Wirtschaftsminister angeblich so vernünftig waren, warum konnte er damit die Bürgerinnen und Bürger nicht überzeugen? Die Änderungen am Gebäudeenergiegesetz unter Habeck wurden von Anfang an schlechtgeredet. Seien wir doch mal ehrlich: Dieses neue Gesetz von Ministerin Reiche ist ein ideologisches Gesetz. Das sogenannte Heizungsgesetz musste weg , koste es, was es wolle. Dabei hatten sich alle in der Wirtschaft inzwischen darauf eingestellt. Nun wird das wieder infrage gestellt, es fehlt Planungssicherheit. Investitionen bleiben aus, Betriebe werden schließen müssen. Aber hat nicht auch Habeck damals Fehler gemacht? Wie kann es sein, dass Deutschland sich bis heute so an einem Gesetz abarbeitet? Ja, definitiv. Die Grünen haben damals vor allem kommunikative Fehler gemacht. Man hätte die Tatsache, dass man die Menschen vor den hohen Preisen der Fossilen schützen möchte, viel konsequenter in den Vordergrund stellen müssen. Es gab dann nachträglich noch viele Verbesserungen am Gesetz, aber gegen die Hetze hat das nicht mehr geholfen. Sie und auch die Grünen sparen nicht mit Kritik an Frau Reiche. Gibt es auch etwas, das sie richtig macht? Positiv ist auf jeden Fall, dass der Bau neuer Kraftwerke endlich vorankommen soll. Ich hätte Batterien allerdings nicht so stark außen vor gelassen. Gut finde ich außerdem, dass die staatlichen Förderungen im Gebäudemodernisierungsgesetz bestehen bleiben. Falsch bleibt das Signal, das das Gesetz insgesamt aussendet. Was erwarten Sie von der Bundesregierung mit Blick auf die Energiekrise, ausgelöst durch den Krieg im Nahen Osten? Ganz offensichtlich steckt US-Präsident Donald Trump in der Klemme. Er weiß nicht mehr, wie er aus dem Krieg gegen den Iran herauskommen soll. Der Iran kann immer wieder drohen, die Straße von Hormus zu schließen, und die Weltwirtschaft ins Wanken bringen. Davon könnten andere Länder lernen. Es gibt ja noch andere wichtige Handelsrouten, etwa die Straße von Malakka in Südostasien. Gut, das Problem ist offensichtlich. Aber was bedeutet das für Deutschland? Wir müssen die Abhängigkeiten reduzieren, selbst resilient werden. Deutschland muss das endlich begreifen. Und der Krieg im Iran zeigt ja, welche Folgen die Abhängigkeit von Öl und Gas hat. Sie kommen aus dem Management großer Unternehmen. Was haben Sie dort am meisten über Führung gelernt, das in der Politik oft fehlt? In jeder Führungsriege gibt es unterschiedliche Perspektiven. Das Wichtigste ist dann aber: gegenseitig Vertrauen gewinnen. Das fehlt der aktuellen Regierung, da arbeitet jeder an seinem eigenen Parteienprofil. Das ist der Tod einer Koalition. Damit die Maschine läuft, muss unter der Oberfläche viel passieren. Bundeskanzler Friedrich Merz rühmt sich für seine eigenen Erfahrungen in der Wirtschaft, er war etwa Aufsichtsratsvorsitzender bei Blackrock … Also, was Bundeskanzler Merz dort an wirtschaftlicher Erfahrung gesammelt hat, kann ich nicht beurteilen. Aber wer ein Unternehmen schon einmal durch eine Krise gesteuert hat, lernt fürs Leben. Auch für die Politik wäre das eine wichtige Schule. Ein erfolgreiches Unternehmen würde nicht auf die Idee kommen, wie mit dem Rasenmäher an allen Stellen pauschal zu kürzen. Sie meinen die Idee des Unions-Fraktionsvorsitzenden Jens Spahn , alle Subventionen und Steuervergünstigungen pauschal um fünf Prozent zu kürzen, um die Steuerreform zu finanzieren? Genau. Das halte ich für falsch. Wenn ich pauschal rasiere, kürze ich auch in den Wachstumsbereichen. Das ist zu wenig differenziert. Es zeigt, dass die Regierung nicht darüber nachgedacht hat, welche Prioritäten sie wie setzen will. Pro & Kontra zu pauschalen Subventionskürzungen: Dieser Vorschlag ist eine Frechheit Welche drei Maßnahmen würden Sie denn morgen beschließen, um wieder Wachstum in Deutschland zu erzeugen? Erstens müssen die Energiepreise längerfristig gesenkt werden, vor allem für die Industrie. Zweitens sollten wir das Sondervermögen tatsächlich für zusätzliche Investitionen nutzen, für den Ausbau der Stromnetze, für bessere Infrastruktur und schnelleres Internet. Drittens ist der schnellste Konjunkturimpuls oft nicht neues Geld, sondern das Wegräumen von Bremsklötzen. Deshalb brauchen wir Tempo bei Genehmigungen und ähnlichen Vorgängen. Sehen Sie denn in der Koalition auch jemanden, der seinen Job besonders gut macht? Ja, Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) macht einen guten Job. Mit ihrer Gesundheitsreform ist sie vorangegangen. Da ist jetzt was Konkretes, über das man sprechen kann. Und der beliebteste Politiker ist weiter Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD). Ich kann seine Politik gar nicht im Detail beurteilen, aber kommunikativ macht er vieles richtig. Schwarz-Grün: Da liegt was in der Luft Die Grünen senden aktuell kleine Signale an die Union, es wird über Schwarz-Grün diskutiert. Die Bundestagswahl ist zwar noch ein paar Jahre hin. Doch was löst eine mögliche schwarz-grüne Koalition im Bund bei Ihnen aus? Nun ja: Zwei Bundesländer werden Schwarz-Grün regiert, darunter das bevölkerungsreichste, Nordrhein-Westfalen. Und das drittgrößte, Baden-Württemberg, Grün-Schwarz. Alle geräuschlos und auch wirtschaftlich erfolgreich. Eine Zusammenarbeit der beiden Parteien, auch im Bund, muss immer eine Option sein. Das klingt nicht nach einer Liebesheirat? Erstens müssen Koalitionen keine Liebesheiraten sein. Zweitens und wichtiger: Grüne und Union sind sich kulturell und auch von ihren Werten oft sehr nah. Ich selbst bin dafür das beste Beispiel: eigentlich eher konservativ, aber überzeugt von grünen Positionen. Frau Wolff, herzlichen Dank für das Gespräch.