Heidelberg: Moreau und Kadouch spielten abseits des Mainstream
Von Klaus Roß
Heidelberg. Ein Duoabend für Violoncello und Klavier ganz ohne die üblichen Verdächtigen von Beethoven bis Schostakowitsch? Dazu mit einem originellen französischen Spezialitätenprogramm, das statt der sonst obligatorischen Debussy-Sonate als Höhepunkt die monumentale Sonate einer unbekannten romantischen Komponistin bereithält? Mehr Überraschungen als Edgar Moreau und David Kadouch beim jüngsten Heidelberger "Kammermusik Plus"-Konzert in der gut besuchten Alten Aula kann man kaum bieten.
Eine höchst willkommene Rarität war bereits Francis Poulencs eingängige Cellosonate von 1948, die der 24-jährige Cellist und sein 33-jähriger Klavierpartner in wunderbar luzidem und ausgewogenem Zusammenspiel zum perfekten Auftakt-Muntermacher veredelten. Der träumerisch-zarte "Cavatine"-Mittelsatz und das wahrhaft "très animé et gai" pulsierende "Ballabile"-Scherzo wirkten besonders unwiderstehlich.
Schönste künstlerische Chemie verrieten Moreau und Kadouch auch bei ihrem fulminanten Plädoyer für die im Vergleich zur Geigenfassung eher selten aufgeführte Celloversion von César Francks großer A-Dur-Sonate (Arrangeur: Jules Delsart). Wer diese vom Komponisten autorisierte Fassung bislang noch nicht als absolut ebenbürtige Alternative erlebt hatte, wurde hier endgültig eines Besseren belehrt.
Herausragend die selbst in exaltiertesten Passagen immer erlesene Klangkultur beider Musiker, enorm der Reichtum an farblich-dynamischen und gesanglich-artikulatorischen Nuancen, grandios das rhapsodische Feuer des instrumentalen Dialoges: Moreau und Kadouch ließen Francks Repertoirehit mit ihrem ebenso klugen wie leidenschaftlichen Zugriff gleichsam in neuer Frische erstrahlen.
Zur Entdeckung des Abends aber geriet fraglos die auf Racines Liebestragödie "Titus et Bérénice" basierende viersätzige "Grande Sonate dramatique" von Rita Strohl (1865-1941). Keine Geringeren als Camille Saint-Saëns, Gabriel Fauré oder auch Pablo Casals zählten zu den Bewunderern der vor allem in jungen Jahren beachtlich erfolgreichen Komponistin (geb. Marguerite Larousse-La Villette).
Mit ihrer über halbstündigen Programmsonate von 1892 wollte sie offenbar sogar die Klangwucht der sechs Jahre zuvor entstandenen Franck-Sonate noch übertreffen. Die beinahe unendlich sich ergießende Melodien- und Farbenfülle des eher grob der Vorlage folgenden Werkes erinnert nicht zuletzt an Strohls überlieferte Wagner-Begeisterung.
Moreau und Kadouch zelebrierten die lyrisch-dramatische Opulenz dieses einzigartigen Fundstückes so bravourös geschmackssicher, dass jede Schmachtfetzen-Gefahr wie selbstverständlich gebannt schien. Freunde leuchtkräftig-sonorer Cellokantabilität und schmiegsam-sublimer Klavierbrillanz kamen hier nochmals voll auf ihre Kosten. Entdeckenswert auch die vom Heidelberger Publikum vehement geforderte Zugabe: Fernand de la Tombelles "Andante espressivo"-Ohrwurm aus dem Jahre 1900 brauchte den Vergleich etwa mit Saint-Saëns’ "Schwan" nicht zu scheuen.