Neue Filiale in Eppingen: Buchhandelskette rät heimischem Händler zu schließen
Eppingen. (apo) "Es gibt nichts Spannenderes, als eine gute Geschichte", steht auf dem Werbeplakat am Bauzaun vor dem künftigen Geschäftshaus in der Brettener Straße. Das große süddeutsche Buchhandelsunternehmen Osiander will dort im zweiten Quartal des kommenden Jahres auf 180 Quadratmeter Ladenfläche sein Sortiment an die Kunden bringen.
Angesichts der direkt gegenüber liegenden alteingesessenen Buchhandlung von Karl Knoll mag sich da manch Kunde verdutzt die Augen reiben. Man wittert Unheil für die vier bereits vor Ort tätigen Buchhändler. Doch Geschäftsführer Christian Riethmüller sieht in der neuen Filiale, trotz einer nicht von der Hand zu weisenden Konkurrenz, eher einen Gewinn für alle Seiten.
"Das wird mich Umsätze kosten", ist sich dagegen Karl Knoll bewusst. Verärgert ist er aber vor allem über den Brief des Geschäftsführers, in dem dieser ihm nahelegt, sein Geschäft doch zu schließen und sich zur Ruhe zu setzen. Alternativ könne er ja an ihn verkaufen und bei ihm einsteigen. "Vorausgesetzt die Chemie zwischen uns stimmt", so heißt es da einschränkend. An anderen Orten habe das gut funktioniert und sei ein Gewinn für beide Seiten gewesen.
Riethmüller sieht in der Fachwerkstadt "ausreichend Markt" für zwei Buchhandlungen. Grundlage für seine Berechnung der Umsatzmöglichkeiten ist die Einwohnerzahl. Pro Jahr gebe jeder etwa 100 Euro für das gedruckte Wort aus. Summasummarum sind das gut zwei Millionen. Zieht man davon diejenigen ab, die trotz eines interessanten Vorortangebotes lieber per Mausklick im Versandhandel bestellt, bliebe trotzdem noch ein "brachliegender Umsatz von einer Million Euro" übrig.
Diesen für sich zu verbuchen setzt allerdings voraus, dass man Kunden aus dem Internet zurückgewinnt und die Jugend vom Smartphone und der Nutzung Neuer Medien hin zum Bücherlesen bewegen kann. Damit das gelingt, setzt man bei Osiander auf Erlebnisangebote. "Eine Nacht in der Buchhandlung" ist nur eines davon. "Wir werden auch verstärkt in die Schulen gehen", sagt Riethmüller, der zudem die Erfahrung gemacht hat, dass Kinder einem Buch nur schwer widerstehen können.
Neben einem Angebot an Lesungen will man außerdem Mitglied im Handels- und Gewerbeverein werden und sich an den besonderen Einkaufsveranstaltungen der Stadt beteiligen. "Es ist nicht unsere Absicht, den Inhaber geführten Buchhandel vor Ort kaputtzumachen", schreibt Riethmüller in seinem Brief. Er ist sich sicher, dass man voneinander profitiert, denn was der eine nicht vorrätig hat, hat vielleicht der andere im Regal stehen.
Der Service ist ähnlich: Bücher kann man über Nacht bestellen, fachkundige Beratung und Kaffee gibt es bei beiden, eine Leseecke auch. Womit Knoll allerdings punkten kann, ist, dass er seit mehr als 30 Jahren vor Ort ist und seine Kunden und deren Leseinteressen kennt. Birgit Griese beispielsweise findet das derzeitige Angebot ausreichend für Eppingen und den Service sehr gut. Dass "kleine Buchläden viel mehr Charme haben", meint Maike Helm. Sie hofft, dass dann keine der bereits bestehenden vier Buchhandlungen die Ladentür für immer schließen muss.
Ganz so große Sorgen will sich Knoll jedoch noch nicht machen, denn oft wird am Ende nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Branchendaten von Media Control sprechen bei der Umsatzentwicklung zwischen unabhängigen Buchhändlern und Filialisten von einer "Schere, die weit auseinanderklafft". Während Erstere vom 1. Januar bis 28. Oktober 2018 um 0,5 Prozent zulegen konnten, gingen die Einnahmen der Filialisten um 5,2 Prozent zurück. Hinsichtlich der Einkaufsatmosphäre zeigt die Beliebtheitsskala bei den Kunden ein deutliches "Daumenhoch-Symbol".