Wiesloch: Als in der Region das Beat-Fieber grassierte
Wiesloch. (oé) Dieses Buch ist eine einzige Einladung: Zum Blättern, zum Schmökern und Bilderanschauen. Weit über 300 Aufnahmen finden sich auf den gut 140 Seiten des aufwendig gestalteten Bandes, zumeist sind es historische Fotos aus den 1960er Jahren. Das hat seinen Grund. Denn das Buch befasst sich mit den Bands, die seinerzeit in der Rhein-Neckar-Region Musik machten.
"Beat-Fieber zwischen Rhein und Neckar" lautet sein treffender Titel. Wer in der damaligen regionalen Musikszene einen Namen hatte, der findet sich hier: angefangen bei der jungen Joy Fleming über Franz Scheucher oder Gerhard "Schreier" Kern (von der legendären Big Roll Band) bis hin zu einer Band wie "Splurge", die Ende der 60er Jahre die Rock-Ära in Wiesloch einläutete.
Die lange Liste der Band-Namen beginnt bei den "Adventures" und endet bei den "Turkeys" und "Typhoons". Sie alle werden von Autor Wolf Dieter Straub ebenso kenntnisreich wie liebevoll porträtiert. Dabei wird eine Zeit lebendig, in der ein ganz neues Lebensgefühl aufkam: Alte Zöpfe wurden abgeschnitten, die Röcke wurden kürzer und die Haare länger. Man träumte von Aufbruch und Freiheit und suchte beides auch in der neuen Musik.
All das hat Wolf Dieter Straub in seinem Buch wunderbar eingefangen. Die Zeit und ihre Bands hätten sich in der Tat kaum einen besseren Chronisten wünschen können als den mittlerweile 63-Jährigen. Denn die Musik hat den Ur-Wieslocher ein Leben lang gefesselt und begleitet. Sein Onkel Hannes schenkte dem Zwölfjährigen einen alten Kofferplattenspieler mit den ersten Singles von den Beatles und den Rattles. Zum 13. Geburtstag wünschte er sich dann "Delilah" von Tom Jones. Weil das Original nicht zu bekommen war, musste notgedrungen die deutsche Version von Peter Alexander genügen.
Aber egal: Die Leidenschaft war geweckt und Wolf Dieter Straub begann Platten zu sammeln - anfangs wegen der begrenzten Mittel noch in sehr bescheidenem Umfang, in späteren Jahren wurden es dann aber immer mehr. Heute besitzt der Bankkaufmann im Vorruhestand viele tausend davon - Singles vor allem. Dass die kleinen Schallplatten im Grunde nur für diesen einen Titel hergestellt wurden, hatte für Wolf Dieter Straub immer "einen ganz besonderen Charme", wie er erzählt. Und was den Klang angeht, so sind die alten Vinyl-Platten seiner Überzeugung nach mit ihrem warmen, natürlichen Klang ohnehin unschlagbar - kein Vergleich jedenfalls zu den digitalen Tonträgern von heute.
So war Wolf Dieter Straub Dauergast auf den Flohmärkten und Plattenbörsen der Region, als die CD in den 80er Jahren ihren Siegeszug antrat und die Leute ihre alten Plattensammlungen aussortierten. "Ich war dankbarer Abnehmer", sagt er. Bald hat er sich auf Singles vor allem deutscher Beatbands spezialisiert. Platten von den Lords, den Rattles oder Rainbows gehören heute selbstverständlich zu seinem Tonarchiv, aber auch Raritäten wie ein Titel der Heidelberger Band Lightnings, den die Musiker damals im Tonstudio Scherer in Heidelberg aufgenommen haben.
Freilich hörte Wolf Dieter Straub von Anfang an nicht nur Beatmusik. Die Beat-les mochte er genauso wie die härteren Rolling Stones (ein Entweder-oder gab es für ihn nie). Dazu kamen die neuen Rockbands, die am Übergang von den 60er zu den 70er Jahren wie Pilze aus dem Boden schossen. "Den Kultfilm ’Easy Rider’ habe ich, glaube ich, 20 Mal gesehen", erzählt er. Wie ein "Bindeglied" wirkte dabei für ihn die Wieslocher Band "Splurge", in der auch sein Bruder Rüdiger aktiv war. Die Musiker um Gitarrist Werner Hable und Sänger Roland Oehmann hatten die alten Sachen genauso drauf wie Rocksongs von Taste oder Black Sabbath, vor allem aber spielten sie Stones-Klassiker. Und sie waren für ihn Ansporn, selber Musik zu machen.
Seine ersten musikalischen Gehversuche hatte Wolf Dieter Straub schon als Kind auf der Blockflöte und dem Akkordeon unternommen. Doch das passte nun nicht mehr so recht. Also begann er mit dem Singen. Ein erstes Bandprojekt blieb jedoch zunächst Episode. Die Konkurrenz der Bands war groß, die Auftrittsmöglichkeiten waren begrenzt und eine eigene Gesangsanlage unerschwinglich, erzählt er.
Mit Anfang Dreißig ist Wolf Dieter Straub aber dann zu seiner ersten Liebe, der Musik, zurückgekehrt. Er wurde Sänger der Band "DeeJays", die seit mehr als 20 Jahren in praktisch unveränderter Besetzung Musik macht (Beat und Rock natürlich) und die schon bei so legendären Acts wie den Temptations oder Manfred Man’s Earth Band im Vorprogramm spielte. Seiner Rock’n’Roll- und Beat-Leidenschaft frönt Wolf Dieter Straub seit 2003 auch in einer zweiten Band, den "New Phantoms". Außerdem ist gerade ein aktuelles Projekt im Werden, das dem progressiven Rock von Pink Floyd bis Santana huldigt.
So entstanden über die Jahre viele Kontakte zu anderen Musikern, man tauschte Geschichten aus, Wolf Dieter Straub sammelte Fotos und andere Dokumente, bis er schließlich genug Material zusammenhatte, um ein Buch daraus zu machen. Zwei Gedanken leiteten ihn dabei: zum einen, all das zu dokumentieren, was er in unzähligen Gesprächen und Interviews erfahren hatte, damit "das Wissen nicht verloren geht". "Das alles musste festgehalten und aufgeschrieben werden", so seine Überzeugung. Und zudem wollte er dieses ganz besondere Lebensgefühl der Jugend in den 60ern "rüberbringen", wie er erzählt.
Im Stadtarchiv Heidelberg, in das ihn seine Nachforschungen geführt hatten, fand er einen idealen Partner für die Realisierung des Projekts. Dessen Schriftenreihe hatte sich schon früher mit dem Musikleben Heidelbergs befasst und so unterstützte das Stadtarchiv nun gerne das Beat-Projekt und nahm es in seine Reihe auf. "Sonst hätte ich das in der Form gar nicht machen können", sagt Wolf Dieter Straub. Und da sind noch andere, denen er für ihre wertvolle Hilfe bei der Entstehung des Buches danken möchte: zunächst seinem Band-Freund Manfred Hausen, dann dem Verlag Regionalkultur für die liebevolle Gestaltung und nicht zuletzt seiner Frau Brigitte, die ihm stets den Rücken freigehalten hat.
Seit vergangenem November liegt das Ergebnis jahrelanger Recherchearbeit nun vor - und die Resonanz ist dem Autor zufolge "sehr positiv". Viele, die dabei waren, bestätigen ihm: Genauso war es. Dies, obwohl der Autor selbst auch ein wenig Bedenken hatte: Ist es nicht eigentlich ein Widerspruch, über Musik zu schreiben? Sollte man sie nicht besser hören? Ganz offensichtlich ist es ihm aber gelungen, diese Hürde zu nehmen. Und beides lässt sich ja auch wunderbar kombinieren: im Buch zu blättern und gleichzeitig die dazu passende Musik zu hören.
Wolf Dieter Straub sammelt übrigens fleißig weiter Informationen und Fotos aus jener Ära. Vielleicht können sie ja irgendwann für eine erweiterte Zweitauflage verwendet werden. Und sogar eine Fortsetzung in die 1970er Jahre will der Autor "nicht ausschließen".
Info: Wolf Dieter Straub, "Beat-Fieber zwischen Rhein und Neckar" - ein Streifzug durch die Szene der Rock’n’Roll- und Beat-Bands der 1960er Jahre im Raum Heidelberg-Mannheim; Sonderveröffentlichung in der Schriftenreihe des Stadtarchivs Heidelberg, Verlag Regionalkultur, 2019; Preis: 17,90 Euro.