"Women’s March" Heidelberg: 400 Stimmen gegen die Ungleichheit
Von Karla Sommer
Heidelberg. Müssen da erst ein Donald Trump und ein Harvey Weinstein kommen, um der Frauenbewegung wieder Beine zu machen? So wie am Samstag in der Heidelberger Innenstadt, als gut 400 Frauen - aber auch zahlreiche Männer und Kinder - beim "Women’s March" vom Ebertplatz zum Rathausplatz zogen - und das ziemlich laut, bunt und selbstbewusst.
Dabei ist es angesichts der Tatsache, dass die Frauenbewegung in Deutschland eine längere Geschichte hat, eigentlich bemerkenswert, dass sich Frauen auch heute noch Sorgen machen. So wie Jeannette Eusterfeldhaus, die dem Facebook-Aufruf zu dem Protestmarsch gefolgt ist und den Neoliberalismus beklagt, der ihrer Meinung nach "die Demokratie und die Rechte der Frauen bedroht". Oder auch die Kalifornierin Ophelia Hill, die mitmarschiert, um für die Rechte und die Gleichstellung der Frauen zu demonstrieren. "Ich stehe für die Frauenrechte ein", formuliert auch Studentin Lisa Weygold ihr Anliegen. Ihre Begleiterin, die Studentin Miriam Kayakoparan, findet besonders gut, "dass heute auch Männer mitmachen".
Die Frauenbewegung, die 1849 mit Louise Otto-Peters erster deutscher Frauen-Zeitung anfing, in der das Wahlrecht, das Recht der Frauen auf Arbeit und Bildung im Fokus standen, erreichte am 19. Januar 1919 ihr erstes Ziel: Frauen durften das erste Mal ihre Stimme zur verfassungsgebenden Nationalversammlung abgeben. Darauf bezogen sich auch viele Plakate beim "Women’s March" in der Altstadt.
Aber nicht nur darauf, denn was schon vor 170 Jahren gefordert worden war, nämlich Gleichstellung und Unabhängigkeit, steht zwar heute auf dem Papier, doch die Wirklichkeit sieht, so hörte man es in Gesprächen, immer noch anders aus: "Womens rights are human rights" (Deutsch: Frauenrechte sind Menschenrechte), "Gleiche Arbeit - gleicher Lohn", aber auch "Der Kapitalismus ist männlich, die Zukunft weiblich" stand deshalb in bunten Lettern auf den geschwenkten Bannern. Aber auch witzige und dennoch traurige Sprüche waren dort zu lesen: "Es gibt in Dax-Vorständen mehr Männer, die Thomas und Michael heißen, als Frauen."
Und dass sowohl der US-Präsident Donald Trump als auch der amerikanische Filmproduzent Harvey Weinstein durch ihr sexistisches Verhalten mithalfen, den Women’s March und auch die MeToo-Aktionen ins Leben zu rufen, kam auch in den Beiträgen der Frauen unter dem Thema WeToo zur Sprache. Organisatorin Veronika Fröhlich, Dozentin an der Pädagogischen Hochschule mit amerikanischem und kanadischem Pass, sowie zwei Poetry-Slammerinnen auf dem Friedrich-Ebert-Platz und später die Amerikanerin Armanda Mohar und die Inderin Madhura De auf dem Rathausplatz stimmten die Menge angesichts der immer noch herrschenden Sexualisierung, Ungleichheit und Diskriminierung von Frauen ein, weiter zu kämpfen: "Fangt gleich an", tönte es oben vom Herkulesbrunnen am Rathaus, denn "enough is enough" - genug ist genug.
Und die Menge stimmte lautstark beim dritten Heidelberger Women’s March zu, dessen Wurzeln in Washington liegen. Er wurde am 21. Januar 2017, dem Tag von Trumps Amtseinführung, von der Hawaiianerin Teresa Shook ins Leben gerufen, weil sie die Reden Trumps als polarisierend, rassistisch und frauenfeindlich empfand. Bald darauf folgten weitere ähnliche Aktionen -weltweit.
Inzwischen hat sich die Thematik ausgeweitet. "Alle, die an Religionsfreiheit, an das Menschen- und Umweltrecht, an die Rassen- und ökonomische Gerechtigkeit und an die sexuellen und reproduktiven Rechte der Frauen glauben, sind eingeladen, ihre Stimmen zu unseren hinzuzufügen", lautete der Heidelberger Aufruf, dem sich am Abend in der Halle 02 eine "Women’s March After Party" mit der Frauenband "The Schogettes" und weiblichen DJ’s anschloss.