Heidelberg: Sasa Stanisic las in der Alten Weinfabrik aus seinem Buch "Herkunft"
Von Philipp Neumayr
Heidelberg. Bevor er dem nachging, wofür er eigentlich hier war, musste Sasa Stanisic noch etwas erledigen. Einmal auf die Alte Brücke. Ab zum Emmertsgrund. Ein Lauf am Neckar. Wenn der 41-jährige Wahl-Hamburger nach Heidelberg kommt, hat er "Gänsehaut". Jedenfalls verrät das ein Blick auf sein Twitter-Profil. Wer dem Autor an diesem Tag beim Twittern zuschaut, hat das Gefühl, da könne einer noch immer nicht so ganz begreifen, dass alles ist, wie es eben ist. Dass er einst ausgerechnet hier, in Heidelberg, landete. Dass er heute von sich behaupten kann, "ein Heidelberger Junge geworden zu sein".
Als Stanisic sich auf Einladung des Interkulturellen Zentrums hinter das Lesepult in der Alten Weinfabrik stellt, wirkt er noch immer ganz beseelt von diesem Tag im Zeichen des "Biografietourismus". Von einem Moment auf den anderen steht er da, auf dem Podium, legt los, liest. Und wie er liest. Die Arme schwingen, die Finger deuten, die Wörter fliegen, das "R" rollt. Stanisic und Sprache. Sprache und Stanisic. Das passt einfach.
Das war nicht immer so. 1992, als der Autor erstmals nach Heidelberg kommt, kann er auf Deutsch nur sagen: "Lothar Matthäus". Kurze Zeit später steht Stanisic an der "Tür zur deutschen Sprache". Der Eingangstür zur Internationalen Gesamtschule (IGH). Je öfter Stanisic diese Tür verlässt, je mehr Gepäck sein "Koffer voller Sprache" trägt, desto leichter wird er. Aber es ist nicht nur die Sprache, die Stanisic allmählich einen Boden unter den Füßen gibt. Da ist etwa auch "Dr. Heimat". Ein alter Mann mit Schnurrbart und Speedo-Badehose, der Stanisic eines Tages einfach nur freundlich grüßt. Einer, der ihm seine erste Amalgam-Füllung verpasst. Der ihn zum Angeln mit an den Neckar nimmt. Der ihm Brote schmiert und Saft einschenkt.
"Herkunft", Stanisics neues Buch, ist so etwas wie eine autobiografische Suche. Die Suche nach Antworten auf Fragen wie: Wo komme ich her? Was hält mich? Wie wurde ich zu dem, der ich bin? "Es gab immer wieder Augenblicke in meinem Leben, in denen alles hätte anders kommen können", erklärt Stanisic. Wenn er zurückblickt, dann seien es die "kleinen Geburten", die "kleinen Herkünfte", die seinen Weg zeichneten. "Lauter Momente, die einen Neuanfang bedeuteten." Momente wie dieser eine im April 1992. Als ein Polizist seiner Familie nahelegt zu verschwinden. Oder jener, als Stanisic das erste Mal auf die Heidelberger Schlossruine blickt.
"Jedes Zuhause ist ein zufälliges", schreibt Stanisic in "Herkunft". "Glück hat, wer den Zufall beeinflussen kann. Wer sein Zuhause nicht verlässt, weil er muss, sondern weil er will." Stanisic wollte nicht, er musste. Er musste, bevor ihn die "Unwirklichkeit des Bürgerkrieges" eingeholt hätte. Weg aus Visegrad, einer kleinen Stadt am rechten Ufer des Flüsschens Drina. Der Stadt, in der er 1978 geboren wird. In einem Land, "das es nicht mehr gibt".
Wie es der Zufall will, landet Stanisic, Kind einer muslimischen Bosnierin und Sohn eines Serben, in Heidelberg. An einem regnerischen Tag im August. "Es hätte ebenso gut Osloer Regen sein können", schreibt Stanisic. Es ist nicht Oslo, es ist Heidelberg. Hier wird er 13 Jahre wohnen. Hier wird er zur Schule gehen, studieren, erstmals die Hand eines Mädchens halten, Freunde finden. Hier wird er irgendwann ein "trotziges Selbstbewusstsein" entwickeln, eines , "das rief: Weil ich es kann!"
Vielleicht war es dieses Selbstbewusstsein, vielleicht aber auch nur die Verkettung weiterer Zufälle, die Stanisic hierher gespült hat. In den Alten Weinkeller. In die Rolle eines Bestseller-Autors, dessen mündliche und schriftliche Wortgewalt an diesem Abend 200 Menschen mal berührt und oft zum Lachen bringt. Sein Leben sei einfach nur ein mögliches Beispiel für die Geschichte eines Geflüchteten, erklärt Stanisic. Dass er diese Geschichte nun in eine Form gegossen hat - für Stanisic ein Akt der Befreiung. "Es ist, als hätte ich etwas erledigt", sagt er. "Eigentlich muss ich nie wieder über etwas schreiben."
Zurückkommen, noch einmal seine Geschichte erzählen - das will Stanisic aber schon im Herbst. Dieses Versprechen gab er Moderatorin Jagoda Marinic und allen, die im Vorfeld keine Karte mehr ergattern konnten. So richtig loslassen kann Sasa Stanisic eben nicht von dieser Stadt. Um das zu verstehen, muss man nicht einmal auf sein Twitter-Profil schauen.