Eberbacher Schütze: Martin Hildenbrand gewinnt zweimal Gold bei Deutscher Meisterschaft
Von Peter Bayer
Eberbach. Es waren seine 48. Deutschen Meisterschaften - doch noch nie war Martin Hildenbrand erfolgreicher als in diesem Jahr. Im Einzel holte er seinen neunten und zehnten Titel. Mit zwei Gold- und einer Bronzemedaille bei den Senioren Ü60 übertraf er sein Ergebnis des Vorjahres, als er Gold, Silber und Bronze gewonnen hatte. Mit der Mannschaft gewann er eine weitere Bronzemedaille.
Mit seinen 64 Jahren kann der Eberbacher auf eine lange Schützenkarriere zurückblicken - ans Aufhören denkt er aber noch lange nicht. Warum sollte er auch? "Ich schieße nicht schlechter als vor zehn oder 15 Jahren", sagt er, was die Ergebnisse auch zeigen. Seit er Rentner ist, hat er auch mehr Zeit fürs Training. Im Frühjahr hat er sich den Luxus gegönnt und ein neues Gewehr gekauft. "Ich habe im Sommer oft mit meinem Sohn Florian trainiert", erzählt er. Dabei hat er sich auf das neue Sportgerät eingestellt. "Ich will nicht sagen, dass ich mit meinem alten Gewehr nicht gewonnen hätte, aber es war schon ein gutes Gefühl."
Fast wäre der Eberbacher mit einer dritten Goldmedaille im Gepäck aus München zurückgekehrt. Doch ein Waffenkontrolleur hatte nach dem Mannschaftsschießen mit dem Zimmerstutzen am Dienstag etwas dagegen und disqualifizierte den völlig überraschten Hildenbrand.
Nach dem Schießen werden immer zehn Prozent der Starter ausgelost, deren Waffe zur Nachkontrolle muss. Der Kontrolleur bemängelte, dass das Zusatzgewicht mit 80 Millimeter Abstand zu weit unter der Laufachse gewesen sei, erlaubt wären nur 60 Millimeter. "Ich kante diese Regelung nicht, beim Kleinkaliber sind es 90 Millimeter."
Dabei war Hildenbrand nach negativen Erfahrungen aus dem Vorjahr extra noch vorher bei der freiwilligen Kontrolle gewesen und hatte dort das "Okay" bekommen. Doch nach dem Wettkampf habe sich jener Kontrolleur nicht mehr erinnern können". "Wenn es diese Regelung so gibt, ist das in Ordnung, aber warum hat das bei der Kontrolle vor dem Schießen keiner gesagt?", fragt sich Hildenbrand. Zumal ein größerer Abstand dem Schützen keinen Vorteil bringt.
Leid tut es ihm vor allem um einen seiner Mannschaftskollegen vom SSV Spechbach. "Für ihn wäre es die erste Medaille überhaupt bei einer Deutschen Meisterschaft gewesen." Ein Gutes hat sein Malheur doch noch. "Tags darauf schoss mein Sohn Florian mit der Waffe und wurde Deutscher Meister. Sonst wäre ihm das passiert. Was für den 64-Jährigen viel schlimmer gewesen wäre.
Der Routinier hat sich zwar über diese Entscheidung geärgert, sich aber nicht aus der Ruhe bringen lassen, nachdem er am Montag, dem ersten Wettkampftag, mit der Mannschaft des SSV Kronau mit dem Luftgewehr den dritten Platz belegt hatte. Er selbst hatte mit "391 Komma irgendwas" Ringen maßgeblichen Anteil daran. "Mit Bronze war ich ganz zufrieden", sagt er.
Wohl wissend, dass an den folgenden Tagen die Wettkämpfe im Kleinkaliber-Sportgewehr anstanden - seiner Paradedisziplin. Los ging’s mit "drei Mal 20 Schuss kniend, liegend und stehend". Nachdem er im Training schon immer gut geschossen hatte, rechnete er sich hier durchaus etwas aus. Zurecht, denn mit 570 von 600 möglichen Ringen auf die 50 Meter entfernte Scheibe war er an diesem Tag nicht zu schlagen. Mit 197 Ringen im Kniend-Anschlag schoss er das höchste Ergebnis aller Teilnehmer und legte damit den Grundstein zum Sieg.
Parallel zu seinem Wettkampf war die Siegerehrung der ersten Mannschaft des SSV Spechbach im Zimmerstutzen, bei der er unbedingt dabei sein wollte. Da gab es nur zwei Probleme: Man darf seine Ausrüstung erst einpacken wenn es der Kontrolleur erlaubt. Und zwischen dem Ende seines Kleinkaliberschießens und seinem nächsten Start mit der Armbrust lagen nur 30 Minuten.
"Die Kollegen haben mir geholfen, das Material zu transportieren, so dass ich es noch geschafft habe." Denn die Wettkampfstätten auf dem riesigen Areal der Olympiaschießanlage in München-Hochbrück liegen zum Teil weit entfernt. "Die Meisterschaften sind mit rund 6000 Teilnehmern die zweitgrößte Sportveranstaltung nach dem Deutschen Turnfest", erklärt er.
Allein in der großen Kleinkaliberhalle wird an 100 Ständen geschossen. Hildenbrand hat es nicht nur zur Siegerehrung der Kollegen geschafft, sondern auch noch zu seinem Armbrustwettbewerb, wo er mit Platz zwei seine zweite Einzelmedaille gewann. "Ich war körperlich total ausgelaugt", gibt er zu. Dann isst er eine Banane, "obwohl ich die sonst gar nicht mag.
Den größten Erfolg seiner Laufbahn machte der Eberbacher am Donnerstag im Kleinkaliber 100 Meter perfekt. Nach den ersten 20 Schuss hatte er bei nur zwei Neunern 198 Ringe. Die dritte Serie beendete er mit 96 Ringen, wobei er drei Mal "9,9" geschossen hatte. "Egal, gewonnen ist gewonnen", freute er sich über den großen Erfolg. Denn zwei Goldmedaillen hatte er schon einmal 2004 gewonnen, 2018 war es der komplette Medaillensatz - aber vier Medaillen waren es noch nie.
Groß Zeit zum Feiern blieb dem 64-Jährigen aber nicht. Weiter ging’s ins thüringische Suhl, wo erstmals die Senioren-Weltmeisterschaften ausgeschrieben waren. Dort waren viele Nationen vertreten, die Teilnehmer kamen zum Beispiel aus der Mongolei oder Australien, auch ein ehemaliger Weltcupsieger war dabei. Hildenbrand startete im Kleinkaliber. "Blöderweise kam ich auf den vierten Platz", ärgert er sich, weil ihm nur ein Ring zu Bronze fehlte. Nach 190 Ringen kniend und 196 liegend, lag er sicher auf Medaillenkurs. Doch die letzten zwei Schuss stehend - eine Sechs und eine Sieben - verpatzten alles.
Um sich im Alter so fit zu halten, achtet der 64-Jährige auf seine Gesundheit und eine gute Ernährung. "Ich bin zwar kein Gesundheitsapostel, aber ich versuche, normal zu leben", sagt er. Sommers wie winters geht er zudem jeden Tag um 7 Uhr schwimmen. Doch trotz seiner großen Erfahrung gilt auch für ihn "ohne Fleiß kein Preis", weshalb er jede Woche drei bis vier Mal trainiert.
Ziele hat er sich keine großen gesteckt. "Einfach weitermachen", sagt er. Denn auch wenn es dieses Jahr seine 48. Deutschen Meisterschaften waren, die Nervosität beim Wettkampf ist immer noch da. Auf ein Ziel legt er sich dann doch fest: "Die 50 Teilnahmen mache ich bestimmt voll", verspricht er.
Mit 16 Jahren ist Martin Hildenbrand zum ersten Mal bei den Deutschen Meisterschaften gestartet. Im Einzel hat er seither zehn Gold-, neun Silber- und neun Bronzemedaillen gewonnen. Mit der Mannschaft waren es fünf Mal Gold und je zehn Mal Silber und Bronze.