Oftersheim: "Heimat kann man nicht erklären, sondern nur erzählen"
Von Stefan Kern
Oftersheim. Dieser Film ist eine Kostbarkeit. "Heimat: Oftersheim - Ein deutsches Dorf erzählt" heißt der 90-minütige Dokumentarfilm von Florian Frei, der am Samstag erstmals im Rose-Saal gezeigt wurde. "Der Film ist ein Schatz", betonte Bürgermeister Jens Geiß. Nicht nur, weil er fast 80 Jahre Ortsgeschichte eindrucksvoll nacherzähle. 18 Zeitzeugen hat Frei für seinen Film befragt und so eine Definition von Heimat geschaffen, die ohne Ideologie und Verklärung auskommt.
"Heimat kann man nicht erklären, sondern nur erzählen", sagt Frei, der den Film im Auftrag des Heimat- und Kulturkreises Oftersheim drehte. Mit der Dokumentation hat der Regisseur einen Begriff, der oft zur Abgrenzung verwendet wird, in etwas Offenes und Freundliches verwandelt. Heimat ist nicht ein Aspekt, sondern viele. Ein Puzzle, das sich aus unzähligen Geschichten zusammensetzt.
Die 12.000- Einwohner-Gemeinde steht dabei stellvertretend für viele andere deutsche Dörfer. Am Anfang erzählen Hilde Rauchholz (Jahrgang 1933) und Siegwald Kehder (Jahrgang 1936) vom Zweiten Weltkrieg und den Nächten voller Angst im Keller. Es sind kleine Geschichten, fast Nebensächlichkeiten, die dem Schrecken ein Gesicht gaben. Zum Beispiel die Listen mit den Namen der Gefallenen, die das Leid wöchentlich in die Gemeinde trugen. Eindrücklich spricht auch Romani Rose, der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma. Er wurde 1946 geboren und erinnert sich noch genau an die Ausgrenzung und Demütigung, unter der seine Eltern litten.
Als die Amerikaner das Dorf am 31. März 1945 befreiten, konnten viele Oftersheimer zum ersten Mal seit Langem wieder durchschlafen. Die Nazis, von denen es laut Rauchholz viele in Oftersheim gab, verschwanden für einige Zeit von der Bildoberfläche. Aber sie kamen wieder und lebten ihr Leben weiter. In seinem Film klagt Florian Frei nicht an, sondern beschreibt einfach.
Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen auch viele Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten in die Kurpfalz. Einer von ihnen war Roland Seidel, der vor Kurzem sein 50-jähriges Jubiläum als Gemeinderat feierte. Er kam 1946 als Fünfjähriger aus dem Sudetenland nach Oftersheim. Unter den 4000 Einwohnern der Gemeinde waren damals mehr als 1000 Geflüchtete.
Die "Flucht" ist das zentrale Element des Films. Nachdem sein Vater von religiösen Fundamentalisten ermordet und er selbst bedroht worden war, floh Arsalan Najafee 2015 aus Afghanistan nach Deutschland. Für beide, Seidel wie Najafee, war der Weg in die neue Heimat schwierig. Aber genau das bereichere eine Gemeinde und bringe sie voran, betonte Sigmar Kehder. Als ehemaliger Bürgermeister leitete er 24 Jahre lang die Geschicke der Gemeinde.
Der Ort habe sich vom kleinen Kuhdorf in eine große, attraktive Gemeinde verwandelt, so Kehder. Allerdings sei der soziale Zusammenhalt brüchiger geworden. "Früher kannte jeder Jeden, das ist heute nicht mehr so", sagt Kehder. Unter den Zeitzeugen sind auch eine italienische und eine türkische Familie, die sich in Oftersheim eine neue Heimat aufgebaut haben. Die alte sei deshalb aber nicht automatisch weg, sondern immer noch Teil ihrer Identität, erzählen sie.
Wie sehr sich das Dorf verändert hat, wird auch am Beispiel der Kommunalpolitik deutlich. Als Hilde Rauchholz in den 60er-Jahren in den Gemeinderat gewählt wurde, sagten ihre männlichen Kollegen, sie brauche nicht alles zu verstehen. Es genüge, wenn sie die Hand hebe, wenn die anderen sie heben. Für heutige Verhältnisse unvorstellbar.
Die Zuschauer hat Florian Frei mit seinem Film tief berührt. "Ich habe viel gelernt", sagte Walter Noe. Tanja Pudack hätte gern noch mehr über andere Themen als den Aspekt Flucht erfahren. "Aber das gab die Zeit wohl nicht her."
Info: Der Film "Heimat: Oftersheim - Ein deutsches Dorf erzählt" ist ab sofort für 10 Euro im Bürgerbüro des Rathauses erhältlich.