Die Gehrig-Twins beim Samarathon in Israel: Schnappatmung in der Wüste
Es ist eine ganze Weile her, seitdem wir zum letzten Mal zusammen als Twins-Team ein Marathon-Rennen bestritten. Ok, wirklich danach gesucht haben wir natürlich auch nicht. Dem Ruf von Noga Korem, unserer israelischen Freundin und Konkurrentin aus der Enduro World Series, müssen wir aber einfach folgen: Inmitten des europäischen Winters zu einem Marathon-Rennen in Israels Wüste aufbrechen? Okay Noga, wir sind dabei!
Und welches Sportgerät wählt man für Marathon-Rennen? Richtig, Enduro-Bikes natürlich … nicht. Leider aber haben unsere leichten Trail-Raketen schlicht und einfach nicht rechtzeitig den Weg zu uns gefunden. So müssen leichtere Laufräder und dünnere Reifen mit Turboblitz-Gummimischung für den Ausdauertrimm unserer Boliden ausreichen – Ambitionen auf die vorderen Ränge haben wir eh nicht.
Du entfliehst dem zu warmen Winter, der mehr Regen als Schnee bringt, nur damit du nach der Ankunft in Israel wieder einer sich entleerenden Regenwolke ins Gesicht blicken kannst. Wir fühlen uns von Petrus verarscht. „Macht euch keine Sorgen”, begrüßt uns Noga aufmunternd. In der Wüste werde es bestimmt schön warm. Zu unserem Erstaunen ist Taxi-Noga mit einem ziemlich kompakten Kompaktwagen vorgefahren. Wir bringen erste Zweifel an, wie wir zu viert mit all dem Gepäck in das sehr enge Mobil passen sollen. Unseren Tetris-Künsten sei Dank, bekommen wir die unmöglich scheinende Aufgabe allerdings „verpackt”, und die Reise kann beginnen.
Der erste Abend in Jerusalem beginnt wie erhofft kulinarisch. Die Erkundungstour durch den alten Markt lässt unsere Sinne überschnappen, sodass wir unsere Gaumen mit einigen der berühmten, israelischen Leckereien versöhnlich stimmen. Jedoch geht Akklimatisieren nicht nur über den Magen – auch die Beine wollen nach dem Flug etwas aufgelockert werden, bevor sie wieder mit Laktat geplagt werden. Von den Süßigkeiten zum süßen Trail: Der Sugar Trail nahe Jerusalem gehört normalerweise zum Standard-Touriprogramm. Im Wissen wie sehr wir Süßes mögen, bringt uns Noga aber sogleich zum Sweeter than the Sugar Trail, der ganz in der Nähe beginnt.
Nun rückt der europäische Winter in weite Ferne. Die Landschaft empfängt uns im schönsten Frühlingskleid und die sonst so karge Wüste erstrahlt mit grünen Hügeln und farbigen Blumen in voller Frische. Mit ungebremster Vorfreude stechen wir in ein kilometerlanges Trail-Vergnügen. Flowig und wunderschön schlängelt sich der Weg durch die Wüstensteppe. Die wärmende Sonne im Nacken und die Entscheidung, dem Flimser Winter kurz den Rücken zu kehren, feiern wir ordentlich.
Schon bald verlassen wir Jerusalem und machen uns am späten Nachmittag auf in Richtung Süden. Am Tag darauf steht bereits das Samarathon Desert Mountainbike-Rennen an. Doch ein weiteres Highlight wird bereits auf halbem Weg dorthin abgehakt – baden im Toten Meer! Der Auftrieb durch das stark salz- und mineralhaltige Wasser ist gewaltig, und es vermittelt das Gefühl wahrhaftig auf dem Wasser zu schweben anstatt darin zu liegen. Dieses Erlebnis übertrifft unsere Erwartungen vollends, und unsere Bucketlist ist wieder um ein Häkchen reicher.
Allerdings hat das Tote Meer nicht nur die Fähigkeit die Schwerkraft aufzuheben, es tut auch das gleiche mit der Zeit. Eh klar, dass wir nun dem Zeitplan hinterherhinken und unsere Startnummern nur noch auf den letzten Drücker erhalten. Nicht so aber das Abendessen. Alle Restaurants haben schon geschlossen. Und so bleibt uns nichts anderes übrig, als das Carboloading mit einem Tankstellen-Salat zu vollziehen – Sportlerernährung können wir.
„Hä, was ist jetzt los?” Etwas verdattert reagiere ich, als der Wecker klingelt. Nein, 05:30 Uhr ist nicht die Uhrzeit, zu der wir normalerweise aus dem Bett tanzen. Aber wenn der Start zur ersten Etappe derart früh angesetzt ist, bleibt einem nichts anderes übrig. Am Start des Samarathon-Rennens können wir uns das Schmunzeln nicht verkneifen. Was machen wir eigentlich hier? Wir, die Abfahrtsfanaten, inmitten von Cross Country- und Marathon-Racern und vor allem deren leichtgewichtigen Carbon-Raketen. Während viele Teilnehmer sogar mit Hardtails am Start sind, fühlen wir uns mit 14 Kilogramm “leichten” Enduro-Boliden ordentlich deplatziert. Egal: wir sind zum Spaß hier – und den werden wir auch mit den großen Bikes haben!
Nach dem Startschuss geht’s holprig und sandig los. Wir fahren regelmäßig und zügig, doch gilt es sich das Rennen einzuteilen, denn wir haben 72 Kilometer zu absolvieren. Die erste große Rampe meistern wir gut, doch wurden wir zuvor ermahnt, das folgende, lange Flachstück nicht zu unterschätzen. Nun ist auch klar weshalb. Das Vorankommen ist echt zäh, der Untergrund sandig und tief, dazu gibt es Gegenwind als Supplément.
Eine große Hilfe sind die Teams, die mit uns fahren, auch nicht. Die hängen sich lieber in unseren Windschatten, als selber etwas Führungsarbeit zu machen. Auch die Taktik von Caro kommt mir von vergangenen Rennen bekannt vor: Sie hängt sich an mein Hinterrad und macht keine Anstalten, von diesem wegzukommen.
Wir – oder besser gesagt ich – kämpfen uns durch den Wind. Immerhin: nach dem schier endlosen Flachstück kommt die Belohnung in Form einer coolen Singletrail-Abfahrt. Die letzten zehn Kilometer ziehen sich in die Länge und die Erlösung ist groß, als die Palmen des Timna Park wie eine Fata Morgana vor uns auftauchen. Highfive zu Tag eins – trotz Caros Passivtaktik – wir haben uns gut geschlagen! Und ganz zu unserer Genugtuung, anders als am Abend zuvor, werden wir heute kulinarisch verwöhnt. So sind beim Samarathon nicht nur Trail-, sondern auch Gaumenfreuden garantiert. Doch der Tag sollte nicht ohne Überraschung enden: Als Siegerinnen unserer Kategorie gehen wir am zweiten Renntag mit den Leader-Trikots ins Rennen. Und das mit Enduro-Bikes – verrückt!
Trotz des „Sacks” (Leader-Trikot im alten Radprofi-Jargon) starten wir keineswegs harmonisch in den zweiten Tag. Caro beklagt Unwohlsein, das ich ihr nicht so wirklich abnehme.