Heidelberg: Beim Liederslam kann man sich auch mal zurücklehnen
Von Daniel Schottmüller
Heidelberg. Nichts gegen einen Poetry-Slam. Aber die Momente, in denen man sich vom Metaphern-Gewitter erholen kann, das bei einer solchen Veranstaltung auf einen niederprasselt, sind selten. Anders beim kleinen Bruder des Dichterwettstreits: dem Liederslam. Hier dürfen sich die Zuschauer auch mal genussvoll zurücklehnen und einfach der Musik lauschen, während andere die Finger über Bünde und Tasten flitzen lassen. Im Verlauf des Liederslams im Kulturfenster wird direkt noch eine weitere Stärke des vergleichsweise jungen Formats deutlich: Man weiß nicht, wie’s ausgeht. Wo beim Poetry-Slam am Ende meistens der Lustigste als Gewinner nach Hause geht, landen beim Musikerduell am Donnerstagabend auch leise Töne Wirkungstreffer.
Zunächst geht es aber rockig los. Passend zu den Januartemperaturen singt sich das Trio Ischka den Frost von der Seele. Von einer "Freezing Cold" erzählt der irische Sänger Paul. Stilecht im grünen Shirt haut er, angeschoben von Cajon und Bass, in die Saiten. Probleme, das Zeitlimit einzuhalten, sind auch nach Ischkas zweitem Song "See You Down the Road" nicht erkennbar. Gut so. Denn die Gruppen und Solokünstler haben jeweils nur sieben kurze Minuten, um das Publikum von sich zu überzeugen. Die einzige weitere Regel: covern verboten – jeder Song muss ein Original sein, wie Moderator Philipp Herold – der heimliche Star des Abends – erklärt. Über das Weiterkommen entscheiden die Zuhörer, indem sie nach besonders gelungenen Auftritten ihre Tickets in die Luft recken.
Samuel hat für das Finale gute, weil viele Karten. Wie er mit einem Augenzwinkern die Leiden des jungen Studenten besingt, und per Kazoo dramatisiert, erinnert der Schlaks an eine lässigere Bodo-Wartke-Inkarnation. Spätestens als er von der Gitarre ans Klavier wechselt, um die sanften Töne seines "Element" anzuschlagen, hat er das Publikum – insbesondere die jungen Damen in der letzten Reihe – überzeugt. Dass es sogar noch ruhiger im Zuschauerraum werden kann, beweist Piya. Von ihrem Freund Malte am Cajon begleitet, singt die 18-Jährige die ergreifende Klavierballade "Glaubst du der Herbst weint, weil der Sommer geht?". In seiner Melancholie erinnert ihr zarter Gesang an Norah Jones. Aber strahlt Piya nicht gleichzeitig die Intensität einer Lina Maly aus? Ganz und gar originell sind in jedem Fall ihre virtuosen, klassisch anmutenden Zwischenspiele. Es weht ein Hauch von Chopin durchs Kulturfenster.
Niklas Behle mag’s geerdeter. Der Mann aus Nordhessen schmettert seine Rennfahrer-Ode "Pole Position" kraftvoll nach vorne. Den vielleicht kecksten Auftritt des Abends legt dann Christiane Schorpp hin. Die Frau mit dem violetten Hütchen präsentiert Showtunes, die auch Fred Astaire gefallen hätten. Und – eine Premiere – mit ihrem selbstironischen "Fettnapf" bringt sie die rund 40 Zuschauer zum Mitsingen.
Zum Abschluss der Vorrunde noch ein Höhepunkt: Quiet Lane. Das Gitarrenduo glänzt mit Variabilität. Wo der erste Song sphärisch einschwebt, wird es mit "Marietta" fetzig. Aber Obacht: Ihre launigen Zwischenansagen werden den Pforzheimern fast zum Verhängnis. Philipp Herold zieht den Musikern aufgrund der Überschreitung des Sieben-Minuten-Limits einen Punkt ab. Weil das Publikum gnädiger ist, schaffen es Quiet Lane mit 34 Stimmen neben Samuel (33) und Piya (35) trotzdem ins Finale.
Ab jetzt geht es nur noch um die Lautstärke des Schlussapplauses. Samuel versucht es mit einem Trennungslied. Und tatsächlich gelingt es ihm erneut, mit seinem Text zu berühren – obwohl er darin das eher unpoetische Wort "Knie-OP" einbaut. Sportlich. Quiet Lane schrauben sich daraufhin vom tiefen Johnny-Cash-Register hoch in die Kopfstimme. Am Ende nützt es nichts: An dem "Neuschnee", den Piya ausbreitet, führt kein Weg vorbei. Und so findet ein stimmungsvoller Abend seine verdiente Siegerin.