St. Leon-Rot: Stromleitung am See ist weiterhin möglich
Von Sophia Stoye
St. Leon-Rot. Erst das Bahnprojekt Mannheim-Karlsruhe, jetzt auch noch eine weitere Stromtrasse, die dicht am St. Leoner See entlang, an Wohngebieten vorbei und durch den Lußhardtwald führen könnte. Damit würde die durch die Autobahnen ohnehin schon stark beeinträchtigte Kommune weiter belastet werden. "Unsere Gemeinde droht sich in ein 2500-Hektar-Gewerbegebiet zu verwandeln", hatte Bürgermeister Alexander Eger bereits Ende 2019 zu dem Vorhaben der Bundesnetzagentur gesagt. Denn die Behörde will mit dem Neubau einer 380-Kilovolt-Höchstspannungsleitung das vorhandene Stromnetz zwischen dem Frankfurter Raum und Karlsruhe verstärken.
Dafür stehen zwei Möglichkeiten im Raum: Zum einen die Vorschlagstrasse, die durch das Vogelschutzgebiet Wagbachniederung bei Waghäusel führt. Dort existieren bereits drei Freileitungen, die zum Teil an gleicher Stelle neu gebaut und an die Bahnstromleitung angeschlossen würden. Zum anderen hat sich nach intensiver Prüfung mehrerer Alternativen eine weitere – bisher nicht existierende – Trassenmöglichkeit ergeben, die zwar das Vogelschutzgebiet Wagbachniederung umgehen, dafür aber St. Leon tangieren würde. Das will der Gemeinderat verhindern und hat die Verwaltung einstimmig dazu beauftragt, eine ablehnende Stellungnahme bei der Bundesnetzagentur einzureichen.
Die mögliche Stromtrasse am St. Leoner See entlang ist kein neues Thema im Rat: Bereits 2019 informierte die EnBW-Tochter Transnet BW, Betreiberin der Trassen, die Ratsmitglieder über die "50:50 Chance", dass die Stromleitung den Ortsteil St. Leon tangieren wird. Dies sei aber nur der Fall, wenn sich bei einer umweltfachlichen Prüfung der Vorschlagstrasse durch die Wagbachniederung naturschutzrechtliche Bedenken ergäben. Zwar fand inzwischen die umweltfachliche Prüfung statt und es gab keine Bedenken gegen eine weitere Stromleitung in der Wagbachniederung. Auf der sicheren Seite ist St. Leon-Rot aber trotzdem nicht. Letztlich wird die Bundesnetzagentur zwischen den Varianten abwägen und entscheiden.
Sollte sich die Behörde dafür entscheiden, die bestehende Trasse durch die Wagbachniederung zu verstärken, würde sich die Trassenanzahl im Vogelschutzgebiet von drei auf zwei reduzieren. Allerdings würden auch bei der Alternative, die um die Wagbachniederung herum führt, zwei der drei Trassen weiterhin dort bestehen bleiben. "Damit werden Belastungen in neuen Gebieten geschaffen, während zwei der drei Freileitungen, die die Wagbachniederung queren, bestehen bleiben", kritisierte die Gemeindeverwaltung. Auch die lokalen Naturschutzverbände und Ornithologen zweifeln deshalb stark an, wie sinnvoll die Alternative zur Vorschlagstrasse ist, wie Transnet BW informierte. Daher werde die Vorschlagstrasse durch die Wagbachniederung weitgehend akzeptiert.
Ebenso könnten bei der Variante durch das Vogelschutzgebiet "artenschutzrechtliche Verbote voraussichtlich ausgeschlossen werden", heißt es in der Beschlussvorlage der Verwaltung weiter. Dem schlossen sich die Grünen in der Ratssitzung an. Wie Marina Krenzke ausführte, habe man sich die Lage vor Ort angeschaut: "Die Trassen befinden sich in Höhen, die die Vögel nicht sehr beeinträchtigen." Die anderen Fraktionen äußerten sich nicht.
Außerdem macht Transnet BW zufolge die Nähe zu den geplanten Windenergieanlagen im Lußhardtwald die technische Planung für die Alternative bei St. Leon-Rot aufwendiger. "Sie wäre jedoch nach derzeitigem Kenntnisstand technisch machbar", so das Unternehmen. Allerdings würde die Alternative um das Vogelschutzgebiet herum in ein Wasserschutzgebiet eingreifen. Ob für die Bauarbeiten wasserrechtliche Befreiungen erteilt würden, sei derzeit noch unklar.
Aus wirtschaftlicher Sicht wäre die Umgehung der Wagbachniederung nicht sinnvoll, meint das Unternehmen: Im Vergleich zur Bestandstrasse durch die Wagbachniederung wäre die Alternative bis zu dreimal so lang und mehr als doppelt so teuer. "Die Mehrkosten erreichen aus Sicht der Transnet BW eine Höhe, die nicht mehr im Verhältnis zu möglichen Eingriffen in der Wagbachniederung stehen", heißt es in der Beschlussvorlage.
Aufgrund all dieser Aspekte hat das Unternehmen bereits beantragt, für die Netzverstärkung die vorhandene Trasse – also die durch die Wagbachniederung – zu nutzen, und die Alternative bei St. Leon für "unzumutbar" erklärt. Die Gemeinde St. Leon-Rot schloss sich den Ausführungen des Unternehmens an. Betroffene Institutionen können sich noch bis zum 24. Januar zu den Varianten äußern, danach wird die Bundesnetzagentur eine Entscheidung fällen.