"Winter in Schwetzingen": Clemens Flick rockte mit barocken Liebesliedern
Von Jesper Klein
Schwetzingen. Es ist eine tragische Geschichte: Mit einer holsteinischen Gesandtschaft brach der Arzt und Dichter Paul Fleming im Jahr 1635 nach Persien auf. In Reval, dem heutigen Tallinn, verliebte er sich unglücklich in die Kaufmannstochter Elsabe Niehus. Die war bei seiner Rückkehr dem Wunsch des Vaters entsprechend – der einem auf Deutsch, nicht Latein schreibenden Dichter nicht über den Weg traute – aber bereits fest vergeben. Darauf huldigte Fleming Elsabes Schwester, mit nur 30 Jahren verstarb er an einer Lungenentzündung.
Dem heute völlig vergessenen deutschen Barockkomponisten David Pohle (1624-1695) diente Flemings Schicksal als Ausgangspunkt, um einige Jahre später für den Landgraf zu Hessen-Kassel dessen erotische Liebesdichtungen zu vertonen. Fast wie man es viel später vom Romantiker Franz Schubert kennt, band er sie zu einer Art Liederzyklus zusammen. Der Barockexperte Clemens Flick führte ihn am Donnerstag mit seinem Ensemble Barokkulturwerk beim "Winter in Schwetzingen" auf – zum ersten Mal seit 370 Jahren.
Bemerkenswert an dieser Liedersammlung ist zunächst, dass sie für zwei Diskantisten (heute: Countertenöre) geschrieben ist, die wiederum von zwei Violinen flankiert werden. Flick sieht hierin Flemings Zerrissenheit zwischen den zwei Geliebten gespiegelt, die in den Gedichten in blumiger Verschlüsselung als Anemone, Salibene oder Pamphilene angesungen werden.
Doch hat dieses in der gegenwärtigen Musikpraxis vermeintlich unattraktive, weil eben auch schlichte Liedgut, mit dem große Säle so gar nicht zu füllen sind, uns heute noch etwas zu sagen? Und ob! Das Feuerwerk aus Stimmungen und faszinierenden Farbwechseln, das Clemens Flick von Cembalo und Orgel aus entfacht, ist spektakulär und von den ersten Tönen an mitreißend.
Im Stile einer barocken Reisekapelle erweckt die kleine Musiktruppe Flemings Geschichte klingend zum Leben. Benjamin Lyko und Yongbeom Kwon ergänzen sich stimmlich, sie erzählen und gestalten mit Hingabe. In der funkensprühenden Triosonate von Johann Philipp Krieger sind kurzzeitig die Violinen die Hauptdarsteller. Das gern und böse als "Eierschneider" geschmähte Cembalo wird unter Clemens Flicks Fingern zum coolsten Instrument überhaupt. Mit einem Glissando rutscht er über die Tasten, traktiert es sogar als Schlagwerk. So viel Energie steckt in dieser lebendigen Lesart der historisch-informierten Aufführungspraxis!
Und wohin führt das alles? Nach der Erkenntnis der vergeblichen Liebesmüh ("Es ist umsonst das Klagen" und "Will sie nicht, so mag sie’s lassen") bleibt für das lyrische Ich nur die Flucht in die Tugendhaftigkeit. Denn Fleming weiß: "Wer sich der Weisheit ganz ergibet, der liebet recht und wird geliebet." Stehende Ovationen für einen sensationellen Fund weit, weit abseits des Klassik-Mainstreams.