„Rotes Moskau“: Der Duft der Hauptstadt
„Die Straßenbahnen rauschen vorbei, überholen die glänzenden Motoren, füllen sich mit triumphierendem Klingeln und lassen irgendwo in der Dunkelheit über sich blaue Funken fallen. Cafés und Kinos sind mit Lichtern, Plakaten und Schildern geschmückt. Die Schaufenster leuchten hell, und Berge von Waren lächeln durch das Glas. Es riecht nach einem gerade vergangenen Sommertag, nach Asphalt, verbranntem Benzin, Farbe und Kalk. Alles verschmilzt zu einem leuchtenden und würzigen Bouquet … Die Stadt lebt … Sie atmet … Die graue Stadt! Die wunderschöne Stadt!“ So sieht die Heldin des ersten Buches des Schriftstellers Boris Guber „Sсharaschkina Kontora“ (Saftladen), das 1925 geschrieben wurde, Moskau.
Rotes Moskau
In der Ausstellung im Sotow-Zentrum ist Moskau vor allem nicht grau, sondern rot. In den 1920er Jahren war es rot, weil diese Farbe mit der Oktoberrevolution und der Solidarität des Proletariats aller Länder assoziiert wurde. Rot waren die revolutionären Fahnen und Kopftücher der Teilnehmerinnen der Frauenkommissionen, die in jenen Jahren in den Stadt- und Dorfräten der UdSSR gebildet wurden.
In den 1930er Jahren kehrte die Semantik der roten Farbe jedoch zu ihren Wurzeln zurück. Rot war wieder einfach schön. In der sowjetischen Malerei der 1930er Jahre trägt eine Dame ein rotes Kleid oder liegt auf einem roten Bett, ohne dass dies einen politischen Hintergrund hat. Der Moskauer Korrespondent der Zeitung „The Baltimore Sun“ veröffentlichte 1934 einen Artikel mit der Überschrift „Das rote Russland wird rosa“. Von außen betrachtet konnte das Leben in der Hauptstadt, die als Schaufenster des sowjetischen „Wohlstands“ galt, tatsächlich den Eindruck des „vie en rose“ erwecken. Das Parfüm „Rotes Moskau“ trug dazu bei, diesen Eindruck vom schönen Leben in dieser Stadt zu vermitteln.
Das Parfüm „Rotes Moskau“
Die Geschichte seiner Entstehung ist voller Rätsel. Die meisten Zeugnisse stimmen darin überein, dass das Parfüm 1925 in der Moskauer Fabrik „Nowaja Sarja“ hergestellt wurde, die vor der Revolution dem französischen Parfümeur Henri Brocard und seinen Nachfolgern gehörte. Somit feiert „Rotes Moskau“ in diesem Jahr sein hundertjähriges Jubiläum.
Der Franzose August Michel gilt als Schöpfer des Parfüms. Es wurden jedoch keine Archivdokumente oder Zeitungsartikel über die Markteinführung des Parfüms und seinen Schöpfer gefunden. In den Protokollen der Fabriksitzungen aus den frühen 1920er Jahren wird beiläufig die Entwicklung „teurer Parfüms im Auftrag des Narkomwneschtorg“ (Ministerium für Außenhandel in der Sowjetunion bis zum Zweiten Weltkrieg) erwähnt. Möglicherweise wurde auch „Rotes Moskau“ im Rahmen eines staatlichen Auftrags für den Export entwickelt.
Die sowjetischen Bürger lernten „Rotes Moskau“ erst in den 1930er Jahren kennen. Zur gleichen Zeit wurde es auch bei Ausländern bekannt. In der Ausstellung ist eine Werbung für das Parfüm in deutscher Sprache aus den 1930er Jahren zu sehen. „Echtes russisches Eau de Cologne“ lautete der Slogan auf dem Flyer. Parfüm wurde zu einem Souvenir.
Vom billigen Tabak bis Parfüm
Neben dem Flyer und dem Flakon des berühmten Parfüms zeigen über 200 Exponate in der Ausstellung „Rotes Moskau“, von Werken bekannter Maler bis hin zu olfaktorischen Installationen, die Kosmetikindustrie als Geschichte der Entwicklung der Stadt und der Veränderung des sowjetischen Alltags. Hier erklingen verschiedene „Stimmen“ jener Zeit: aus Literatur und Kino, Memoiren und Zeitschriften. In der Ausstellung kann man buchstäblich einige Düfte der Stadt jener Zeit einatmen – den Geruch von Bädern und Flieder, billigem Tabak und Kerosin. Und natürlich die Parfüms selbst. Mitte der 1930er Jahre wurden in der Sowjetunion bereits mehr als 300 verschiedene Parfüms und Eau de Colognes hergestellt. Die Ausstellung zeigt, wie sich die Einstellung zu ihnen im Laufe von zwei Jahrzehnten verändert hat. War es anfangs noch eine bürgerliche Marotte, so wurde Eau de Cologne und Parfüm in den 1930er Jahren zu einem unverzichtbaren Attribut des sowjetischen Bürgers, vor allem der Bürgerin.
Das wichtigste olfaktorische Erlebnis der Ausstellung ist die „Parfümorgel“ (so wird der Arbeitsplatz eines Parfümeurs im Fachjargon genannt), mit deren Hilfe man die sieben isolierten Düfte von „Rotem Moskau“ kennenlernen und die Tonart der Komposition durch Variieren der Konzentration der Bestandteile selbst verändern kann.
Olga Silantjewa
Запись „Rotes Moskau“: Der Duft der Hauptstadt впервые появилась Moskauer Deutsche Zeitung.