Die Rentenpläne der Bundesregierung rufen Kritik bei Ökonomen hervor. Nun schaltet sich auch der Wissenschaftliche Beirat des Wirtschaftsministeriums ein. Der Wissenschaftliche Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium hat Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) aufgefordert, sich in der Regierung für eine Dämpfung der Sozialbeiträge starkzumachen. In einem Brief, der dem "Handelsblatt" vorliegt, heißt es, anstatt der "problematischen Entwicklung Einhalt zu gebieten", wolle die Koalition zahlreiche Sozialleistungen sogar noch ausweiten – etwa mit der Mütterrente oder der Festschreibung des Rentenniveaus auf mindestens 48 Prozent . Die Berater mahnen, Reiche müsse die im Koalitionsvertrag vereinbarten Wohltaten "sorgfältig gegen die Gefahren für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung Deutschlands" abwägen und diese Perspektive im Kabinett einbringen. "Irre Dummheit": Ökonom Börsch-Supan rechnet mit Bas-Gesetz ab Abgabe für reiche Rentner: Warum der Boomer-Soli überfällig ist Das empfehlen die Reiche-Berater Die Experten schlagen mehrere Maßnahmen vor, um die Kosten des Rentensystems zu senken: Rentenalter: Das Renteneintrittsalter soll sich automatisch an die steigende Lebenserwartung anpassen. Rentendynamik: Die Lohnentwicklung soll künftig nur für niedrige Einkommen Maßstab sein. Höhere Renten sollen "nur noch mit der Inflationsrate steigen". Rente mit 63: Die abschlagsfreie Rente für besonders langjährig Versicherte soll abgeschafft oder zumindest auf gesundheitlich beeinträchtigte Personen beschränkt werden. Die stetig steigenden Sozialbeiträge gefährdeten nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft, sondern auch "die Akzeptanz des Sozialstaates", warnen die Experten. Zudem bedrohten wachsende Zuschüsse aus dem Bundeshaushalt dringend nötige Zukunftsinvestitionen. Das werde das "bereits jetzt niedrige Potenzialwachstum weiter verringern". Kritik an den Rentenplänen der Bundesregierung Besonders hart geht der Beirat mit den jüngsten Beschlüssen der Regierung ins Gericht. Obwohl Nachhaltigkeit versprochen worden sei, vollziehe die Koalition mit der Festschreibung des Rentenniveaus und der Ausweitung der Mütterrente "genau das Gegenteil". Die Ablehnung einer höheren Regelaltersgrenze und das Festhalten an der abschlagsfreien Rente nach 45 Versicherungsjahren "verschärft so das Problem der steigenden Beiträge". Mütterrente: Allein das Verschicken der Bescheide kostet Millionen Reiche selbst hatte Ende Juli in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" gefordert, die Deutschen müssten "mehr und länger arbeiten" . Damals verwies sie darauf, dass der frühere Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Klaus Zimmermann, bereits 2005 eine Rente mit 70 gefordert hatte. "Leider verweigern sich zu viele zu lange der demografischen Realität", so Reiche. Die Aussagen hatten großen Protest ausgelöst – sowohl von der SPD als auch vom Arbeitnehmerflügel der Union. Auch Kanzler Friedrich Merz stellte sich nicht hinter sie. Ihre Pressestelle stellte später klar, Reiche habe sich die Forderung nach einer Rente mit 70 "nicht zu eigen gemacht". Frühstart-Rente löst aktuelle Probleme nicht Statt eines höheren Renteneintrittsalters setzt die Bundesregierung auf Anreize für längeres Arbeiten mit der sogenannten Aktivrente . Zusätzliches Geld soll über eine Reform der privaten Altersvorsorge ins System kommen. Doch Reiches Beirat kritisiert: Die geplante Frühstart-Rente helfe nicht bei den aktuellen Problemen. Denn "die erste hieraus finanzierte Zusatzrente würde erst im Jahr 2076 ausgezahlt". So viel Geld bringt die Frühstart-Rente fürs Alter. Bleibe es bei einem Rentenniveau von 48 Prozent, einem Beitragssatz von voraussichtlich bald 20 Prozent und den aktuellen Zugangsbedingungen, würde der Bundeszuschuss zur Rentenversicherung "mehr als die Hälfte des Bundeshaushaltes ausmachen". Was die Vorschläge des Beirats bedeuten würden Die Forderungen des Beirats sind nicht neu. Auch andere führende Ökonomen wie Mitglieder des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, kurz: die Wirtschaftsweisen, hatten bereits eine Kopplung des Rentenalters an die Lebenserwartung gefordert, ebenso wie die Abschaffung der abschlagsfreien Frührente und eine moderatere jährliche Rentenanpassung. Auch die Frührente mit Abschlägen sei teurer als nötig. Würde Reiche diese Forderungen übernehmen, könnte jedoch eine neue Dynamik entstehen. Spätestens die für 2026 angekündigte Rentenkommission wird sich ohnehin mit allen Ideen zur Rente beschäftigen müssen, die auf dem Tisch liegen.