Steigende Rentenausgaben, Streit ums Bürgergeld und die Frage nach Generationengerechtigkeit: Caritas-Präsidentin Welskop-Deffaa erklärt, welche Reformen jetzt nötig sind. Kaum ein Thema wird die Politik in den kommenden Jahren so prägen wie die Zukunft des Sozialstaats. Die Diskussion dreht sich um Renten, Pflege, Bürgergeld – und um die Frage, wie gerecht die Lasten zwischen den Generationen verteilt sind. Im Zentrum stehen die Folgen des demografischen Wandels: Immer mehr Ältere beziehen Leistungen aus den Sozialversicherungen, während die Zahl der Beitragszahler sinkt. Im Interview mit t-online erklärt die Präsidentin des Deutschen Caritasverbandes, Eva Maria Welskop-Deffaa, welche Reformen sie für dringend nötig hält, wo sie Gefahren für das Vertrauen in den Sozialstaat sieht – und warum die Verwaltung nicht ständig mit neuen Regeln überlastet werden sollte. Gesetzespaket auf dem Weg: Das plant die Regierung jetzt bei der Rente "Irre Dummheit": Ökonom rechnet mit Rentenplänen der Regierung ab t-online: Frau Welskop-Deffaa, die Reformen des Sozialstaats gelten als eine der größten Aufgaben dieser Legislatur. Verschärft sich jetzt der Konflikt zwischen den Generationen? Eva-Maria Welskop-Deffaa: Die anstehenden Reformen müssen vor allem auf die Folgen des demografischen Wandels reagieren. Bei den Hartz-Reformen ging es hauptsächlich um den Arbeitsmarkt, jetzt steht die Zukunft der Sozialversicherungen im Mittelpunkt. Mit den Boomern steigt die Zahl derer, die Leistungen aus der Renten-, Pflege- und Krankenversicherung erhalten, gleichzeitig gibt es weniger Junge, die Beiträge zahlen. Reformen müssen darauf Antworten geben. Damit sie gelingen, müssen alle Generationen gemeinsam Verantwortung übernehmen – miteinander und füreinander. Müssen auch Ältere dafür Zugeständnisse machen? Sagen wir es so: Es ist nicht hilfreich, den Älteren zulasten der Jungen teure Steuergeschenke zu machen. Nehmen Sie aktuell die Aktivrente, die im Generationenverhältnis zu schwer erklärbaren Ungerechtigkeiten führt. Damit sollen Rentner 2.000 Euro steuerfrei dazuverdienen können. Korrekt. Ältere sollen neben der vollen Rente 2.000 Euro hinzuverdienen können, ohne dafür Steuern zu zahlen. Wenn aber junge Eltern ihre Erwerbstätigkeit wieder aufstocken, sobald die Kinder in der Schule sind, kommt jeder Euro, den sie mehr verdienen, in die volle Steuer-Progression. Einigung bei Aktivrente: Für wen der Bonus gelten soll Was ist Ihr Vorschlag, das System zu stabilisieren? Eine überfällige Maßnahme ist es, Selbstständige in die Rentenversicherung einzubeziehen. Wieso gerade die Selbstständigen? Gerade sie sind von Altersarmut bedroht. Viele Selbstständige unterschätzen diese Risiken. Sie nutzen in den ersten Jahren der Selbstständigkeit jeden Euro für die Gründungsidee – und merken zu spät, dass sie damit große Lücken in ihrer Altersabsicherung aufreißen. Hinzu kommt, dass die Arbeitswelt immer hybrider wird. Haben Sie dafür ein Beispiel? Menschen wechseln zwischen Anstellung und Selbstständigkeit oder kombinieren beides, denn immer mehr Menschen möchten sich beruflich auch jenseits des klassischen Arbeitsverhältnisses verwirklichen – und das ist gut so. Solche Entscheidungen führen allerdings dazu, dass nur für einen Teil des Einkommens Beiträge in die Rentenkasse fließen. In der Logik des Systems bedeutet das: Wer nur von seinem halben Einkommen Beiträge zahlt, bekommt später auch nur eine halbe Rente. Ohne Pflichtversicherung für Selbstständige werden die Lücken immer größer, wie die Daten der Rentenversicherung ausweisen. Alterssicherungsbericht: So gut geht es Deutschlands Rentnern wirklich Mit der Pflichtversicherung für Selbstständige in die Rentenreform ? Ja, eine Beitragspflicht für Einkommen aus selbstständiger Tätigkeit ist ein überfälliger Schritt. Natürlich braucht es noch weitere Reformen, aber dieser Punkt darf nicht länger verschoben werden. Drei Koalitionen hatten es bereits auf der Agenda – diesmal muss es endlich gelingen. Ein Kritikpunkt ist auch die Stabilisierung des Rentenniveaus. Finden Sie das richtig? Das Rentenniveau ist eine überschätzte Kennzahl. Denn sie sagt wenig darüber aus, wie viel Rentnerinnen und Rentner tatsächlich im Geldbeutel haben. Stattdessen? Die Regierung sollte die Spielräume solidarischer Umverteilung in der gesetzlichen Rente intensiver nutzen. Es darf nicht sein, dass Menschen 40 Jahre lang Beiträge zahlen und am Ende trotzdem keine existenzsichernde Rente erhalten. Damit zerstören wir das Vertrauen in das System. Deshalb sollte in der Rentenformel unterschieden werden: zwischen denen, die jahrelang aus kleinen Einkommen und denen, die aus hohen Einkommen Beiträge gezahlt haben. Und wer bezahlt das? Moderate Umverteilung gehört zum Konzept der Sozialversicherung. Und da die Rentenversicherung sich schon heute zu einem Drittel aus Steuern finanziert, müsste noch nicht einmal das Äquivalenzprinzip verletzt werden. Das Äquivalenzprinzip meint: Wer viel in die Rentenversicherung einzahlt, bekommt später auch eine entsprechend höhere Rente. Beiträge und Leistungen stehen also in einem Verhältnis zueinander. Beim Bürgergeld gilt das indes nicht, hier entscheidet der Bedarf. Auch hier stehen umfassende Reformen an. Die Bürgergeld-Debatte war stark vom Wahlkampf geprägt und hat überschießende Erwartungen an Reformen geweckt. Es ist allerdings nicht falsch, den Namen zu ändern – er hat vielfältig falsche Vorstellungen transportiert. Wichtiger ist aber etwas anderes. Und zwar? Die schwarz-rote Koalition muss klären, wie steuerfinanzierte Leistungen wie das Bürgergeld mit den beitragsfinanzierten Sozialversicherungen zusammenspielen. Heute ist es so: Menschen mit niedrigem Einkommen zahlen Pflichtbeiträge in die Sozialversicherungen. Gleichzeitig verlieren sie schnell einen Teil ihrer steuerfinanzierten Leistungen – etwa beim Bürgergeld oder dem Wohngeld , sobald Einkommen angerechnet wird. Das senkt einerseits die Motivation, beitragspflichtig zu arbeiten. Und die komplizierten Anrechnungs-, Additions- und Alternativverhältnisse zwischen den verschiedenen Leistungen sind so schwer verständlich, dass Menschen sich – weil sie es nicht verstehen können – immer wieder übervorteilt fühlen. Das erleben wir regelmäßig in unseren Beratungsstellen, wo Menschen verzweifelt mit ihren Bescheiden ankommen. Das Gefühl scheinbar willkürlicher Ungleichbehandlung durch die Sozialverwaltung nährt Misstrauen gegen den Staat. Genau hier müssten wir ansetzen. Kritiker sagen, die CDU entferne sich mit ihrer Haltung zum Bürgergeld von christlichen Werten. Ich bin mit vielen Äußerungen einiger prominenter CDU-Politiker in der Bürgergeld-Debatte wahrlich unglücklich, weil sie populistisch waren und spalterische Stereotype bedienen. Das ärgert mich. Wir sehen in der Caritas die Leistungsempfänger, die vom Schicksal gebeutelt und alles andere als Schmarotzer sind. Gleichzeitig ist es richtig und wichtig, Missbrauchswirklichkeiten zu thematisieren. Aber bitte faktenbasiert und in vernünftiger Sprache. Wir brauchen eine sachliche Debatte: Wo gibt es tatsächlich Fehlentwicklungen, wie können wir Strukturen schaffen, die illoyales Ausnutzen des Sozialstaats verhindern? Nur so bleibt der Sozialstaat glaubwürdig und akzeptiert. Eine Bürgergeldreform, die alles neu erfindet, braucht es jedoch nicht. Warum nicht? Die Regeln wurden 2024 gerade erst geändert, die Sanktionen verschärft. Jetzt sollten die Jobcenter sie anwenden. Es macht keinen Sinn, ihre ohnehin knappen Personalressourcen dadurch zu binden, dass die Mitarbeitenden sich ständig in neue Vorschriften einarbeiten müssen. Mit jeder Reform kommen seitenlange neue Ausführungsbestimmungen. Das lähmt die Verwaltung. Darum fordere ich: Geben wir den Jobcentern ein wenig Ruhe, damit sie die Menschen bei der Integration in den Arbeitsmarkt aktiv unterstützen können. Vor allem junge Menschen ohne Schulabschluss brauchen eine zweite Chance. Wenn wir ihnen dabei helfen, den Abschluss nachzuholen und eine gute Ausbildung zu machen, ist das ein Gewinn für jeden und jede von ihnen und für die Gesellschaft. Bei der Caritas muss man sich zu christlichen Werten bekennen. Ist das im Jahr 2025 noch zeitgemäß – oder schließt es wichtige Fachkräfte aus? Die Caritas ist ein Wohlfahrtsverband mit Mitarbeitenden unterschiedlicher Konfessionen und Hintergründe. Sie leisten ihre Arbeit mit Empathie für die Menschen und Begeisterung für unsere Ambition. Wir sehen unsere Dienste und Angebote als tätige Nächstenliebe. Wer das nicht mag, wird sich bei uns dauerhaft eher nicht wohlfühlen. Aber zu denken, dass wir nur Christinnen und Christen beschäftigen, ist falsch. Die Caritas finanziert sich zum Großteil über staatliche Mittel, eigene Dienste und Spenden – nicht direkt aus der Kirchensteuer. Kritiker nennen die Caritas dennoch einen "Kirchensteuerapparat". Ärgert Sie das? Nein. Unsere Einrichtungen werden in vieler Hinsicht genauso finanziert wie alle sozialen Träger. In einer Pflegeeinrichtung zum Beispiel kommen wesentliche Teile über die Pflegeversicherung und die Eigenanteile der Pflegebedürftigen, egal ob die Einrichtung von der Caritas, der AWO oder einem privaten Anbieter betrieben wird. Kirchensteuermittel sind aber unverzichtbar, um dort helfen zu können, wo es keine oder ungenügende öffentliche Finanzierung gibt – etwa in den Bahnhofsmissionen oder in der Wohnungslosenhilfe. Sie geben uns auch die Möglichkeit, schnell und unbürokratisch innovative Ideen umzusetzen, ohne auf lange Förderverfahren zu warten. Dabei greifen wir zusätzlich auch auf Spenden zurück, aber allein damit könnten wir diese Arbeit nicht absichern. Die Kirchensteuer ist eine verlässliche Grundlage, die uns handlungsfähig macht – und dafür sind wir sehr dankbar. Reichen denn die aktuellen Mittel aus? Das ist von Bistum zu Bistum unterschiedlich – auch abhängig von der Entwicklung der Kirchenmitglieder. Viele unserer armutsbezogenen Angebote sind prekär finanziert. Gerade in Bereichen, in denen wir schnell und direkt helfen wollen, stoßen wir in einigen Regionen finanziell an Grenzen. Zusätzliche Kirchensteuermittel würden uns mehr Handlungsspielraum geben. Frau Welskop-Deffaa, vielen Dank für das Gespräch.