Serge Gnabry erlebt beim FC Bayern eine bemerkenswerte Wandlung. Dafür gibt es vor allem einen besonderen Grund. Ob es wohl die Frotzeleien von Joshua Kimmich waren, die bei Serge Gnabry Wirkung gezeigt haben? Erst vergangene Woche hatte Kimmich nach dem 3:1-Auftaktsieg des FC Bayern in der Champions League seinen Kumpel vor laufenden Kameras herausgefordert. "Komm Serge! Hey Serge! Du triffst doch jede Woche, jetzt komm, sag doch mal was", sagte Kimmich in der Interviewzone in den Katakomben der Münchner Arena und lachte. Er wusste schließlich genau, dass Gnabry, der hinter ihm vorbei Richtung Ausgang schlenderte, nicht auf ihn hören würde und wie eigentlich immer kommentarlos in die Münchner Nacht entschwinden würde. Nach sehr wechselhaften Jahren, in denen Gnabry fast alle Höhen und Tiefen beim FC Bayern schon erlebt hat, hat sich der 30-Jährige schließlich selbst eine Art Redeverbot erteilt und spricht schlicht überhaupt nicht mehr mit den Reportern in der Mixed Zone. Rückkehr zum FC Bayern? Das sagt Thomas Müller Größter Transferflop? An diesem Bayern-Star scheiden sich die Geister Gnabry beendet Interview-Boykott Knapp eine Woche später hat er bei seinem selbst auferlegten Interview-Boykott nun aber zumindest für einen Einzeltermin mit Sky doch wieder eine seiner sehr seltenen Ausnahmen gemacht. "Es läuft gerade, wir spielen gut, wir harmonieren gut zusammen", sagte Gnabry vor dem Spiel bei seinem Ex-Klub Werder Bremen am Freitag (ab 20:30 Uhr im Liveticker bei t-online). Nach einer kurzen Vorbereitung habe man als Mannschaft und auch mit den Neuzugängen gut zueinandergefunden. "Es passt gerade, ich habe nichts verändert", so Gnabry. Seine Rolle ist allerdings schon eine andere geworden. Er spielt nämlich momentan nicht mehr auf dem Flügel, sondern vertritt den verletzten Jamal Musiala (Wadenbeinbruch) als Nummer zehn. "Das Spiel macht mir sehr viel Spaß, gerade in der Mitte", sagte Gnabry dazu. "Ein bisschen mit mehr Raum, mit mehr Freiheit und es passt gerade einfach." Das Ergebnis: sechs Torbeteiligungen in sieben Pflichtspielen. Gnabry übt Selbstkritik Das war in der Vergangenheit längst nicht immer so. 2020 erlebte er beim FC Bayern mit dem Sextuple-Gewinn inklusive Champions-League-Triumph zwar wohl den bisherigen Höhepunkt seiner Karriere. An die Topform, die er damals hatte, mit der er sich auch für die Verlängerung seines Vertrags zu Topkonditionen empfahl, konnte er seitdem aber nie mehr wirklich anknüpfen. Was ihm dafür in den vergangenen Jahren gefehlt hat? "Im Jahr 2020 hatte ich brutale Zahlen, auch sehr viele Tore gemacht, Assists, sehr viel Rhythmus gehabt." Anschließend sei der aber "leider durch Verletzungen immer wieder unterbrochen worden", so Gnabry weiter. Zudem sei die Qualität in der Mannschaft hoch und die Konkurrenzsituation unter anderem mit Leroy Sané oder Kingsley Coman sehr groß gewesen. "Und von meiner Seite aus klar – die Kontinuität, die ich nicht geliefert habe", sagte Gnabry selbstkritisch. Vom Verkaufskandidaten zur Vertragsverlängerung? Aktuell wirkt Gnabry aber wie ausgewechselt und erlebt einmal mehr, wie schnell sich die Zeiten und Ansichten beim FC Bayern speziell für ihn ändern können. Noch vor wenigen Wochen galt er schließlich als Abschiedskandidat. Aktuell ist er nun fester Bestandteil der Startelf von Chefcoach Vincent Kompany und aus der kaum wegzudenken. Deshalb werden nun plötzlich ganz andere Fragen gestellt, wenn es um Gnabrys Zukunft geht. Auch Sportdirektor Christoph Freund musste darüber schmunzeln. "Es geht immer schnell – erst war er bei den Medien Verkaufskandidat, jetzt geht es um eine vorzeitige Verlängerung", sagte Freund, als er vor dem Spiel in Hoffenheim zuletzt auf Gnabrys Zukunft angesprochen wurde. Auch vor dieser Saison hatte es immer wieder Spekulationen um einen Abschied des 30-Jährigen aus München gegeben. Der Rekordmeister hatte schließlich Luis Díaz für bis zu 75 Millionen Euro vom FC Liverpool geholt. Zudem schien auch Kingsley Coman Gnabry in der Saisonvorbereitung zwischenzeitlich den Rang auf dem Flügel abzulaufen und Michael Olise sich in der Mitte festzuspielen. Doch während Coman sich dann doch nach Saudi-Arabien verabschiedete, blieb Gnabry. Und nutzte seine Chance. "Es macht Spaß, ihm zuzusehen, das Wichtigste ist, dass er fit ist – dann wissen wir, was wir an ihm haben", sagte Freund. "Er hat auch einen herausragenden Charakter, auch das ist enorm wichtig." Auch Sportvorstand Max Eberl schwärmte zuletzt regelrecht von Gnabry: "Dass Serge ein außergewöhnlicher Spieler sein kann, das hat er jetzt nachhaltig bewiesen. Serge ist momentan ein elementar wichtiger Spieler für uns." Er ist der Grund für Gnabrys Wandlung Es ist eine Wandlung, die nicht zufällig zustande gekommen ist, sondern viel vor allem mit einer Person zu tun hat: Cheftrainer Vincent Kompany. Darauf verweist nahezu jeder, mit dem man darüber spricht. Kimmich macht da keine Ausnahme. "Generell zeichnet das schon auch den Trainer aus, dass er sein Vertrauen jetzt nicht von einem einzigen Spiel abhängig macht", erklärte er. "Und gerade bei Serge merkt man das jetzt, dass dieses Vertrauen jetzt zurückkommt, dass er mehr Sicherheit bekommt." Gnabry wirkt laut Kimmich "sehr, sehr frei". Die Leistungen auf dem Platz spiegeln das wider. Das war in der ersten Jahreshälfte kaum der Fall. In der entscheidenden Saisonphase und speziell in den wichtigen Spielen in der Champions League spielte er im Frühjahr nur eine Nebenrolle. "Er ist ein sehr unterschätzter Spieler" Die zweite Jahreshälfte läuft dafür umso besser. Gnabry sei aufgrund der Arbeit Kompanys wie ein Neuzugang, meint Max Eberl. Mittlerweile ist der kreative Offensivspieler auch in die deutsche Nationalmannschaft zurückgekehrt. "Er ist ein sehr unterschätzter Spieler. Er hat nicht viele Schwächen und war auch immer wichtig, auch in großen Spielen für den FC Bayern", schwärmte Trainer Kompany nach dem Bundesliga-Auftaktsieg gegen RB Leipzig . Eine Frage aber bleibt: Wie entwickelt sich Gnabrys Situation, wenn Jamal Musiala zurückkehrt? In dieser Form dürfte der Durchstarter dann aber auch auf dem Flügel eine wichtige Alternative sein. Die Motivation, sich weiter zu beweisen, ist zweifellos groß. Da sein Vertrag am Saisonende ausläuft, spielt er schließlich um nichts weniger als seine Zukunft beim FC Bayern. Wie er zu einer möglichen Vertragsverlängerung und Gehaltseinbußen steht, die er dafür wohl in Kauf nehmen müsste? Darüber mache er sich "gerade überhaupt gar keinen Kopf. Ich bin sehr entspannt", sagte Gnabry: "Ich freue mich gerade, dass es so gut läuft, dass wir so gut spielen. Und alles andere schauen wir mal, wenn es dann so weit ist."