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Brandinferno: Nach dem Ungück kommt die Korruption in der Schweiz zum Vorschein

Von Hans-Ueli Läppli

Keine Verhaftung. Keine Zwangsmaßnahmen. Dafür Schläger im Mafia-Look, die Journalisten vor Ort einschüchtern. Und eine sichtbar angefasste, auffallend milde Staatsanwältin, die Nachsicht zeigt gegenüber einem Mann, der die Schweiz an den Rand einer Staatskrise geführt hat.

Was sich Tage nach dem Inferno von Crans-Montana abzeichnet, ist kein gewöhnlicher Ermittlungsfall. Es ist ein Offenbarungseid.

Am helllichten Tag marschieren junge Männer in schwarzen Hoodies im Stechschritt auf einen Reporter zu. Die Botschaft ist eindeutig. Er solle verschwinden. Das sei das Letzte. Die Szene spielt sich vor einem Restaurant im Tal ab. Es gehört jenem Mann, dessen Bar oben im Berg zur Todesfalle wurde. Laut dem Journalisten befand sich der Barbetreiber selbst in unmittelbarer Nähe, zog sich dann aber rasch ins Lokal zurück. Die Polizei greift nicht ein. Jeder kennt hier jeden, in diesem anheimelnden Dorf.

Das ist keine Randnotiz. Es ist ein Alarmsignal.

Hier wird nicht nur eine Redaktion eingeschüchtert, sondern die Pressefreiheit frontal angegriffen. Mit Methoden, die man bislang eher aus Süditalien oder vom Balkan kannte, nicht aus einem Walliser Ferienort mit Luxusimmobilien und Millionenchalets.

Der Mann im Zentrum stammt aus Korsika. Vorbestraft. Zuhälterei. Gefängnis. Vor rund zehn Jahren ließ er das Untergeschosslokal "Le Constellation" umbauen. Ohne saubere Bewilligung, ohne ausreichende Fluchtwege, mit brennbaren Materialien an Wänden und Decken.

Die Fluchttreppe wurde verschmälert. Lüftungsrohre installiert. Genau diese könnten den tödlichen Flashover in der Silvesternacht massiv beschleunigt haben. Wunderkerzen, Funken, Hitze, Rauch. Kein Entkommen.

Vierzig Tote. Jugendliche. Kinder. Über hundert Verletzte, viele davon schwerst verbrannt. Einige kämpfen weiterhin um ihr Leben.

Und bis heute liegt keine vollständige Bewilligungsakte auf dem Tisch. Keine lückenlose Dokumentation der Kontrollen. Fünf Jahre lang soll der Keller nicht inspiziert worden sein. Die Gemeinde sucht aktuell einen neuen Sicherheitsverantwortlichen. Mitten in der größten Katastrophe ihrer Geschichte.

Das ist kein Organisationsfehler mehr. Das ist institutionelles Versagen.

Die Schweiz erlebt ihren härtesten Stresstest seit Jahrzehnten. Internationale Medien berichten von Kontrollschlamperei. Italien spricht offen von einer vermeidbaren Tragödie. Unternehmer wie André Kudelski fordern, dass der Bund eingreift, einen nationalen Staatsanwalt einsetzt und einen Solidaritätsfonds in dreistelliger Millionenhöhe prüft.

Doch das Wallis mauert.

Die zuständige Staatsanwältin sieht keinen Grund für eine Verhaftung. Weder der Barbetreiber noch seine Frau, gegen die ebenfalls ermittelt wird, werden festgesetzt. Keine Fluchtgefahr. Kooperation. Unschuldsvermutung.

Formell korrekt. Politisch fatal.

Denn die Signale sind erdrückend: Einschüchterung von Journalisten. Vorstrafen im Umfeld organisierter Kriminalität. Umbauten ohne ausreichende Sicherheit. Keine Alterskontrollen. Vierzehnjährige Mädchen im Kellerclub.

In einem Rechtsstaat müssten hier alle Alarmglocken schrillen.

Doch es passiert das Gegenteil. Keine Hausdurchsuchungen bei der Gemeindeverwaltung. Keine Beschlagnahmung von Akten. Keine Versiegelung von Büros. Keine bekannten Einvernahmen des Gemeindepräsidenten, der sich lieber mit dem Spiegel anlegte, als Fragen zu beantworten.

Statt Distanz herrscht Nähe. An den Pressekonferenzen sitzen Staatsanwaltschaft und Walliser Regierung Seite an Seite. Ein Bild zeigt, wie der Präsident des Staatsrats der Ermittlerin die Hand hält. Exekutive und Judikative in demonstrativer Einigkeit.

Der Kanton trägt die Verantwortung für den Brandschutz. Er delegiert diese an die Gemeinden, muss jedoch sicherstellen, dass der Auftrag auch erfüllt wird. Im "Le Constellation"-Keller soll nicht einmal ein Feuerlöscher vorhanden gewesen sein.

Trotzdem bleibt der Kanton auffallend gelassen.

Im September war die Walliser Regierung auf Reisen. Segeltörn an der Côte d’Azur. Ziel: Korsika.

Ausgerechnet.

Wer lud ein? Wer bezahlte? Wer war an Bord? Fragen, auf die es bis heute keine Antworten gibt.

Brisant ist auch das private Umfeld der Staatsanwältin. Ihr Ehemann ist im Alkoholhandel tätig, besitzt eine Weinhandlung, beliefert Gastronomiebetriebe. Ob es geschäftliche Berührungspunkte mit dem Barbetreiber gab, ist nicht bekannt. Es wird nichts behauptet. Doch der Anschein eines möglichen Interessenkonflikts steht im Raum.

Und genau dieser Anschein hätte von Beginn an vermieden werden müssen. Durch Transparenz. Durch Anstand. Durch eine externe Untersuchung. Stattdessen wächst der Eindruck, dass das Wallis den Inferno-Korsen durchwinken will. Aussitzen. Abfedern. Zeit gewinnen.

Für die Schweiz ist das brandgefährlich.

Italien trauert. Sechs tote Jugendliche. Staatliche Trauerfeiern. Öffentliche Wut. Matteo Salvini fordert Haftstrafen. Italienische Spitäler nehmen Verletzte auf. Zeitungen sprechen vom Ende des Mythos der Perfektion.

Und Bern? Der Bundesrat wirkt paralysiert. Ein Blumenstrauß. Halbmast. Worte. Dann Stille. Eine Musternation verliert den Takt. Behörden schützen sich selbst. Ermittlungen wirken zahm. Medien werden bedroht. Die Opfer warten auf Gerechtigkeit.

Die entscheidende Frage steht im Raum: Greift jemand ein oder lässt man zu, dass diese Affäre zum endgültigen Beweis wird, dass auch in der Schweiz Macht, Nähe und Wegsehen stärker sind als Recht und Verantwortung?

Die Zeit des Abwartens ist vorbei. Jeder weitere Tag des Schweigens vertieft den Schaden. Für die Justiz. Für den Staat. Für das Vertrauen in die Schweiz.

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