Das Regime im Iran möchte die Massenproteste gewaltsam niederschlagen. Gleichzeitig feuert der US-Präsident die Demonstranten an. Steht das Land vor einer Revolution? Seit mehr als zwei Wochen erlebt der Iran die heftigsten Proteste seit Jahren. Ausgelöst durch eine massive Wirtschaftskrise weiteten sich die Demonstrationen rasch zu einem landesweiten Aufstand gegen das autoritäre Herrschaftssystem aus. In allen Provinzen wird protestiert. Der Sicherheitsapparat geht brutal gegen die Demonstrierenden vor, Hunderte Menschen sollen bereits getötet worden sein. Menschenrechtler sprechen inzwischen von 2.500 Todesopfern. Indes ist das Internet weitgehend abgeschaltet. Parolen wie "Tod dem Diktator" richten sich offen gegen den obersten Führer des Iran, Ajatollah Ali Chamenei, viele Demonstranten folgen den Aufrufen des Schah-Sohns Reza Pahlavi. Newsblog: Alle aktuellen Entwicklungen rund um die Proteste im Iran US-Angriff auf den Iran? Trump holt zum Schlag aus Während Bundeskanzler Friedrich Merz bereits vom baldigen Ende des Regimes spricht, warnt der Iran-Experte Walter Posch vor voreiligen Abgesängen. Im Interview mit t-online erklärt er, was die aktuellen Proteste von früheren unterscheidet, warum ausgerechnet Basare und bislang regimenahe Regionen revoltieren – und weshalb das System trotz wachsender Erosion wohl noch nicht am Abgrund steht. t-online: Herr Posch, Bundeskanzler Friedrich Merz hat bei einem Indien-Besuch erklärt, dass das Regime im Iran "faktisch am Ende" sei. Teilen Sie diese Einschätzung? Walter Posch: Das Regime hat zwar stark an Legitimität verloren und wird mit jeder Krise schwächer. Es gibt Anzeichen von Erosion, das stimmt auch. Am Ende sehe ich es aber noch lange nicht. Die Institutionen funktionieren, auch die außenpolitischen Rückschläge etwa im Zwölftagekrieg hat Teheran recht gut weggesteckt. Das Land ist zudem verteidigungsfähig. Panik herrscht im Regime derzeit sicher nicht. Ich würde solche Prognosen aktuell nicht machen. Dennoch sprechen manche Beobachter bereits davon, dass bei den Protesten dieses Mal etwas anders ist. Was ist damit gemeint? Der wichtigste Unterschied ist, dass die Proteste von den Basaren ausgingen. Das ist in mehrerlei Hinsicht interessant: Die Basare sind sowohl wirtschaftlich als auch kulturell der Geburtsort des Regimes. Viele Produkte im Alltag vieler Iraner sind teurer geworden, und die Wut darüber hat zu einer ideologischen Systemkritik geführt. Die Händler sagen: Das System ist korrupt. Und das Regime hat ihnen in ihrem Protest zunächst sogar recht gegeben und nur dazu aufgerufen, von Sachbeschädigungen abzusehen. Ist das der einzige Unterschied im Vergleich zu früheren Protesten im Iran? Nein. Eine weitere Besonderheit war, dass zu Beginn der Proteste viele Sicherheitskräfte getötet wurden. Das könnte dafür sprechen, dass die Proteste von außen geschürt wurden, um eine harte Gegenreaktion des Regimes herauszufordern. Damit wäre dann ein Eingreifen von außen zu rechtfertigen, wie es Trump im Falle großen Blutvergießens angekündigt hatte. Doch ein dritter Aspekt ist noch interessanter. Welcher? Erstmals gab es auch Proteste in Regionen wie Luristan oder Tschahar Mahal und Bachtiyari im Westen des Landes. Traditionell kommen von dort viele Freiwillige zu den Revolutionsgarden. Man hat dort also einen direkten Draht zum Regime. Deswegen hatte ich dort mit Protesten nicht gerechnet. Die Leute waren lange geduldig, und jetzt ist ihnen der Kragen geplatzt. Und nun rufen die Menschen wieder nach dem Schah. Warum? Das Hauptnarrativ des Regimes ist, dass die Sanktionen am wirtschaftlichen Niedergang schuldig sind. Aber das verfängt nicht mehr vollständig. Die Proteste setzen dem ein eigenes Narrativ entgegen: Das Regime ist inkompetent und könnte nicht einmal ohne Sanktionen vernünftig wirtschaften. Der Ruf nach dem Schah, das wissen die Demonstranten, tut dem Regime besonders weh. Es ist eine Trotzreaktion. Welche Rolle spielt der Sohn des Schahs, Reza Pahlavi, dabei? Zunächst einmal hat er es geschafft, im Ausland die Stimme der moderaten Opposition zu werden. Das war lange undenkbar, da viele Menschen eine Rückkehr in die Monarchie ablehnen. Pahlavi präsentiert sich nun aber als Mann des Übergangs hin zur Demokratie. Als Patriot und Nationalist könnte er ein wichtiger Faktor werden. Er hat dabei allerdings noch viel zu tun, auch wenn er mit der direkten Ansprache an die Armee bereits einen ersten Schritt gemacht hat. Wie loyal sind die Sicherheitskräfte noch gegenüber dem Regime? Die Loyalitäten sind noch da. Besonders die Revolutionsgarden, die mit vielen Spezialeinheiten sehr breit aufgestellt sind, halten dem Regime durchaus die Treue. Dennoch gibt es Beschwerden, etwa in der Armee. Mit einem Unteroffiziersgehalt kann man sich kaum noch ein vernünftiges Leben leisten. Das trifft auch auf die Polizei zu. Doch das Regime steuert seine Anhänger noch gut. Wie gelingt das? Die Mullahs erklären, dass die Gewalt bei den Protesten von ausländischen Provokateuren ausging, die das Land destabilisieren wollen. Die logische Schlussfolgerung daraus ist: Wir müssen die Drahtzieher ausfindig machen. Und das funktioniert? Offenbar ja. Wer im Sicherheitsapparat tätig ist, hat ein starkes patriotisches Bewusstsein. Diese Menschen sind überzeugt, dass die Proteste von Israel und den USA gesteuert werden, um das iranische Öl zu stehlen. Bei einer solchen Einstellung triumphiert dann der Patriotismus über die Beschwerden wegen schlechter Gehälter. Wer angebliche Spione ausliefert, bekommt zudem Prämien. Immerhin 650 Tote wurden bereits identifiziert, nachdem das Regime gegen die Proteste vorgegangen war. Die wahre Opferzahl könnte in die Tausende gehen. Ist das nicht Wasser auf den Mühlen der Demonstranten? Die Reaktion des Regimes kam mit Ansage. Erst hat man die Demonstranten gewähren lassen, dann aber wurde es offensichtlich zu viel. Für den loyalen Sicherheitsapparat war dann klar, was zu tun war. Man ist immer derart gewalttätig gegen Proteste vorgegangen. Mittlerweile hat wohl im Schnitt jede Familie einen Toten durch Regimegewalt zu beklagen. Irgendwann einmal wird es ihnen mit Repressionen nicht mehr gelingen, aber diesen Zeitpunkt kennen wir nicht. So war es auch in Tunesien oder Ägypten im Arabischen Frühling. Wenn das Regime also noch fest im Sattel sitzt und die Sicherheitskräfte loyal bleiben – welche Voraussetzungen müssten für einen Sturz der Mullahs erfüllt sein? Das Regime ist bereits im Niedergang. Vielleicht erringt es jetzt noch mal einen Etappensieg über die Opposition. Die Diskussionen innerhalb der Bevölkerung über Korruption und andere Missstände lassen sich jedoch nicht mehr stoppen. Die stille Erosion ist bereits im Gange. Also ist eine erfolgreiche Revolution nur eine Frage der Zeit? Im Grunde ja. Schon jetzt ist vom ideologischen Unterbau des Regimes kaum mehr etwas übrig. Außerdem sind die "Revolutionäre" von 1979 deutlich in die Jahre gekommen. Nichts ist peinlicher als eine Revolution, die mit jungen Menschen startete, die nun aber über 80 Jahre alt sind. Wenn das Regime zusammenbricht, dann von innen. Der Iran ist hochkomplex, es gibt viele Machtzentren. Es ist also nicht so, dass man einfach den Ajatollah absägt und dann alles zusammenbricht. Druck von außen kann aber wirken. US-Präsident Donald Trump hat bereits ein Eingreifen in Aussicht gestellt. Es bleibt jedoch die Frage offen, was die USA überhaupt erreichen wollen. Wollen sie die Führung ausschalten? Wie soll es dann weitergehen? In Venezuela hat sich nach der Entführung von Nicolás Maduro nichts am Machtapparat geändert. Und was, wenn der 86-jährige Ajatollah Chamenei bei einem Entführungsversuch einen Herzinfarkt erleidet? Das könnte selbst den Nachbarn Irak destabilisieren, wo er viele Anhänger hat. Und sollte eine solche Operation im Iran scheitern, könnte das Regime sogar gestärkt daraus hervorgehen. Sie sehen also keine militärische Option mit Erfolgsaussicht? Es bliebe den USA nur noch ein Einsatz von Bodentruppen. Das sehe ich nicht, denn es bräuchte eine große Zahl von Soldaten. Der Iran ist flächenmäßig so groß wie Westeuropa, viel größer noch als der Irak. Natürlich könnten die USA erneut den Iran bombardieren. Doch was wollen sie damit bezwecken? Aktuell wollen die USA Sekundärsanktionen gegen alle Länder erheben, die mit dem Iran handeln. Das macht ein grundsätzliches strategisches Dilemma der USA deutlich. Sie haben sich mit der Zeit aus dem Iran heraussanktioniert. Sie haben dort keinen Zugang mehr. Nun ist die Frage, wer noch mit dem Iran handelt. Die Amerikaner versuchen wohl so, Schlupflöcher ihrer Sanktionen zu stopfen. Der Iran ist ein wichtiger Machtfaktor in der Region. Wie reagieren die Nachbarn auf die Proteste? Die schauen sich die Situation genau an. Und sie sehen, dass es noch nicht zu einer strategischen Destabilisierung des Landes kommt. Der Iran ist vollkommen handlungsfähig. Sehen die Israelis das auch so, deren Erzfeind der Iran ist? Zumindest ist Israel, was offizielle Verlautbarungen angeht, aktuell auffällig still. Sie haben derzeit auch viel mit sich selbst und den direkten Nachbarn, etwa im Libanon , zu tun. Israel nimmt den Iran ernst. Wenn das der Beginn eines Paradigmenwechsels wäre und man sich in Zukunft schlicht gegenseitig in Ruhe lassen könnte, wäre das für die gesamte Region gut. Herr Posch, vielen Dank für das Gespräch.