Der US-Präsident hat Grönland ins Zentrum der Weltpolitik gerückt. Ein Hotelchef in Nuuk erklärt, warum der geopolitische Fokus volle Betten bringt – und weshalb der Boom trügerisch ist. Donald Trump wollte Grönland kaufen und hat damit etwas ausgelöst, das bis heute nachwirkt. Die arktische Insel, lange Randnotiz der Weltpolitik, ist plötzlich strategischer Schauplatz geworden. Militärisch, geopolitisch, wirtschaftlich. In der Hauptstadt Nuuk ist dieser Wandel längst spürbar. Volle Hotels, neue Flugverbindungen, US-amerikanische Touristen. Jørgen S. Bay-Kastrup, Direktor von Nuuks größtem Hotel "Hans Egede", spricht im Interview mit t-online offen über den "Trump-Effekt". Über einen Boom, der nicht zufällig kam, sondern aus einer politischen Eskalation entstand. Trump habe Grönland weltweit sichtbar gemacht – mit langfristigen Folgen. Bürgermeisterin in Nuuk kritisiert deutschen Komiker scharf: "Enorm schädlich" Nato-Generalsekretär: Ob Europa sich selbst verteidigen kann? "Träumen Sie weiter" t-online: Herr Bay-Kastrup, sehen Sie in Bezug auf die Touristen in Grönland einen "Trump-Effekt"? Jørgen S. Bay-Kastrup: Absolut, es ist ein großer Marketingeffekt, ob man Trump mag oder nicht. Ich mag ihn nicht. Aber seit er vor einem Jahr damit begonnen hat, Grönland in die Öffentlichkeit zu zerren, hat sich der Fokus enorm verändert. Nicht nur politisch, sondern auch aus touristischer Sicht. Wie meinen Sie das? Vergangenen Sommer kam zwar auch der neue Flughafen hinzu, der Ende 2024 eröffnet wurde. Doch plötzlich weiß jeder, wo Grönland liegt. Die Saison war eine vollkommen andere als früher. Wie hat sich das konkret in Ihren Zahlen niedergeschlagen? Es gibt einen massiven Anstieg bei den Gästezahlen. 2025 wurde das beste Jahr in der 40-jährigen Geschichte des Hotels. Wir hatten im vergangenen Jahr ein Umsatzplus von rund 30 Prozent. Das war in jeder Hinsicht das erfolgreichste Jahr überhaupt. Sind Sie dafür dankbar? Nein. Der wirtschaftliche Aufschwung basiert auf einer problematischen politischen Entwicklung. Kurzfristig betrachtet ist das ökonomisch gut. Langfristig jedoch – angesichts der Art, wie Trump über Grönland spricht und mit uns umgeht – halte ich das nicht für gut. Sie spielen auf die geopolitische Entwicklung an. Jetzt scheint es ja gut auszugehen. Ich weiß zwar nicht, ob Trump am Ende bekommen hat, was er wollte, aber es gibt inzwischen einen Weg, mit dieser Trump-Situation umzugehen. Dabei ist vieles, worüber heute gesprochen wird, eigentlich nicht neu. Erklären Sie das bitte. Es gibt das Abkommen von 1951, das den USA erlaubt, jederzeit und überall in Grönland Militärstützpunkte zu errichten. Trump hat das offenbar vergessen – oder zumindest ignoriert. Neu ist vor allem der geopolitische Fokus, den er auf Grönland gelegt hat. Damit hat er auch deutlich mehr Aufmerksamkeit der Nato auf das Land gelenkt. Ich glaube, genau das war sein eigentliches Ziel. Es ging weniger darum, allein zu handeln, sondern darum, die Nato stärker einzubinden. Wissen Sie ... Ja? Der Kalte Krieg ist auf einem neuen Level zurück, mit China , Russland und den USA beziehungsweise der Nato. In diesem Kontext ist Grönland strategisch plötzlich sehr präsent. Trump hat damit dazu beigetragen, dass Grönland weltweit wahrgenommen wird – und man sich wieder fragt, was Grönland eigentlich ist und welche Rolle es spielen kann. t-online-Reporter in Grönland: "Sie wollen in Ruhe gelassen werden" Und was zeichnet Grönland aus? Grönland ist in vielerlei Hinsicht anders. Wenn man es mit Nordlappland oder Island vergleicht, sind wir deutlich stärker isoliert. Wer hier ist, ist den Naturbedingungen ausgeliefert: Flüge fallen aus, das Wetter ist unberechenbar. Man kann nicht einfach ins Auto steigen und zum nächsten Flughafen fahren. Man muss warten, bis der Flughafen wieder öffnet. Das prägt das Leben hier. Es ist keine Isolation im klassischen Sinne, aber ein anderer Lebensansatz – und die Gesellschaft ist dadurch fragiler. Kommen denn auch mehr amerikanische Touristen? Ja, deutlich mehr. Vergangenen Sommer gab es erstmals eine direkte Flugverbindung nach New York – möglich durch den neuen Flughafen. Zwei Flüge pro Woche über fast drei Monate hinweg haben einen völlig neuen Markt erschlossen. Plötzlich tauchten Buchungen über Expedia und booking.com auf, was wir so vorher nicht kannten. Trump hat gewissermaßen das Marketing geliefert, und die neue Infrastruktur hat den Zugang erleichtert. Das hat für uns alles verändert. Ist Nuuk überhaupt bereit für diesen Tourismusboom? Der Tourismus entwickelt sich hier seit etwa zehn Jahren langsam. Früher konzentrierte er sich fast ausschließlich auf Ilulissat im Norden und Qaqortoq im Süden. Inzwischen kommen die Gäste auch nach Nuuk. Viele kleine Unternehmen sind entstanden, sie werden professioneller und wissen, dass schlechte Bewertungen schnell existenzbedrohend sein können. Die Branche hat ihre Haltung verändert. Denn gleichzeitig steigen die Erwartungen. Wenn wir nicht liefern, kommen die Gäste nicht wieder. Die Nachfrage wächst, aber auch der Anspruch. Wo sehen Sie aktuell den Flaschenhals in der grönländischen Tourismusbranche? Im Sommer ganz klar bei den Betten. Früher war der Juli hier in Nuuk immer Nebensaison. Das hat sich komplett gedreht – der Sommer ist jetzt Hochsaison. Damit haben wir nicht gerechnet. Der Mangel an Hotelbetten ist aktuell das größte Problem. Deshalb planen wir ein neues Hotel in Flughafennähe als Teil der Hotel-Hans-Egede-Gruppe. Ein weiteres Problem ist der fortschreitende Klimawandel . Wie wirkt sich dieser auf den Tourismus aus? Sehr sichtbar. Vor zehn Jahren hatten wir im Sommer meist blauen Himmel und Temperaturen zwischen fünf und zehn Grad. Heute ist es oft regnerisch, neblig, und der Schnee bleibt aus. Bis Weihnachten lag in diesem Jahr gar kein Schnee – stattdessen hat es nur geregnet. Das war früher undenkbar. Das ist schlecht für den Tourismus, vor allem für das Bild vom verschneiten Grönland. In Ilulissat etwa konnte im Winter kein Hundeschlittenfahren stattfinden, weil der Schnee fehlte. Normalerweise beginnt das Rennen Mitte Dezember. Sind Sie persönlich glücklich hier? Ja. Die Menschen sind offen, freundlich, sehr familiär. Wir haben Mitarbeitende aus aller Welt, aber auch viele aus Grönland selbst. Die Atmosphäre ist dynamisch und gleichzeitig sehr gemütlich. Was hat Sie ursprünglich hierhergebracht? Ich habe bereits 1988, kurz nach der Eröffnung des Hotels, hier gearbeitet. Die Eigentümer wollten sich später zurückziehen und haben mich als Geschäftsführer geholt. Ich kenne sie seit mehr als 30 Jahren. Und Ihre Familie? Meine Frau lebt noch in Dänemark . Sie wollte nicht hierherziehen. Deshalb pendle ich viel nach Kopenhagen . Vielen Dank für das Gespräch!