Nordrhein-Westfalen ist einer der größten AfD-Landesverbände. An diesem Wochenende wird der Vorstand neugewählt. Kurz zuvor wurden Vorwürfe gegen einen Kandidaten auf den Chefposten laut. Die räumt die Bundesgeschäftsstelle der Partei nun aus. Der AfD-Landesverband NRW ist tief zerstritten, in den vergangenen Wochen kämpften zwei Lager mit besonders harten Bandagen gegeneinander. Grund für die gereizte Stimmung ist der Landesparteitag, der an diesem Wochenende in Marl stattfindet. Dort wird der Landesvorstand der Partei neugewählt. Der aktuelle Landeschef Martin Vincentz zählt zum vergleichsweise gemäßigten Lager in der AfD und führt den Verband bisher allein. Das Lager um den Rechtsextremisten Matthias Helferich, der zum Höcke-Flügel der Partei gehört, möchte das ändern. Es will eine Doppelspitze einführen. Als Kandidaten dafür hat es die beiden Bundestagsabgeordneten Fabian Jacobi und Christian Zaum ins Rennen geschickt. Gegen Jacobi aber wurden an diesem Dienstag, fünf Tage vor dem Parteitag, Vorwürfe öffentlich. Er soll dem Landesvorstand womöglich Unterlagen vorenthalten haben, hieß es da, diese Dokumente aber an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet haben. Diese Vorwürfe entkräftet nun aber der Bundesgeschäftsführer der AfD, Hans-Holger Malcomeß, in einer E-Mail, die t-online vorliegt. Gerichtet ist sie unter anderem an den Landesvorstand NRW, dem Vincentz wie auch Jacobi angehören, sowie den AfD-Bezirksvorstand Köln . Für den Parteitag an diesem Wochenende dürfte das Konsequenzen haben: Jacobi, der Vincentz Konkurrenz machen will, wird von der Bundesspitze deutlich entlastet. Sitzung des Landesvorstands mit "gereizten Ausbrüchen" Der WDR berichtete über die Vorwürfe unter Bezug auf eine Sitzung des Landesvorstands am Sonntag. Die soll demnach mit "gereizten Ausbrüchen" abgelaufen sein. Diese Ausbrüche soll eine Diskussion über den Fall Klaus Esser ausgelöst haben. Esser ist Landtagsabgeordneter in NRW, gilt als mächtiger Strippenzieher in Martin Vincentz' Sinne – und muss sich derzeit wegen Urkundenfälschung vor Gericht verantworten. In einer Bewerbung auf die wichtige Stelle als Landesgeschäftsführer bei der AfD soll Esser ein Zeugnis über das Bestehen des ersten juristischen Staatsexamens gefälscht haben. Außerdem soll er unbefugt den Titel "Master of Laws"/LL.M. für sich verwendet haben. In der Vorstandssitzung soll die Lage laut WDR deswegen eskaliert sein, weil Jacobi – der wie Vincentz Mitglied des Landesvorstands ist – eingeräumt haben soll, Essers Bewerbungsunterlagen bereits im Sommer an das parteiinterne Landesschiedsgericht und die Staatsanwaltschaft Aachen geschickt zu haben. Über die Weitergabe soll Jacobi aber den restlichen Landesvorstand nicht informiert haben. Jacobi soll zudem erklärt haben, die Dokumente von der AfD-Bundesgeschäftsstelle bekommen zu haben, die auf den Mail-Account einer ehemaligen Mitarbeiterin Zugriff gehabt haben soll. Es werde der Vorwurf erhoben, Jacobi habe dem Rest des Vorstands die Dokumente vorenthalten. Die anderen Vorstandsmitglieder sollten demnach damit in dem Glauben bleiben, "die zentralen Beweisstücke seien nicht vorhanden und auch nicht beibringbar", schrieb der WDR nach der Sitzung ohne Nennung von Namen. Ein Vorstandsmitglied teilte laut Bericht mit, deswegen habe man den Vorwurf der Urkundenfälschung in einem laufenden Parteiausschlussverfahren gegen Esser gestrichen. Dieses Streichen der Vorwürfe gegen Esser wurde im Oktober 2025 von einem großen Teil des Vorstands in einer Nacht-und-Nebel-Aktion vorgenommen. t-online berichtete darüber exklusiv. Innerhalb weniger Stunden wurden per E-Mail erst mehrere Beschlüsse durchgewinkt, der Vorwurf der Urkundenfälschung gegen Esser abgeräumt, mehrheitlich für einen Vergleich mit Esser gestimmt – und der auch gleich per Mail an Esser kommuniziert. Der stimmte – ebenfalls in kürzester Zeit – dem Vergleich per Mail zu. Esser droht in Mail mit Anzeige: "Daten auf illegale Art besorgt" Esser nutzte nun auch die Berichterstattung des WDR über die Verstimmungen im Landesvorstand zügig. Er schickte am Donnerstag eine E-Mail unter anderem an AfD-Bundesgeschäftsführer Malcomeß mit dem Betreff "Berichterstattung WDR, Aussage Jacobi". Auch diese E-Mail liegt t-online vor. Darin erhebt Esser den Vorwurf, Jacobi habe sich "auf illegale Art und Weise Daten besorgt, die es – aufgrund geltender Datenschutzvorschriften – gar nicht mehr geben dürfte". Das sei datenschutz-, straf- und zivilrechtlich relevant. Er wolle Anzeige erstatten. Esser schrieb weiter: Jacobi belaste zudem die Bundesgeschäftsstelle schwer, indem er angebe, die Daten von der BGS besorgt zu haben, "die angeblich Zugriff auf ein altes Postfach" habe. Die solle ihm nun mitteilen, ob das stimme. AfD-Geschäftsführer sieht keinen datenschutzrechtlichen Verstoß AfD-Bundesgeschäftsführer Malcomeß Antwort ist lang, klingt wenig erfreut und ungeduldig. Er schmettert Essers Vorwürfe gegen Jacobi sowie die vermuteten Fehler der BGS ab. "Der von Ihnen erhobene Vorwurf, dass auf illegale Art und Weise Daten besorgt worden sein sollen, kann nicht ansatzweise nachvollzogen werden und wird deshalb zurückgewiesen", schreibt Malcomeß. Die Angelegenheit sei bereits im Januar 2026 vom Stabsbereich Recht der Bundesgeschäftsstelle sowie von der "externen betrieblichen Datenschutzbeauftragen des AfD-Bundesverbands" geprüft worden. Die seien übereinstimmend zu dem Ergebnis gekommen, dass "hier kein datenschutzrechtlicher Verstoß vorliegt". Das "kein" hat Malcomeß unterstrichen. Malcomeß zitiert zudem die Datenschutzbeauftragte mit den Worten, dass "Jacobi autorisiert war, die Daten einzusehen und an die beiden Stellen (Landesschiedsgericht und Staatsanwaltschaft, Anm. d. Redaktion) weiterzuleiten". Detailliert zeichnet Malcomeß das gesamte, inzwischen sehr komplexe Vorgehen im Fall Esser noch einmal chronologisch nach. Die Datenschutzbeauftragte habe dieser Zusammenfassung in Gänze zugestimmt, sagt er. In dieser Zusammenfassung erklärt Malcomeß, dass Jacobi als Prozessbevollmächtigter des Landesvorstands für Essers Parteiausschlussverfahren Malcomeß und die BGS um Hilfe gebeten habe. Das Ziel: Essers Bewerbung mit den mutmaßlich gefälschten Unterlagen zu finden, die parteiintern verloren schien. Zu diesem Zweck habe Jacobi ein archiviertes E-Mail-Postfach eines ehemaligen Landesvorstandsmitglieds geöffnet – mit dessen Einverständnis. Grund für dieses Vorgehen sei ein "berechtigtes Interesse" des Landesvorstands zur Aufklärung einer Straftat zum Nachteil des Landesverbands. Auch die "befristete Archivierung" von Postfächern ehemaliger Vorstandsmitglieder sei aus Haftungsgründen des Vorstands legitim. Malcomeß fordert Esser auf, zwei einfache Fragen zu beantworten Am Ende seiner E-Mail stellt Malcomeß direkt an Esser gerichtet fest: "Sie könnten die erforderliche Aufklärung auch selbst unterstützen", in dem Esser seine Bewerbung in seinem Postausgang suche und zur Verfügung stelle oder die Personalabteilung der Landtagsfraktion darum bitte, sie zu "Vergleichszwecken freizugeben". "Unter dem Strich bleiben zwei Kernfragen", schreibt Malcomeß außerdem – auch dieser Satz ist unterstrichen. "1. Hatten Sie sich beim Landesverband Nordrhein-Westfalen auf die Stelle eines Landesgeschäftsführers beworben? 2. Wenn ja, hatten Sie auf Ihrer Bewerbung einen Titel bzw. einen Abschluss angegeben, den Sie nicht hätten führen dürfen? Beide Fragen ließen sich relativ leicht mit ja oder mit nein beantworten." Daneben erschienen weitere Punkte nachrangig, weil sie nicht zur Aufklärung des eigentlichen Vorwurfs des Titelmissbrauchs beitrügen. Eins ist sicher: Auf dem Landesparteitag ab Samstag dürfte dieser Austausch und der Fall Esser Thema werden.