Rauchzeichen über dem Kellerwald
Beim 92:59-Erfolg über die Paderborn Baskets zeigen sich die GIESSEN 46ers gerüstet für das Duell am Sonntag bei BBL-Absteiger Göttingen.
Viktor Kovacevic erhielt Sprechchöre und bedankte sich schon Minuten vor dem Spielende winkend und aufs Club-Logo deutend beim Publikum. Die Mannschaft drehte (wie fast immer) eine Ehrenrunde. Robin Benzing und Roland Nyama trugen ihre Töchter fröhlich übers Parkett. Wildfremde Menschen lagen sich in den Armen. Eine Dame mit der Gnade der frühen Geburt fiel dem sichtlich überraschten Kyle Castlin um den Hals. Autogrammjäger und Selfie-Hascher lauerten an jeder nur erdenklichen Ecke. Die Stehtribüne schmetterte herzerfrischend „Rot und Weiß, ein Leben lang …“ Und die Abendkasse vermeldete trotz (Achtung: Zungenbrecher) „Stadtverwaltungsrauchschutzvorhangeinschränkung“ eine fast ausverkaufte Osthalle: Gießener Basketball-Herz, was willst du mehr?
Mit 92:59 (41:25) fertigten die GIESSEN 46ers am 25. Spieltag der BARMER 2. Basketball-Bundesliga ProA Neuling Paderborn Baskets ab, setzten sich mit dem vierten Sieg in Serie deutlich in den Playoff-Rängen fest und verschickten klar erkennbare Rauchzeichen über das Amöneburger Becker, den Kellerwald und den Kaufunger Wald in Richtung Leinegraben, wo am Sonntag (15 Uhr) in Teil zwei des Doppelspieltags mit BBL-Absteiger BG Göttingen allerdings ein anderes Kaliber wartet als der Freitag-Kontrahent aus Ostwestfalen.
„So kann es ruhig weitergehen“, war „Frenki“ Ignjatovic, Cheftrainer und in der Personalunion auch Sportlicher Leiter des Altmeisters, die Erleichterung ob des starken Auftritts seiner Männer anzumerken. „Wir haben mit großer Intensität verteidigt und sind gut aus der Länderspielpause gekommen. Außerdem mussten unsere Leistungsträger nicht mehr als 25 Minuten gehen; vielleicht konnten wir uns so für Sonntag einige Körner aufsparen.“
Von einer „soliden Performance“ sprach Center Jonathan Maier, der allerdings zu bedenken gab, solche Situationen in seiner langen Karriere schon des Öfteren erlebt zu haben. „Trotz aller berechtigter Euphorie: Am Sonntag geht alles wieder bei null los, egal wie anstrengend oder wie erleichtert der Freitag auch gewesen sein mag.“
Es waren Worte, die auch Robin Benzing unterschrieben hätte. „Mit einem guten Gefühl nach Göttingen zu fahren, ist das eine. Doch wir sind noch lange nicht dort, wo wir eigentlich hinwollen, wir sind aber auf einem guten Weg“, befand der Capitano, der eine „starke Verteidigung“ und ein „Top-Rebounding“ gesehen hatte, der lobte, dass „wir den Ball flott bewegt haben“ und schließlich konstatierte: „Wir haben es den guten Paderborner Schützen heute richtig schwer gemacht.“
In der Tat standen die ansonsten äußerst treffsicheren Jonathan Klussmann, Branden Maughmer und Efosa Osawe (zusammen im Schnitt 48 Punkte pro Partie) mit zusammen nur 22 Zählern total neben sich, was Gäste-Coach Milos Stankovic auch neidlos anerkannte: „Physisch hatten wir Gießen nichts entgegenzusetzen.“
Nur im ersten Viertel hatten die Hausherren ihre liebe Mühe mit dem Aufsteiger, der das Hinspiel noch mit 100:93 zu seinen Gunsten entschieden und den 46ers damit einen schweren Hieb verpasst hatte. Als Paderborn dann nach elf Minuten mit 21:18 in Führung lag, waren die Hausherren allerdings bei der Ehre gepackt. Branislav Ignjatovics Jungs ließen neun Minuten und 17 Sekunden (!) lang keinen Korberfolg der Ostwestfalen mehr zu, drehten den Rückstand per 21:0-Run in eine 39:21-Führung (20.) und hatten den Baskets damit schon vor der Pause den Stecker gezogen.
Da auch der dritte Abschnitt (33:14) deutlich an die Mittelhessen, die zwischen der elften und der 30. Minute also mit einem 56:18-Zwischenspurt die Fans von den Sitzbänken geholt hatten, ging, durften am Ende mit Roland Nyama und Kai Müsse auch die beiden 46ers-Akteure, deren Spielanteile in dieser Saison eher überschaubar waren, länger mitwirken.
Drei Rebounds des Deutsch-Kameruners und fünf Zähler des Nachwuchs-Centers, für den Ignjatovic später ein Extra-Lob parat hatte, rundeten den gelungenen 46ers-Auftritt ab. „Wir werden in den nächsten Jahren noch viel Freude an Kai Müsse haben“, lobte der Gießener Übungsleiter den 19-Jährigen, der sich nahtlos an der guten Vorstellung der Hausherren beteiligt hatte. „Ich bin ein wenig nervös ins Match gegangen, hatte aber schnell einen Traumpass von Robin Benzing und konnte auch defensiv ein bisschen was zeigen“, hatte Kai Müsse „viel Spaß“ an einem Match, das er zunächst drei Viertel lang auf der Bank oder auf dem Hometrainer begleitet hatte. „Jetzt freue ich mich echt auf mehr!“
Es war nun mal ein Abend voller Höhepunkte. Einer, an dem sich Viktor Kovacevic mit einem Double-Double wieder einmal zum Publikumsliebling aufgeschwungen hatte. Einer, an dem der nachverpflichtete Adnan Arslanagic bei seiner Osthallen-Premiere mit sechs Punkten und fünf Rebounds zeigen durfte, dass er mehr als nur ein Backup für den allerdings deutlich im Aufwind segelnden Simon Krajcovic ist. Einer, an dem Starter Daniel Norl und der Ex-Paderborner Luis König Figge viel Energie versprühten und überall ihre Pranken im Spiel hatten. Einer, an dem Robin Benzing mit 15 Punkten und sieben eingesammelten Abprallern als Anführer voranging. Und einer, an dem Jonathan Maier und der von Woche zu Woche selbstbewusster agierende Till Gloger die Bretter beherrschten.
„Ich bin mir nicht sicher, ob es in den gut dreieinhalb Jahren unter meiner Führung schon einmal ein Match gegeben hat, indem wir insgesamt 55 Rebounds zu verzeichnen hatten“, schaute „Frenki“ Ignjatovic fast ein wenig fassungslos auf den Statistik-Bogen. „Meine Jungs überraschen mich von Woche zu Woche.“
Dass am Ende abermals eine ausbaufähige Dreierquote (nur fünf von 19) zu Buche stand, Gießener satte elf Freiwürfe liegen ließ und Paderborn zum Schluss von 49:92 auf 59:92 verkürzen und damit Ergebniskosmetik betreiben durfte, nahm der 59-Jährige jedenfalls gelassener zur Kenntnis als so manchen Gegner-Run der letzten Monate. Denn: „Wir sind auf Kurs. Am Sonntag in Göttingen entscheidet die Tagesform.“ Und die stimmte am Freitag bei den GIESSEN 46ers.
Gießen: Norl (6), Arslanagic (6), Castlin (8), Benzing (15), Maier (6), König Figge (6), Müsse (5), Gloger (14), Nyama, Kovacevic (15), Krajcovic (11).
Paderborn: Osawe (13), Maughmer (2), Silic (2), Teichmann (12), Brüggemann (5), Marty-Decker, Bühner, Johnson (7), Kayser (2), Worku (9), Klussmann (7).
UND SONST NOCH …
- Unsere Starter: Daniel Norl, Kyle Castlin, Till Gloger, Viktor Kovacevic, Simon Krajcovic.
- Unser ausdauerndster Profi: Kyle Castlin (25:41 Minuten).
- Unser stärkster Rebounder: Viktor Kovacevic (10).
- Unser erfolgreichster Passgeber: Simon Krajcovic (5).
- Unsere höchste Führung: 92:49 (38. Minute).
- Unsere erfolgreichste Serie: 21:0 zum 39:21 (18. Minute).
- Unsere emotionalen Beobachter: 2338 Zuschauer in der Osthalle.
- Unser nächster Auftritt: Sonntag, 8. März (15 Uhr), bei der BG Göttingen.
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