Moskau: Wenn der Schnee schmilzt
Der Winter in Russland fiel dieses Jahr sehr schneereich aus. Die Schneeverwehungen im ganzen Land – und besonders in Moskau – beeindruckten durch ihre Höhe. Doch so plötzlich und schnell sie kamen, so schnell verschwinden sie auch wieder. Es wurde wärmer. Meteorologen prognostizieren für dieses Jahr den Beginn des Wasseranstiegs nach dem 21. März; diese Phase könnte etwa zwei Wochen dauern. Nach Angaben des Katastrophenschutzministeriums sind 106 Siedlungen in 28 Stadtkreisen der Region Moskau in Gefahr, überflutet zu werden. Erwartungsgemäß könnten vom Hochwasser rund 575 Wohnhäuser betroffen sein, in denen bis zu 8000 Menschen leben.
März-Check
Auch in Moskau besteht die Gefahr von Überflutungen. Wie jedes Jahr im März beginnen die städtischen Versorgungsbetriebe, die Lage an den Wasserbauwerken besonders genau zu überwachen. Am 11. März beruhigte der stellvertretende Moskauer Bürgermeister für Wohnungswesen, Kommunaldienstleistungen und Stadtgestaltung, Pjotr Birjukow, die Öffentlichkeit und kündigte den Beginn der Vorbereitungen der Hydrotechnik-Anlagen auf die Frühjahrshochwasser an: „Den Beginn der Schneeschmelze beobachten wir in der Hauptstadtregion üblicherweise Ende März bis Anfang April – die entsprechenden Vorbereitungsmaßnahmen haben bereits begonnen. Wir überprüfen die Funktionsfähigkeit der hydrotechnischen Bauwerke an den Flüssen Jausa und Desna, am Lichoborsker Umleitungssystem, am Borissowo-Staudamm, am Moskau-Wolga-Kanal sowie am Istrinsker, Moschaisker und anderen Stauseen“, so der Beamte.
Stille Helden
Man kann sagen, dass die Wasserabfuhr aus Moskau bereits im Winter beginnt. Auf den Straßen sieht man lange Kolonnen von Lastwagen mit Schnee im Aufbau. Sie fahren zu Schneeschmelzstationen. Dutzende dieser stillen Helden im Kampf gegen den Schnee gibt es in Moskau. Täglich können sie Hunderttausende Kubikmeter Schnee verarbeiten, der dann in die städtischen Sammelkanäle und anschließend in die Kläranlagen gelangt. Doch das ist erst seit 2002 so: Davor kippte man den Straßenschnee einfach in die Flüsse Moskwa und Jausa. Das war nicht nur aus ökologischer Sicht problematisch – so hätte man die ganze Stadt überfluten können.
8,9 Meter
Historisch betrachtet waren Überschwemmungen in Moskau nichts Ungewöhnliches. Die Stadt wurde regelmäßig überflutet. Allein 25 große Hochwasser sind vom 14. bis ins 20. Jahrhundert dokumentiert. Das schwerste ereignete sich 1908. Damals stieg der Wasserstand auf 8,9 Meter. Das Ausmaß der Flut lässt sich anhand historischer Fotos erahnen – sie sind im Netz leicht zu finden. Oder man betrachtet die Tafeln mit den Wasserstandsmarken vom 11. und 12. April 1908.
Mit Schweiß und Blut
Die Idee eines Kanals zwischen Wolga und Moskwa ist sehr alt. Schon Zar Peter I. hegte solche Pläne. Doch die Idee wurde erst in den 1930er-Jahren umgesetzt. Der Moskau-Wolga-Kanal leitet derzeit Wolgawasser in die Hauptstadt und sichert so Schifffahrt sowie Wasserversorgung. Diese Wasserader ist 128 Kilometer lang, sie deckt über 60 Prozent des gesamten Wasserbedarfs der Hauptstadt.
Heute besteht der Kanal aus einem System von neun Hydroknoten mit Dämmen, Schleusenkammern und Wasserkraftwerken. Das ist ein Projekt, dessen Ausmaße auch heutige Beobachter beeindrucken. Man könnte auf ein solches Bauwerk stolz sein, doch ein Umstand trübt diesen Stolz: Den Kanal bauten Häftlinge. Hunderttausende Lagerinsassen mussten hier arbeiten, viele bezahlten mit dem Leben für die wasserreiche Moskwa.
Trotzdem Pfützen
Das gesamte System der Wasserbauwerke leitet überschüssiges Wasser in die Stauseen der Region Moskau ab. Alles nach Plan, wie Pjotr Birjukow ihn beschrieben hat. Doch warum stehen in Moskau noch immer ganze Straßen unter Wasser? Diese Frage sollte man an jene richten, die für die Regenwasserkanalisation der Stadt zuständig sind. Und das ist eine Geschichte für sich.
Goscha Haimow
Запись Moskau: Wenn der Schnee schmilzt впервые появилась Moskauer Deutsche Zeitung.