Heidelberger Studenten: Die Erben der Filmclub-Bewegung
Von Sara Wess
Heidelberg. Mit fein säuberlicher Handschrift quetscht Lea Cloos den letzten Titel auf die eng beschriebene Liste, "Clockwork Orange", dahinter notiert sie in Klammern das Erscheinungsjahr. "Das ist ein echter Klassiker", weiß die 26-Jährige. "Ein richtiger Kultfilm." Cloos kennt sich aus, wenn es um Titel, Drehbücher und Regisseure geht. Sie ist Studentin der Kunstgeschichte und Gründungsmitglied des Studentischen Filmclubs, der im Oktober letzten Jahres auf Initiative von Filmwissenschaftlerin Morticia Zschiesche ins Leben gerufen wurde.
"Wir sehen uns in der Tradition des 1948 in Heidelberg gegründeten Studentischen Filmclubs, daher haben wir auch den Namen beibehalten", erklärt Mitgründer Nikias Herzhauser (24). Cloos ergänzt: "Der wurde als erster rein studentischer Filmclub der Bundesrepublik gegründet." Er zeigte Filme, die in der Zeit des Nationalsozialismus verboten waren, um aufzuarbeiten, was kulturell verpasst wurde.
Und so etwas Ähnliches hat sich auch der "neue" Studentische Filmclub zum Ziel gesetzt: "Wir wollen kontroverse Filme zeigen. Filme, die heutzutage unbekannt sind, aber trotzdem oder gerade deshalb künstlerisch wertvoll", fasst Physikstudent Max Hirsch (18) zusammen und fügt hinzu: "Man könnte auch sagen: Filme, bei denen es sich anfühlt, als hätte man sie wiederentdeckt."
Die Auswahl geschehe in enger Zusammenarbeit mit dem Karlstorkino, wo der Filmclub monatlich ausgewählte Werke präsentieren darf. "Wir sind offen für alle Kaliber", betont Medizinstudent Thomas Kremer (22). Er fügt hinzu: "Wir haben Stummfilme wie ,Metropolis’ ebenso auf unserer Liste wie vergleichsweise aktuelle Werke wie ,Terror 2000’ aus dem Jahr 1992." Die ersten Vorstellungen im November und Januar seien gut besucht gewesen, finanzielle Förderung durch den Studierendenrat ermögliche dauerhaft niedrige Eintrittspreise für Studenten.
Doch worin liegt der Reiz, ein Kino zu besuchen, in Zeiten, in denen der eigene Laptop dank zahlreicher Streaming-Anbieter mit nur wenigen Mausklicks zum Heimkino wird? Cloos lacht, dann nickt sie. "Die gleiche Frage haben uns zu Beginn viele gestellt."
Nur die wenigsten glaubten, dass ein Filmclub in der heutigen Zeit Bestand haben könnte. Kommilitone Herzhauser hält jedoch dagegen: "Es besteht ein immenses Überangebot an überall verfügbaren Filmen, das immer begleitet wird von der Angst, dass der Film, für den man sich entschieden hat, schlussendlich doch nicht gut ist." Eben diese Angst wolle der Studentische Filmclub nehmen. "Bei uns findet immer eine Auswahl statt. Wir zeigen nur die Sternstunden der Filmgeschichte."
Im Nachgang an die Vorführungen lädt der Filmclub zur offenen Diskussion ein. "Jeden Monat bereitet ein anderes Mitglied Leitfragen zum Film und eine kurze thematische Einführung vor", erklärt Physikstudent Paul Marie (24). "Das ist wichtig, denn die Filme sind meist sehr anspruchsvoll und lassen das Publikum mit vielen Fragen zurück. Diese Diskussion im Anschluss ist heute nicht mehr üblich, aber unglaublich wichtig."
Info: Am Dienstag, 13. Februar, zeigt der Filmclub um 19.30 Uhr den Klassiker "Clockwork Orange" (1971) im englischen Original mit deutschen Untertiteln. Der Eintritt ins Karlstorkino kostet für Studenten 3,50 Euro, für alle anderen 7,50 Euro.