Neues Promotionskolleg in Heidelberg: Dreigroschenoper, völkische Lieder und virtuose Rockmusik
Von Jonas Labrenz
Heidelberg. Virtuose Gitarrensoli, die Dreigroschenoper und völkische Lieder im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts haben eines gemeinsam: Es sind Kunst- und Kulturgüter, die im Gedächtnis bleiben. Nicht nur zeitgenössische Popmusik erscheint dagegen als am Fließband für den Markt produziert. Das künstlerische Schaffen scheint dem Absatz und Gewinn untergeordnet zu sein. Konnten aber Brecht und andere Künstler unabhängig vom Markt agieren? "Die Dreigroschenoper war zu Brechts Zeit rein kommerziell ausgerichtetes Theater", stellt Patrick Mertens klar. Dabei ließ Brecht Mackie Messer doch noch die subversive Frage stellen: "Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?".
Mertens ist einer von bald fünf Doktoranden im neuen interdisziplinären Promotionskolleg "Kunst, Kultur und Märkte. Geschichte der europäischen Kulturwirtschaft vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart" des Zentrums für Europäische Geschichts- und Kulturwissenschaften (ZEGK). Der 25-Jährige untersucht in seiner Dissertation das kommerzielle Musiktheater und seine europäische Rezeption ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ein Forschungsinteresse, das selten verfolgt wird: "Märkte werden in der Forschung häufig nicht thematisiert", erklärt Katja Patzel-Mattern, die das Kolleg gemeinsam mit Cord Arendes leitet.
Bei der feierlichen Eröffnung des Kollegs luden sie zum Filmabend mit anschließender Diskussion ins Karlstorkino. "Square" heißt der preisgekrönte Film, den die beiden für geeignet hielten, um das Forschungsthema vor Augen zu führen. "Das Spannende ist, dass er auch Kunstmärkte zeigt", so Arendes. "Und was er mit allen Beteiligten macht", ergänzt Patzel-Mattern. Ihre These: Kunst entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern Produzenten und Rezipienten sind beeinflusst von und beeinflussen wiederum den Markt.
Wer vorhat, nach dem Studium zu promovieren, kann das entweder tun, indem er sich einen Doktorvater sucht und mit ihm ein Thema aushandelt - eine sogenannte Individualpromotion absolviert, die häufig über die Arbeit am Lehrstuhl, manchmal auch durch ein Stipendium finanziert wird. Oder man bewirbt sich um einen Platz in einem Promotionskolleg.
Im Gegensatz zu naturwissenschaftlichen richten geisteswissenschaftliche Fakultäten selten solche Promotionsmöglichkeiten ein. Für drei Jahre wird das Kolleg nun vom Landesgraduiertenkolleg gefördert. Jeder der Teilnehmer wird dort von mindestens zwei Professoren betreut, "was es wirklich besonders macht", freut sich Arendes, der noch einmal heraus hebt, dass dort mehrere wissenschaftliche Disziplinen zusammenarbeiten.
Adrian Grimm hat, genau wie Mertens, zuvor in Heidelberg studiert und schreibt nun an seiner Dissertation über die virtuose Rockmusik als kulturelles und wirtschaftliches Phänomen. "Da ist etwas Neues entstanden", so der 30-Jährige. Zuerst begann er eine Individualpromotion, wechselte dann auf Anraten von Arendes ins Kolleg. Mit seinem Thema schien es wie für ihn gemacht.
Ein Glücksfall für den Vater einer kleinen Tochter, der Arbeit und Familie so besser vereinbaren kann. Wie seine Kollegen auch, bekommt er ein Stipendium für die nächsten drei Jahre. "Und die Betreuungssituation ist in Heidelberg wirklich super", ergänzt Grimm. "Es ist eine unglaublich tolle Möglichkeit: Man kann nicht nur auf den Erfahrungsschatz von sechs Professoren zurückgreifen, sondern sich auch in Vollzeit dem Projekt widmen", stimmt Mertens zu.