Reichartshausen/Lobbach: Schäfer haben Angst vor dem "bösen" Wolf
Von Christiane Barth
Reichartshausen/Lobbach. "Wir dürfen es dem Wolf nicht zu leicht machen, an die Schafe zu kommen", warnt der Vorsitzende des Landesschafzuchtverbandes, Alfons Gimber. Die Schäfer haben Angst. Vorm Wolf und um ihre Existenz. Bei der jüngsten Verbandsversammlung, die jetzt im Gasthaus "Zum Hirsch" in Reichartshausen stattfand, war der Wolf das beherrschende Thema. Der Vorsitzende aus Lobbach-Lobenfeld macht im nachfolgenden RNZ-Gespräch deutlich: Die bislang per Erbmaterial nachgewiesenen zwei Wölfe in Baden-Württemberg stellen die Schäfer vor große Herausforderungen. "Wir werden uns irgendwann entscheiden müssen, wie viele Wölfe das Land verträgt", versichert Gimber.
Warnschüsse gab es längst: Der im Herbst letzten Jahres in Waldmichelbach gesichtete Wolf hätte gut Gimbers Tiere reißen können, diese grasten nur 15 Kilometer entfernt in Brombach. Die rund 60 Schäfer aus dem Rhein-Neckar- sowie dem Neckar-Odenwald-Kreis, auch aus der Region Buchen, Leonberg und Heilbronn, waren sich einig: "Wenn die Bevölkerung den Wolf will, dann muss den Schäfern, die durch ihn mehr Arbeit und wohl auch Verluste haben, eine Entschädigung zukommen", verdeutlicht Alfons Gimber, der einräumt: "Wenn ich als Spaziergänger einem Wolf begegne, laufe ich ungerührt weiter." Für seine rund 700 Schafe allerdings sieht er durchaus ernste Gefahr.
Der 57-Jährige ist hauptberuflich Schäfer: Die Tradition in der Familie setzt sich fort, denn bereits sein Vater war Schäfer, und sein Sohn Florian wird die Herde eines Tages übernehmen. Durch den zunehmenden bürokratischen Aufwand werde der Beruf bereits seit Jahren erschwert, doch der Wolf stelle jetzt eine kaum zu kalkulierende Bedrohung dar.
So lange es bei einzelnen Tieren bleibe, sei die Gefahr noch relativ gering. Mit Prognosen ist Alfons Gimber vorsichtig, dennoch vermutet er: "Es könnte gut sein, dass wir in ein, zwei Jahren das erste Rudel hier haben." Vorrangige Aufgabe sei daher nun, auf Landesebene zu klären, wie mit den Problemen, die der Wolf mit sich bringen könnte, umzugehen sei.
Gimber nennt die wesentlichen Fragen: Da gehe es um die Versicherung, die Entschädigung und um die Prävention. "Wenn ein Wolf die Herde auf Autobahnen oder Bundesstraßen treibt, können schnell Schäden in Millionenhöhe entstehen." Zudem wünschen sich die Schäfer, dass ihr Mehraufwand, wenn sie etwa aufwendigere Zäune bauen müssen oder Tiere getötet werden, ausgeglichen wird. Mit staatlichen Geldern.
Die Zäune müssen von 90 auf 105 Zentimenter aufgerüstet und besser gesichert werden. Bislang begnügen sich die Schäfer mit 3000 Volt Spannung, doch um den Wolf abzuschrecken, müssten es mindestens doppelt so viel sein, versichert Gimber, der Elektrozäune für den besten Schutz hält. Überhaupt sind es die technischen Abwehrmöglichkeiten wie Ultraschallvertreiber, Kameras oder Halsbänder, die die Schäfer sowie die Politiker im Landwirtschaftsministerium in Stuttgart derzeit beschäftigen. "Dort müssen noch viele Hausaufgaben erledigt werden", meint Alfons Gimber und betont: "Der Landesschafzuchtverband setzt sich immer wieder dafür ein, dass auf politischer Ebene etwas geschieht."
Gimber hat seine Schafe gerade von der Winterweide geholt, im Februar wird geschoren, Ende März bringt er sie auf die Sommerweide nach Kailbach im Hessischen und nach Brombach bei Eberbach. Ob er Angst hat, dass seine Herde vom Raubtier heimgesucht wird? "Wölfe legen am Tag eine Distanz von 60 Kilometer zurück und können heute in Hessen, morgen im Schwarzwald sein."
Die weiteren Themen der Zusammenkunft der Schäfer waren weit weniger brisant. Diana Nicolaus von der Tierzuchtstelle Stuttgart sprach übers "Ablammen", der Veterinärmediziner Dr. Wolfgang Luft sprach über die Impfung gegen das Q-Fieber sowie über die Vorbeugung eines Selenmangels.
Zudem wurde die Versammlung, die vom Landwirtschaftsamt Buchen organisiert wird, vom Veterinäramt (Außenstelle Wiesloch), vom Amt für Landwirtschaft und Naturschutz Sinsheim (Jörg Sitzler) sowie vom Landschaftserhaltungsverband Sinsheim (Katrin Naumann) begleitet.