Bürgermeisterwahl Eberbach: Auf dem Wahlzettel stand der Name eines Nazi-Opfers
Von Rainer Hofmeyer
Eberbach. "Simon Salomon Leibowitsch" stand auf einem Wahlzettel zur Eberbacher Bürgermeisterwahl. Ungültig. Der Gewählte konnte "nicht eindeutig festgestellt" werden, wie es die Gemeindewahlordnung vorgibt. Doch – er ist feststellbar, aber der Mann lebt nicht mehr.
Keiner in der Stadtverwaltung und bei der Sitzung des Gemeindewahlausschusses im Horst-Schlesinger-Saal des Rathauses am Montag konnte sich an Leibowitsch erinnern, als der Name bei der Wahlkommission Anlass zur Bewertung einer abgegebenen Stimme gewesen ist. Leibowitschs tragische Geschichte ist nun auch schon fast 90 Jahre alt.
Simon Leibowitsch war ein russischer Jude, der 1923 nach Eberbach kam. Zur jüdischen Gemeinde hatte er keine persönliche Bindung, nahm aber immer wieder an den Gottesdiensten in der kleinen Synagoge bei der Neckarbrücke teil.
Dort saß er gewöhnlich in der letzten Reihe. Er war in der Stadt ein Außenseiter, sprach nur gebrochen Deutsch und Hebräisch, arbeitete in verschiedenen Berufen, unter anderem bei der Reichsbahn und bei der Stadt Eberbach.
Als KPD-Mitglied ermordet
1929 trat Leibowitsch in die KPD ein. Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernahmen, wurden in Eberbach viele ihnen unliebsame Menschen ins Gefängnis beim Lindenplatz gesteckt.
Zusammen mit anderen KPD-Mitgliedern und Angehörigen der SPD wurde Leibowitsch am 11. März 1933 festgenommen. Während man die anderen Häftlinge nach Heidelberg verbrachte, kam Leibowitsch zuerst nach Mosbach, dann nach Buchen. Im September wurde er ins Konzentrationslager Heuberg auf der Schwäbischen Alb gebracht.
Als er dort eine schikanöse Arbeit wegen seiner Gebrechlichkeit nicht ausführen konnte, wurde er von zwei SA-Leuten traktiert und in einen Brunnentrog getaucht, bis er bewusstlos war und an seinen inneren Verletzungen starb.
Am kommenden Donnerstag ist der 80. Jahrestag der Deportation der letzten Juden aus Eberbach – in den unbesetzten Teil Frankreichs, dann nach Gurs. Offenbar hat ein der Stadtgeschichte Kundiger auf seinem Wahlzettel einen Hinweis auf das einstige Leben der jüdischen Mitbürger in Eberbach geben wollen. So ist wohl am Ende "Leibowitsch" der einzige Name mit Wirkung, der von den Wählern extra auf einen Wahlzettel geschrieben wurde. Wir werden über den Jahrestag der Deportation berichten.