Weinheim: Innenstädte brauchen Menschen
Von Philipp Weber
Weinheim. Der Appell des Bundeswirtschaftsministers liest sich dramatisch: Peter Altmaier (CDU) sieht in der Viruskrise einen "Brandbeschleuniger", der die Probleme der Innenstädte verstärkt. Während der Minister Konzepte für die Citys fordert, verlangt der Weinheimer Jürgen Sattler unter anderem zwei Dinge, die den Mittelstand seit jeher auszeichnen: Flexibilität und Ideen. Sattler zählt zu den Geschäftsführern von "Sport 65", einem Spezialhandel für Ski- und Sportausrüstung. Die Themen Mittelstand und Einzelhandel interessieren ihn, das merkt man im Gespräch.
Aus seiner Sicht brauchen die Innenstädte vor allem eines: Menschen. Und zwar solche, die sich lange dort aufhalten oder – noch besser – dort leben. "Das reicht von der Schule bis zur Seniorenresidenz, von der der Kita bis zur Physiotherapie", sagt er. Dies würde den kleinen Geschäften wieder Kundschaft bringen. Ebenso wie ein Maximum an öffentlichen Einrichtungen wie zum Beispiel Museen.
Darüber hinaus hält er es für wichtig, Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene einzubeziehen. Es sei kontraproduktiv, wenn junge Menschen als Störenfriede wahrgenommen werden. Immerhin seien diese die Zukunft des Einzelhandels: "Wenn viele Treffpunkte außerhalb der Innenstädte sind, muss man sich nicht wundern, wenn die Jungen auf Amazon und Co. zurückgreifen und das beibehalten", sagt er. Eine Skaterrampe im Schlosspark? Sattler wäre das einen Gedanken wert.
Er nimmt aber auch die "klassischen" Innenstadtakteure in die Pflicht. Tourismusvermarkter, Gastronomen und Händler müssten noch entschlossener an einem Strang ziehen, findet er: "Die Leute suchen sich eine Stadt aus, weil das Gesamtpaket stimmt, weil es rund ist und weil es passt –, nicht weil sie nur von einem dieser Themen überzeugt sind." Auch die Händler müssten über den Tellerrand hinausblicken. Damit meint Sattler nicht nur regelmäßige Events wie die in seinem eigenen Geschäft, sondern übergreifende Aktivitäten, die den Giganten im Netz die Stirn bieten. Hier könne die Politik durchaus helfen und entsprechende Kampagnen unterstützen, so eine weitere Idee. Der eine oder andere müsse aber auch mehr Flexibilität an den Tag legen.
Wenn dann mal viele Einrichtungen in den Innenstädten sind, müssen die Menschen auch hinkommen. Eine Möglichkeit wäre, mehr Parkplätze auszuweisen; eine andere, so Sattler, den Rad- und vor allem den Öffentlichen Nahverkehr zu stärken. Busse und Bahnen müssten günstiger werden, wenn nicht gar umsonst verkehren, nennt er einen weiteren Ansatz. Hier habe sich die Politik bisher kaum bewegt. So gebe es in der Region durchaus gelungene Verbindungen von Handel und Gastronomie. "Aber wenn ich in der Stadt verweile, ein Bier trinke und dann nicht mehr nach Hause komme: Was bringt mir dann eine City mit tollen Restaurants?", fragt er sich. Aktuell kämen 90 Prozent der Kunden mit dem Auto, das eigene Geschäft mit großem Parkplatz am Bahnhof sei keine Ausnahme.
Er wünscht sich aber auch eine Veranstaltungskultur, die den heimischen Handel wertschätzt: "Wenn die Vereine und andere feiern, können sie Bier oder Wurst bei den lokalen Händlern und Produzenten kaufen – oder auf den Großhandel zurückgreifen", nennt er ein Beispiel. Auch hierbei müsse jeder selbst entscheiden, was ihm der Erhalt der lokalen Wirtschaft wert ist. Zumal deren Gewinne wieder an die Allgemeinheit vor Ort zurückfließen: "Immerhin zahlen wir alle Gewerbesteuer, und davon nicht zu wenig", so Sattler. Bei "Sport 65" ist derzeit auch Flexibilität gefragt. Corona hat dem Wintersport sowie den Ausrüstern und Reiseveranstaltern, die von ihm profitieren, bislang eine schmerzhafte Zwangspause verordnet.
Der traditionelle Basar findet in diesem Herbst trotzdem statt, auf dem Parkplatz vor dem Geschäft. Die Verantwortlichen haben den normalerweise einmaligen Termin auf vier Tage gestreckt, um die Sache zu entzerren. Los geht es am kommenden Freitag (16 bis 19 Uhr) und am kommenden Samstag (10 bis 16 Uhr). In der Woche darauf gibt’s je eine Wiederholung. Das Sicherheitskonzept ist umfangreich. Unter anderem besteht Maskenpflicht, es gibt eine Kontrolle am Einlass. Die aktuelle Lage birgt auch für sein Unternehmen Unsicherheiten. Derzeit setzt "Sport 65" auf Corona-konforme Disziplinen wie Tennis, Schwimmen, Wandern oder Radfahren. In diesen Segmenten wüchsen die Umsätze, so Sattler.