Schule als »Zulieferer«
Liebe Tennisfreunde!
So erfreulich die Auftritte der deutschen Spitzentennisspieler auch sind und so fruchtbar die Talentförderung durch die Landesverbände und Leistungszentren auch sein mag: die Schwierigkeiten, mit denen die kleinen Vereine an der Basis zu kämpfen haben, sind unübersehbar. Seit mehr als 20 Jahren verliert der größte Tennisverband der Welt jährlich mehrere Tausend Mitglieder. Die Boomzeiten des Tennis sind vorbei und die Anzahl der Mitglieder ist aktuell auf dem Stand aus dem Jahr 1981. Die Auswirkungen dieser Entwicklung sind inzwischen deutlich spürbar: als statistischer Befund, den sinkenden Mannschaftszahlen, aber vor allem an der Basis, vor Ort in den kleinen Vereinen.
Warum fehlt es an Nachwuchs?
Den größten Anlass zur Sorge bereitet ohne Zweifel die Entwicklung der Nachwuchsarbeit an der Vereinsbasis, charakterisiert durch zwei Probleme! Erstens gelingt es immer seltener genügend Kinder für die Sportart Tennis zu gewinnen (von Ausnahmen einmal abgesehen) und zweitens bereitet es den Vereinen zunehmend Schwierigkeiten, diejenigen Kinder, die sich entschieden haben, Tennis zu spielen, angemessen fachlich zu betreuen und somit dauerhaft an den Verein zu binden. Es gelingt den Tennisvereinen und Trainern offensichtlich nur sehr unzulänglich, der sportinteressierten Öffentlichkeit ein Bild von der Sportart Tennis zu vermitteln, so dass Kinder nachhaltig motiviert werden, mit dem Tennisspielen anzufangen, bzw. Eltern animiert werden, ihren Kindern diesen wunderbaren Sport zu empfehlen. Ungeachtet der teils erfreulichen Entwicklung an der Leistungsspitze bleibt ein durchschlagender positiver Effekt auf den Zulauf von Neu-Einsteigern an der Vereinsbasis aus. Aus den Erfahrungen der letzten Jahre ist dies auf folgende Gründe zurückzuführen:
- DTB, Landesverbände und deren Gliederungen verlassen sich zu sehr darauf, dass die positive Situation an der Leistungsspitze wie eine Art Automatismus, ohne weiteres Zutun eine »Sogwirkung« für den Breitensportsektor hat
- Initiativen wie »Deutschland spielt Tennis« sind für sich betrachtet sinnvoll und begrüßenswert, aber ohne nachhaltige konzeptionelle Unterfütterung können den Motor nicht anwerfen
- Die Sportart Tennis begeht den Fehler, die positive aktuelle Wahrnehmung in der medialen Öffentlichkeit mit dem Image zu verwechseln, das von einer breiten, lediglich allgemein sportinteressierten Öffentlichkeit mit Tennis in Verbindung gebracht wird. In diesem Kreis wird Tennis leider immer noch viel zu häufig als elitäre Sportart eingestuft
- Die Schule hat die Funktion des Zulieferers für die Sportart Tennis nicht inne. Die Ursachen sind vielschichtig. Besonders gravierend ist, dass Tennis als Unterrichtsinhalt und im Rahmen der universitären Sportlehrerausbildung unterrepräsentiert oder gar nicht existent ist. Viele Lehrer haben aus der Fernsehwahrnehmung eine völlig falsche Vorstellung vom Tennis und argumentieren zudem, für den Sportunterricht sei das Spiel zu anspruchsvoll und schwierig
- Die Konkurrenz schläft nicht. Andere Ballsportarten machen Tennis den Nachwuchs streitig und buhlen um das gleiche Klientel: die ballspielbegeisterten Kinder! Fußball, Handball und Golf versuchen, die Nachwuchsgewinnung zu perfektionieren
- Neben der Ballsportkonkurrenz treten andere immer wieder neue Trendsportarten auf den Plan, die Kinder und Jugendliche cool und angesagt finden, zum Teil auch deshalb, weil sie gerade nicht in den klassischen Sportvereinen beheimatet sind
Schule als »Zulieferer« gewinnen
Um der Sportart Tennis wieder zu einem größeren Stellenwert in den Schulen zu verhelfen, gilt es an zahlreichen Stellschrauben zu drehen. Dabei muss deutlich sein, dass die Lehrer mit schulinternen Anforderungen stark ausgelastet sind. Die Initiative zu einer Kooperation wird im Normalfall nicht von den Schulen ausgehen. Diese sind bestrebt, ein attraktives Angebot, das über die schulische Grundversorgung hinausgeht, zu gestalten. Gelingt es dem örtlichen Tennisverein, sich als kompetenter Partner sowohl konzeptionell als auch personell einzubringen, steht einer für beide Seiten – Schule und Verein – gewinnbringenden Zusammenarbeit nichts im Wege. Dass die Vereine mit dem nötigen Engagement und viel Kreativität in der Lage sind, vor Ort mit Schulen zu kooperieren, kann und darf nicht über den Handlungsbedarf der Verbände und ihrer Gliederungen hinwegtäuschen. Sie sind gefordert, aktiv darauf hinzuwirken, dass Tennis im regulären Sportunterricht und in der Sportlehrerausbildung an den Universitäten eine angemessene Rolle spielt.
Mögliche Verbandsmaßnahmen
- Einfluss auf die Studienordnung der Universitäten vergrößern
- Fortbildungen für tennisinteressierte (Sport-)Lehrer und Referendare anbieten
- Einfluss bei den zuständigen Instanzen geltend machen, um tennisaffine Sportlehrer an die Schulen zu bringen
- Attraktives Werbematerial (Schule-Verein) für Schüler bereitstellen
- Unterrichtsmaterialien in Form von ausgearbeiteten Stundenentwürfen für Lehrer bereitstellen
- Trainerfortbildung mit Schwerpunkt Tennis in der Schule und dem Themenkomplex Großgruppentraining
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User der »Tennisredaktion«, die Fragen zu den Themen »Kinder- & Schultennis« haben, sind bei Reimar Bezzenberger bestens aufgehoben. Nach seinem Studium der Sportwissenschaft mit den Schwerpunkten Sportpsychologie, motorisches Lernen sowie Trainingslehre und dem Abschluss als Magister Artium (M.A.) an der Technischen Universität Darmstadt hat sich Reimar intensiv mit der Entwicklung von Lehr- und Lernwegen im Tennis für Kinder befasst. Aus dieser Tätigkeit sind mehrere Fachpublikationen und umfangreiche Vortragstätigkeiten hervorgegangen. Reimar ist darüber hinaus einer der Gründer von »COACH THE COACHES«, dem renommierten internationalen Workshop Kids Tennis.
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