"Fluglärm ist unerträglich!": Krach um lautes Flugzeug von Schlierstadter Fallschirmspringern
Schlierstadt/Seckach. (joc) Für die einen ist es die grenzenlose Freiheit über den Wolken für die anderen, ist es eine unerträgliche Lärmbelästigung. Während die Erstgenannten in der Regel Auswärtige sind, die ihrem Hobby Fallschirmspringen auf dem Seligenberg in Schlierstadt frönen, sind die Zweiten – und sie stellen die weitaus größere Bevölkerungsgruppe dar – die zahlreichen Anwohner, die sich von den startenden und landenden Flugzeugen auf der Southsidebase in Schlierstadt in ihrer Ruhe gestört fühlen. Immer, wenn die Maschinen von dort aus in den Bauländer Himmel starten, könne man auf der Terrasse sein eigenes Wort kaum mehr verstehen, beklagen sich viele Bürger. Diese Tatsache an sich ist nichts Neues – neu daran ist aber, dass Ende März die befristete Außenstart- und Außenlandeerlaubnis für das Luftfahrzeug Pilatus Porter PC 6 endet.
Und ebenso neu ist, dass der Neuantrag zur Erlaubnisverlängerung durch die Betreiber, der bereits seit letztem Jahr beim nunmehr zuständigen Regierungspräsidium Stuttgart (RP) vorliegt, dieses Mal erstmals an eine öffentliche Anhörung geknüpft ist. Dies wurde von den angeschriebenen Kommunen mit Zufriedenheit zur Kenntnis genommen. Stellvertretend kommentiert dies die Gemeinde Seckach wie folgt: "Mit dieser Anhörung wird die Gemeinde Seckach von den zuständigen Behörden erstmals in rund 50 Jahren Flugplatzgeschichte offiziell in ein Genehmigungs- und Erlaubnisverfahren einbezogen. In früheren Jahren blieben entsprechende Bitten und Forderungen der Gemeinde stets unberücksichtigt!"
Eine redaktionelle Anmerkung gleich zu Beginn: Im eben beschriebenen Anhörungsverfahren geht es nicht um den Widerruf der Flugplatzgenehmigung, sondern lediglich um die beantragte weitere Verlängerung der bestehenden Ausnahmegenehmigung für das in Schlierstadt verwendete Flugzeug Pilatus Porter PC6. Allerdings wird in den am Ende des Artikels zitierten Bürgerstimmen darüber hinaus auch eine mehrheitlich ablehnende grundsätzliche Haltung der derzeit praktizierten Form des Flugbetriebs auf der Southsidebase deutlich.
> Standpunkt der Gemeinde: Im Anhörungsverfahren wird sich auch die Gemeinde Seckach äußern. Bürgermeister Thomas Ludwig erläuterte auf Nachfrage der RNZ den Standpunkt seiner Gemeinde. Die Verwaltung schlägt demnach folgenden Text für das Schreiben an das RP vor (hierüber muss der Seckacher Gemeinderat in seiner Sitzung am nächsten Montag aber noch befinden):
"Der Flugbetrieb auf dem Sonderlandeplatz Schlierstadt-Seligenberg ist in Seckach und Umgebung schon seit Jahrzehnten Gegenstand großer Bürgerproteste, welche sich vor allem gegen die damit verbundene Lärmbelästigung richten. Obwohl von der Firma Southsidebase an dem zum Einsatz kommenden Flugzeug bereits vor Jahren lärmmindernde Umbauten vorgenommen wurden, haben die Beschwerden in jüngerer Vergangenheit weiter zugenommen.
Bereits seit dem Jahr 2010 beinhalten die erteilten Erlaubnisse u. a. die Nebenbestimmung, dass ein Widerruf in Betracht kommt ,wenn der Flugbetrieb nachweislich zu unzumutbaren Lärmbelästigungen führt und dies durch geeignete Nebenbestimmungen nicht vermieden werden kann.’
Nicht zuletzt aufgrund der Vielzahl an detaillierten und zum Teil drastischen Schilderungen, in denen die Einwohner ihre Eindrücke vom Flugbetrieb schildern, sehen wir den Zustand der ,Unzumutbarkeit’ zumindest für die Wochenenden und Feiertage als erfüllt an.
Um hier eine Besserung herbeizuführen, kämen aus Sicht der Gemeinde Seckach folgende ,geeignete Nebenbestimmungen’ in Betracht:
1.) spürbare zeitliche Reduzierung der Flugzeiten (vor allem an den Wochenenden, an Feiertagen und abends),
2.) Einsatz eines deutlich leiseren Flugzeugs und
3.) deutliche Veränderungen der Flugrouten (Start und Landung) und des Flugverhaltens.
Sollte dies nicht möglich sein, muss sich der Gemeinderat gegen die erneute Erteilung der Erlaubnis aussprechen!"
> Stimmen der Bürger: Die vom Regierungspräsidium Stuttgart gebotene Möglichkeit der Anhörung gab die Gemeinde Seckach gleich an die Bürger weiter, die davon rege Gebrauch machten, was wiederum belegt, dass der Betrieb des Sonderlandeplatzes Schlierstadt-Seligenberg viele Menschen beschäftigt. So gingen nach der Veröffentlichung im Amtsblatt 45 Einzel-Stellungnahmen aus Seckach und den Nachbarkommunen bei der Gemeinde ein. Diese stammen aus dem Kernort Seckach mit Jugenddorf Klinge, Zimmern, Großeicholzheim, Adelsheim, Osterburken, Bödigheim und Schefflenz. Und die Tendenz dieser Stellungnahmen ist eindeutig: 38 Bürger sprechen sich gegen eine Erlaubnisverlängerung aus! Hier ein paar Stimmen, die wir anonymisiert veröffentlichen:
"Es ist mehr als überfällig, dass endlich auf die Anliegen der durch den Flugbetrieb geschädigten Anwohner eingegangen wird."
"Es ist eine unakzeptable Lärmsituation durch die Fallschirmspringer in Schlierstadt (überwiegend Ortsfremde, die nur für ihr Hobby hierherkommen). Das durchdringende Geräusch des Flugzeugs geht bei mir durch Mark und Bein. Ich leide deswegen an Schlafstörungen und Nervosität. Es ist unerträglich!"
Ein Zimmerner schreibt: "Seit Jahren belastet uns die permanente Lärmbelästigung physisch wie auch psychisch."
"Der Fluglärm ist gesundheitsschädlich und stellt für mich eine Körperverletzung dar."
"Diese Kunstflüge über bewohntem Gebiet sollten generell verboten werden!"
"Die Fallschirmspringer terrorisieren uns vom Frühjahr bis in den Spätherbst!"
"Es ist ein Ärgernis, dass über Wohngebiete geflogen wird."
"Ich bin kein Gegner der Fallschirmspringer, ich bin aber gegen die erheblichen Geräuschemissionen der Pilatus."
"Die von Schlierstadt aus startende Maschine stellt eine erhebliche Herabsetzung unserer Wohnqualität dar."
"Es ist regelrecht zur Plage geworden."
Verschwiegen werden soll an dieser Stelle aber auch nicht, dass es vereinzelt Stimmen gibt, die sich für den Flugbetrieb auf dem Seligenberg stark machen. Sie führen die Bereicherung des Ortes durch eine solche Einrichtung an und verweisen auf die damit verbundenen Arbeitsplätze vor Ort sowie das Geld, das die Fallschirmspringer in Pensionen und Geschäften in Schlierstadt und der Region ausgeben würden.
> Southsidebase GmbH: Auch der Betreiber, die Southsidebase GmbH, meldete sich mit einer Stellungnahme bei der Gemeinde, in der man das alternative Vorgehen erläutert, sofern die Erlaubnis für die Pilatus nicht verlängert werden würde: "Sollte unser derzeit verwendetes Flugzeug des Typs Porter PC6 keine Verlängerung der Genehmigung bekommen, wären wir gezwungen, auf andere Luftfahrzeuge zurückzugreifen. Hierfür käme eine Cessna 206 in Frage ... Die Pilatus Porter hat eine PT-6-Turbine mit einem Startlärmpegel von 77 dBA verbaut, und wir können damit zehn Springer gleichzeitig auf Absetzhöhe fliegen.
Die Cessna hat zwar die gleiche Turbine verbaut, allerdings wird hier der Startlärmpegel mit 80,5 dBA angegeben ... Da in der Cessna nur sechs Fallschirmspringer Platz haben, wäre die Folge, dass die GmbH anstatt der derzeit durchgeführten 1000 dann über 1600 Absetzflüge machen müsste, um die gleiche Anzahl der Springer in die Luft zu bekommen. Zusammengefasst gesagt, die Flugbewegungen würden sich um einiges erhöhen und das Geräusch wäre lauter."
> Unterschriftenlisten: Neben den Stellungnahmen von Einzelpersonen wurden in der Gemeinde Seckach auch drei Unterschriftenlisten eingereicht, zwei aus Seckach mit (trotz Pandemie) beachtlichen über 200 Unterzeichnern und eine aus Schefflenz mit 29 Unterzeichnern. Die Unterzeichner fordern ein Stopp der Start- und Landeerlaubnis für besagtes Flugzeug und richten sich auch gegen den Flugplatzbetrieb.