M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Eisbach, Negroni und Rolex-Strizzis: Eine Ode an München
Hubsi, Helles und Hofgarten: Unser Kolumnist probierte ein Wochenende lang ein Leben in Weiß-Blau.
"Naaaa! Sag dem Leopold, er soll vom Turm runterkommen! Und der Maximilian springt aa ned." Mütterliche Rufe, wie sie nur in Bayern vorkommen, dringen an mein Ohr. Sie heißen einfach wirklich alle Maximilian. Bis auf Leopold.
Es ist Mitte September, und im Strandbad Utting am Ammersee quetschen die Leute den letzten Rest Sommer aus dem Kalender. A bisserl was geht allerweil. Am Ufer, dort hat eine Dame eine Staffelei aufgebaut und will das Geschehen rund um den Holzsprungturm als Aquarell festhalten. Sie pinselt und tupft mit allem, was die aquamarine Farbpalette hergibt, während ich im Klappstuhl ein Helles trinke, lese und gleich in der Spätsommersonne einnicke. Vielleicht hat Markus Söder, die größte Wärmepumpe Europas, ausnahmsweise mal nicht gelogen, und Bayern ist womöglich das schönste Bundesland.kurzbio beisenherz
Zurück in der Landeshauptstadt erfreue ich mich rund ums Glockenbachviertel an Straßen und Schildern, die so old fashioned sind, dass ich erwarte, jeden Moment an der Schreinerei von Meister Eder vorbeizukommen. In der Holzstraße steht ein alter BMW 635 Csi in Turmalingrün. In meiner Erinnerung ist mit genau dem irgendeiner der FC-Bayern-Spieler Mitte der Achtziger zum Herumpoussieren nach Schwabing rübergefahren und hat Hoeneß einen frischen Magentaton ins Gesicht gezaubert. Ach, Bayern und der Fußball! Auf den Wiesen im Englischen Garten kicken junge Männer und Frauen auf zusammengebastelte Tore. Ich würde am liebsten gleich mitspielen. Muss ja keiner wissen, dass ich Dortmunder bin. Oder zur Erfrischung in den Eisbach springen, der wie eine grünblaue Vene durch den Park verläuft. Auf der Stehenden Welle, unweit der Staatskanzlei, zeigen Surfer japanischen Touristen, warum man zum wedelnden Hüftschwung nicht zwingend in die Alpen muss.
Dem Klischee entsprechen? In München ist das scheißegal
Ans andere Ende des Hofgartens grenzt das "Schumann's". Hier schreitet der auch mit 82 Jahren noch sensationell gut aussehende Chef – so etwas wie der inoffizielle Ministerpräsident – gerade in einem blutroten Feincordanzug durch sein Restaurant und beleidigt so ziemlich jeden durch, der nicht bei drei hinter der Menükarte verschwunden ist. Die Angst in den Augen der Gäste habe ich zuletzt bei "Jurassic Park" gesehen, wenn der T-Rex an die Scheibe des Jeeps geschnauft hat. Helmut Markwort wurde hier der Legende nach einmal genauso verjagt wie ein Lamborghini-Fahrer, der es gewagt hatte, seine mintgrüne Penis-Prothese ungefragt vorn vorm Laden zu parken und sich hinzusetzen.STERN PAID 37_23 Huber Aiwanger15.45
Von Leopoldstraße bis Odeonsplatz: Wahlplakate. FDP, SPD, dreiste Södereien und, klar, Aiwanger. Vandalen haben auf sein Gesicht Hitlerbärtchen und -scheitel gemalt. Unverschämt. Andererseits: Er sieht plötzlich wieder aus wie 17.
Am Lodenfrey entlangschlendernd, kommt mir ein dreijähriges Mädchen im Moncler-Shirt entgegen. Während Hamburg sich noch mit ein paar Feigenblatt-Promis mit Basecap oder St.-Pauli-Hoodie um Street Credibility bemüht, ist es München einfach scheißegal, komplett dem Klischee zu entsprechen.
Kostas serviert einen letzten Negroni und Oliven, während Fidi und ich uns die Rolex-Strizzis auf dem Filmcasino-Strich anschauen. Diese Stadt ist im Sommer italienischer, als es Mailand je sein kann. Mag sein, dass es hilft, wenn man reich und weiß ist, aber in Bayern ist es wie mit dem Aquarell am Rande des Ammersees: Es ist tatsächlich noch schöner als auf Bildern.
Irgendwann ziehe ich dorthin und wähle als Einziger SPD.