In einer Ratgeberserie erklärt die t-online-Redaktion Schritt für Schritt, wie ein erfolgreicher Start an die Börse gelingen kann. Heute geht es um den Einstiegszeitpunkt. Sie wissen inzwischen um die Vorteile des Aktienmarkts , können den passenden ETF finden , ein Depot eröffnen und eine Order platzieren – kurzum: Sie sind bereit für die Börse. Wäre da nicht die eine Frage, die sich fast jeder stellt, der mit dem Investieren beginnen will: Ist jetzt ein guter Zeitpunkt oder sollte ich lieber noch warten? Die Börse schwankt, Schlagzeilen verunsichern, Kurse steigen und fallen unberechenbar. Die ehrliche, aber für viele unbefriedigende Antwort lautet: Den perfekten Einstiegszeitpunkt gibt es nicht. Und wer auf ihn wartet, verliert oft mehr, als er gewinnt. Warum Warten selten belohnt wird Aktienmärkte bewegen sich kurzfristig auch mal stark, langfristig aber nach oben. Historisch betrachtet, erzielten breit gestreute Aktieninvestments im Schnitt rund 7 Prozent Rendite pro Jahr. Dazwischen gab es jedoch immer wieder heftige Einbrüche – Verluste von 40, 50 oder sogar 60 Prozent kamen in der Vergangenheit schon vor. Den schlimmsten Absturz gab es mit einem Minus von 60 Prozent im Jahr 2000, als die sogenannte Dotcom-Blase platzte. Entscheidend ist: Niemand weiß im Voraus, wann der nächste Tiefpunkt oder das nächste Hoch erreicht ist. Der "beste Zeitpunkt" lässt sich immer erst im Nachhinein erkennen. Gerade Einsteiger hoffen trotzdem häufig, einen Zeitpunkt abzupassen, an dem die Kurse niedrig sind. Doch während sie warten, steigt der Markt womöglich weiter und sie verlieren wertvolle Zeit. Denn die ist beim Investieren ein zentraler Faktor. Früh starten schlägt perfektes Timing Ein früher Einstieg zahlt sich aus, weil das Geld länger arbeiten kann. Der Zinseszinseffekt führt dazu, dass nicht nur Ihr eingesetztes Kapital wächst, sondern auch die bereits erzielten Gewinne. Schon ein einziges Jahr früher oder später kann – über Jahrzehnte hinweg – einen Unterschied von zehntausend Euro machen. Wer beispielsweise mit einer Einmalanlage von 1.000 Euro in einen weltweit gestreuten Aktien-ETF startet und anschließend jeden Monat weitere 200 Euro per Sparplan anlegt, hat bei einer angenommenen durchschnittlichen Rendite von 7 Prozent pro Jahr nach 19 Jahren rund 97.000 Euro im Depot. Nach 20 Jahren wären es schon rund 106.500 Euro. Deshalb gilt eine Faustregel: Nicht der Einstiegszeitpunkt ist entscheidend, sondern die Zeit im Markt. Wer langfristig investiert, kann zwischenzeitliche Schwankungen aussitzen und profitiert davon, dass sich Kurseinbrüche historisch wiederholt ausgeglichen haben. Berechnungen etwa des Geldratgebers "Finanztip" zeigen, dass selbst derjenige, der kurz vor der Finanzkrise 2008 investiert hatte, nach 15 Jahren bei der Rendite leicht im Plus landete. Alles auf einmal oder lieber in Etappen? Bleibt die Frage, wie man einsteigt. Wer eine größere Summe zur Verfügung hat, etwa aus einer Erbschaft oder Bonuszahlung, steht vor der Wahl: Alles sofort investieren oder das Geld schrittweise anlegen? Eine Untersuchung der Stiftung Warentest zum Weltaktienindex MSCI World zeigt: In der Mehrheit der Fälle war es finanziell günstiger, alles auf einmal in einen ETF auf diesen Index zu investieren. In rund zwei Dritteln der historischen Zeiträume lag der Kompletteinstieg vorn. Besonders nach starken Markteinbrüchen lohnte sich der Mut: Wenn die Kurse bereits deutlich gefallen waren, brachte die All-in-Variante in den meisten Fällen höhere Erträge. Aber: Anleger, die "All in" gehen, brauchen womöglich etwas stärkere Nerven. Denn wer direkt nach dem Einstieg einen Crash erlebt, muss teils deutliche Buchverluste – also auf dem Papier – aushalten, bevor sich die Kurse langfristig wieder erholen. Schrittweiser Einstieg schont die Nerven Hier liegt der Vorteil des schrittweisen Einstiegs. Wer seine Anlagesumme über mehrere Monate verteilt investiert , verwandelt eine Einmalanlage in einen kurzen Sparplan. Fällt der Markt zwischendurch, kaufen Sie ETF-Anteile günstiger. Steigt er später wieder, profitieren diese besonders stark. Historisch betrachtet, war diese Strategie vor allem in Krisenzeiten vorteilhaft. In den schlechtesten Marktphasen fiel der Verlust beim Rateneinstieg geringer aus als beim Kompletteinstieg. Fazit: Für den Geldbeutel ist "All in" oft besser, für die Psyche hingegen der schrittweise Einstieg. Sparpläne: Einstiegszeitpunkt wird nebensächlich Für viele Privatanleger erledigt sich die Frage des Timings ohnehin. Wer regelmäßig investiert, etwa monatlich per ETF-Sparplan , kauft automatisch zu unterschiedlichen Kursen. Mal teuer, mal günstig. Auf lange Sicht ergibt sich ein Durchschnittspreis, der Kursschwankungen glättet. In diesem Fall ist der Einstiegszeitpunkt fast egal. Wichtig ist nur: überhaupt anfangen – und dabeibleiben.