Blumen, Kerzen, Trauer und Wut. Minneapolis weigert sich nach der Tötung des Krankenpflegers Alex Pretti, zur Tagesordnung zurückzukehren. Washington scheint zurückzurudern. Doch die Bürger der Stadt trauen der Kehrtwende nicht. Bastian Brauns berichtet aus Minneapolis Im Veteranen-Krankenhaus von Minneapolis wissen sie nicht, wohin mit den Blumen. Es sind so viele, dass sie nicht mehr in die Kapelle passen. Der Traueraltar mit dem großen Foto von Alex Pretti ist umrahmt von Kerzen und Kondolenzschreiben. Bei einer ersten Gedenkfeier für den am Samstag von US-Grenzbeamten erschossenen Krankenpfleger kamen so viele Kollegen, dass selbst das große Atrium im Eingangsbereich zu klein war. Mehr als 4.000 Menschen arbeiten dort, wo Alex Pretti sich auf der Intensivstation täglich um amerikanische Veteranen kümmerte. Nicht alle kannten ihn persönlich. Doch er war einer von ihnen. "Man sieht viele Tränen", sagt die Kommunikationschefin in einem der oberen Stockwerke. Sie deutet aus dem Fenster. Auch draußen am Zaun, der um das Gelände führt, haben sie eine Gedenkstätte mit Blumen eingerichtet. Viele Kollegen von Alex gehen dort vor und nach der Arbeit hin. Bei eisigen Temperaturen um die minus 15 Grad steht dort jetzt auch Nancy. Sie ist Krankenpflegerin aus Minnesota. In ihren Augen stehen Tränen. "Wir weinen eigentlich nicht", sagt sie. Denn Krankenpfleger sähen so viel Leid jeden Tag. "Dafür braucht es wirklich viel." Mit Alex habe es nun einen von ihnen getroffen. Mit ihm hätten sie ein Familienmitglied erschossen. "Alex war ein mitfühlender Mensch. Der Präsident ist ein Mörder", sagt Nancy und starrt auf die Trauerkarten der anderen Kollegen. Auf einer ist zu lesen: "Als Veteranen-Krankenpflegerin bricht mir das Herz, dass du auf so grausame Weise sterben musstest. Du hast unserem Land wahrhaftig gedient. Du bist ein Held." Auf einer anderen: "Ich werde nie deine Liebe für Süßigkeiten vergessen." Daneben liegen auf einem Teller Gummibärchen und Smarties. Ein Kollege schrieb: "Wenn ich einst sterbe, möchte ich Alex umarmen. Die Welt brauchte jemanden wie ihn." Widerstand nach Todesschüssen: Amerika im Ausnahmezustand Ein Pfleger, der nicht ins Feindbild passt Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet der Tod von Alex Pretti die Stimmung in Minneapolis und im ganzen Land zum Kippen bringt. So sehr, dass Donald Trump öffentlich nun zumindest bekennen muss, dass das nicht hätte passieren dürfen. Plötzlich sieht er ausgerechnet sein wichtigstes und erfolgreichstes Wahlkampfthema, Migration, in Gefahr. Selbst sein radikaler stellvertretender Stabschef Stephen Miller, der das Opfer umgehend als Terroristen diffamiert hatte, weil Pretti angeblich ein "Massaker" an den Beamten anrichten wollte, sagt nun, man evaluiere, warum die schießenden Beamten "möglicherweise nicht nach Protokoll gehandelt" hätten. Der 37-jährige Krankenpfleger des VA Medical Center verkörperte eine fast unangreifbare moralische Autorität, der aufgrund der erdrückenden Beweislage selbst die mächtigsten Menschen im Land kaum noch etwas entgegensetzen können. Jeden Tag kümmerte sich Pretti um jene Veteranen, die Amerika als Soldaten gedient haben. Er tat dies für ein vergleichsweise bescheidenes Gehalt, mit endlosen Schichten, mit Geduld und Mitgefühl, wie viele Kollegen und Freunde berichten. Die Diskrepanz zu einer Regierung, die Empathielosigkeit und Lügen als heiliges Mittel zum Zwecke erhoben hat, könnte kaum größer sein. Als Pfleger steht Pretti quasi außerhalb der üblichen gesellschaftlichen Grabenkämpfe: Er half Menschen, die litten, ungeachtet der politischen Ideologie. Seine Arbeit war das Gegenteil. Er wusch Körper, wechselte Verbände, hielt Hände in letzten Stunden. Dass Bundesbeamte diesen Mann am helllichten Tag auf offener Straße erschossen haben, während er friedlich protestierte, das Vorgehen der ICE-Beamten dokumentierte und sich schützend vor eine mit Pfefferspray angegriffene Frau stellte, trifft einen Nerv. "Geht es dir gut?", waren seine letzten Worte. Mit ihm wurde nicht irgendein Demonstrant getötet, sondern ein Mann, dessen Berufswahl schon für Menschlichkeit stand. Krankenpfleger an der Front von Trumps Abschiebepolitik Bereits vor den tödlichen Schüssen von Minneapolis spielten Krankenpfleger eine besondere Rolle im Protest gegen die radikale Abschiebepolitik der Trump-Regierung. Erst vergangene Woche begannen viele von ihnen einen Streik. Vor der Veteranen-Klinik erklärt Nancy, warum: "Die ICE-Beamten dringen sogar in Krankenhäuser ein. Sie entführen Patienten aus ihren Zimmern." Aber auch sogenannte CNAs, also Hilfskrankenpfleger, seien in Gefahr. Viele hätten einen Migrationshintergrund und einige keine gültigen Papiere. "Das macht sie aber nicht zu schlechteren Menschen", sagt Nancy. "Im Gegenteil, sie behandeln unsere Patienten sehr gut. Die Hautfarbe ist dafür egal." Dafür, dass solche Menschen jetzt einfach verschwinden würden, hätten die Amerikaner bei der Wahl nicht gestimmt. "Es ist auch eine absolut irrsinnige Lüge, dass wir dafür wären, Vergewaltiger und Kriminelle davonkommen zu lassen." Darum gehe es der Trump-Regierung auch nicht. "Sie wollen uns terrorisieren, um an der Macht zu bleiben", sagt sie. So gehe man aber nicht mit den eigenen Bürgern um. Wenige Tage nach den tödlichen Schüssen auf Alex Pretti ist der Protest so laut und weitreichend, dass einige Menschen in Minneapolis bereits von einem grandiosen Sieg gegen Donald Trump und seine Abschiebebehörde ICE sprechen. Trotz der tragischen Tode von Renée Good und Alex Pretti zeige die seit Monaten praktizierte Zivilcourage Wirkung. Doch überzeugt von Trumps Kehrtwende und dem Rauswurf des umstrittenen Chefs der Grenzschutzbehörde, Gregory Bovino , sind die wenigsten. Dialog oder Kapitulation? Im Kapitol, dem Parlament von Minnesota, haben sich um die Hundert Demonstranten im Kellergeschoss unter der Rotunde versammelt. Gleich wollen sie mit ihren Plakaten in die oberen Stockwerke marschieren, bis zum Amtszimmer des demokratischen Gouverneurs Tim Waltz. Sie kritisieren seinen neuen Kuschelkurs mit dem Präsidenten. Ein Redner sagt: "Tim Waltz hat uns nicht vor der Gewalt geschützt." Er fordert ihn auf, die Täter konsequent zu verfolgen und strafrechtlich zur Rechenschaft zu ziehen. Der eigentliche Widersacher von Donald Trump versucht es aktuell in der Tat mit Dialog. Am Morgen hat er Trumps obersten Grenzbeauftragten und Hardliner, Tom Homan, empfangen. "Auch wenn ich mit ihm ideologisch nicht übereinstimme, glaube ich, dass er professioneller agieren wird", sagt Waltz nach diesem Treffen. Öffentlich lobt er auch seinen Austausch mit Donald Trump. Der Präsident habe nun vieles besser verstanden. Etwa, dass die Regierung von Minnesota keine Kriminellen schütze, die eigentlich abgeschoben werden sollten. Als die Demonstranten vor seinem Amtszimmer ankommen, ist der Gouverneur bereits bei anderen Terminen. Einer der Demonstranten ist Sabry Waz. Er will trotzdem seine Stimme erheben. "Sie haben Alex Pretti kaltblütig ermordet", ruft er in die Vorhalle. Jetzt behaupte ausgerechnet Trump, der Mann hätte eben keine Waffe mit sich führen sollen. "Dabei hat er alle begnadigt, die am 6. Januar beim Sturm auf das Kapitol in Washington gewalttätig gewesen sind." Das Problem, das Sabry Waz sieht: "In diesem Land wird zu schnell vergessen. Es braucht nur eine Super-Bowl-Party, und alles ist egal." Renée Good und Alex Pretti hätten friedlich protestiert und seien nun tot. "Das bedeutet: Jeden Einzelnen von uns könnte es als Nächstes treffen", ruft er. Deshalb würden sie jetzt nicht ruhen. "Von Minnesota aus werden wir die Vereinigten Staaten von Amerika erschüttern." Der Tatort wird zum Mahnmal Als an diesem dritten Tag nach der Tat die Sonne über der Nicollet Avenue untergeht, fallen die Temperaturen auf minus 20 Grad Celsius. In dieser Straße, gegenüber von einem kleinen Donut-Laden, wurde Alex Pretti von mehreren Grenzbeamten niedergerungen, während er ihre Aktionen filmte. Zwei von ihnen durchlöcherten ihn mit so vielen Kugeln, dass er Sekunden später leblos am Boden lag. Dutzende Menschen haben sich trotz des eisigen Winds auch heute wieder eingefunden. Der Teppich aus Blumen, Kerzen und Bannern ist inzwischen so groß geworden, dass er über fünf Parkplätze reicht. Eine Gruppe amerikanischer Ureinwohner führt zu Ehren von Alex Pretti einen traditionellen Tanz auf. Sie trommeln, singen und verbrennen Räucherwerk. Menschen, eingepackt in Mützen, Handschuhen und Schals, stehen dabei. Sie blicken traurig und wütend auf das Lichtermeer. Ein Chor findet sich ein und bildet einen Kreis. Mehrstimmig singen sie ein Abschiedslied für Alex Pretti: Wir heben dich empor in den strahlend blauen Himmel, Wir lassen dich los, während deine Seele davonschwebt. In unseren Herzen wirst du bleiben, all unsere Tage lang. Mögest du fliegen, so hoch, so frei. Daneben legen Tracy und ihr Ehemann Yasha einen Blumenstrauß nieder. "Es ist nicht vorbei. Es gibt keine Kehrtwende. Sie wollen uns das glauben machen", sagt sie. In Wahrheit seien auch heute wieder bewaffnete ICE-Beamte durch die Stadt gezogen und hätten die Nachbarschaften terrorisiert. "Wir lieben unsere Nachbarn. Sie kommen aus der ganzen Welt. Wir mögen das. Wir lernen so viel voneinander", sagt Tracy. Niemals hätte Trump zum Präsidenten gewählt werden dürfen. "Er ist ein Mörder."