Angeführt von Sam Darnold gewinnen die Seattle Seahawks den Super Bowl. Dabei musste der Quarterback in seiner Karriere schon den einen oder anderen Rückschlag einstecken. Aus San Francisco berichtet Jens Bistritschan Als der Konfettiregen auf das Spielfeld herunterfiel, war Sam Darnolds erster Gedanke: "Ich habe es geschafft." Vor ein paar Jahren noch als Draftbust abgestempelt – im Fußball am besten vergleichbar mit einem Fehleinkauf – stand er nun im Mittelpunkt als Quarterback des Super-Bowl-Siegers Seattle Seahawks nach dem 29:13-Sieg über die New England Patriots. "Sam ist dieses Label egal gewesen. Das interessiert ihn nicht", erklärte sein Trainer Mike Macdonald. "Er ist unerschütterlich. Seit dem Tag, an dem er bei uns ist, ist ein sagenhafter Football-Spieler und Anführer dieses Teams." Für Darnold sind die Seahawks bereits das fünfte Team im achten Jahr in der National Football League (NFL). 2018 wählten die New York Jets den Quarterback als dritten Spieler im Draft. Doch Darnold konnte die in ihn gesteckten Erwartungen nie erfüllen. Bezeichnenderweise wurde der erste Passversuch seiner Profikarriere von einem gegnerischen Verteidiger abgefangen und zu einem Touchdown zurückgetragen. 38 weitere Interceptions sollten folgen, denen 45 Touchdown-Pässe gegenüberstanden. Überraschung beim Super Bowl : Paar heiratet inmitten der Halftime-Show Super Bowl LX: Patriots-Drama: Seahawks triumphieren im Finale Verletzungen taten ihr Übriges, sodass die Jets vor der Saison 2021 den Spielmacher an die Carolina Panthers weiterreichten. Hier pendelte er in zwei Jahren zwischen Spielfeld und Ersatzbank hin und her, warf 16 Touchdown-Pässe und ebenso viele Interceptions. Am Ende seiner fünften Saison in der Liga stand Darnold sogar zunächst ohne Team da, ehe die San Francisco 49ers ihn als Ersatzmann hinter Brock Purdy verpflichteten – jenem Purdy, der im Draft 2022 als 262. und damit letztem Spieler von den Kaliforniern ausgewählt worden war. Darnold bekam bei den 49ers fast überhaupt keine Einsatzzeiten, denn Purdy war gesetzt. Doch die Arbeit mit Cheftrainer Kyle Shanahan, den Assistenztrainern sowie Purdy war für Darnold Gold wert. Es war bezeichnenderweise ein Spiel am 1. Weihnachtsfeiertag 2023, das vielleicht den Wendepunkt in seiner Karriere markierte. Darnold kam für den verletzten Purdy aufs Feld. Zwar schaffte er es nicht, mit seinem Team den Rückstand gegen die Baltimore Ravens wettzumachen. Ein Pass von ihm kurz vor der Endzone wurde gar vom Gegner abgefangen. Aber Darnold hatte gezeigt, dass mit ihm als Quarterback zu rechnen ist, wenn er denn seine Chance bekommt. Auch in der letzten Begegnung der Saison, als Coach Shanahan Purdy schonte, wusste Darnold mit einem Touchdown-Pass und einem Lauf in die Endzone trotz des Ergebnisses von 20:21 zu gefallen. "Während dieser ganzen Zeit (bei den 49ers, Anm. des Autors), gab es so viele Sachen, die ich gelernt habe. Ich konnte so viel mitnehmen, was es bedeutet, Quarterback in diesem System zu sein", erklärte er nach seiner Vertragsunterschrift bei den Minnesota Vikings, seiner nächsten Station. Sam Darnolds Zwischenstation bei den Vikings Dorthin wechselte er, nachdem sein Vertrag in San Francisco ausgelaufen war. Der Plan war, dass er so lange spielen sollte, bis der frisch gedraftete JJ McCarthy so weit war, die Rolle als Quarterback im Team zu übernehmen. Doch dessen Meniskusriss machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Darnold nutzte in der Zwischenzeit seine Chance, endgültig zu beweisen, was in ihm steckt. Er führte das Team in der regulären Saison zu einer Bilanz von 14 Siegen bei nur drei Niederlagen. Allerdings lieferte er in der Schlusswoche beim 9:31 gegen die Detroit Lions eine schlechte Leistung ab – und wiederholte diese in der ersten Playoff-Runde beim 9:27 bei den Los Angeles Rams. Vielleicht auch deswegen verzichteten die Vikings nach der Saison darauf, Darnold ein neues Angebot zu machen. Sie glaubten, mit dem wieder genesenden McCarthy den besseren und zudem jüngeren Quarterback zu haben. Auf die Frage, ob es die Vikings hätten sein können, die statt der Seahawks im diesjährigen Super Bowl stehen könnten, wenn Darnold geblieben wäre, antwortete deren Superstar, Wide Receiver Justin Jefferson: "Daran habe ich keinen Zweifel." Aber die Vikings hatten nicht gewollt. Stattdessen griffen die Seahawks zu. Sie ließen für Darnold ihren letztjährigen Starter Geno Smith nach Las Vegas ziehen. Auch die Seahawks führte der neue Quarterback in der regulären Saison zu 14 Erfolgen bei drei Niederlagen. In der Geschichte der Liga gab es zuvor nur einen Quarterback, der in zwei aufeinanderfolgenden Spielzeiten sein Team zu 14 Siegen führen konnte – Tom Brady . Großen Anteil hätten daran seine Mitspieler, erklärte Darnold nun nach dem Sieg im Super Bowl: "Von Anfang an haben meine Mitspieler und die Trainer an mich geglaubt." Zwar brachte er im Endspiel nur 19 von 38 Pässen für 202 Yards Raumgewinn an den Mitspieler, einen davon fing Tight End AJ Barner zum zwischenzeitlichen 18:0 in der Endzone. Doch da der nach der Partie zum MVP des Finales gewählte Running Back Kenneth Walker mit 27 Läufen für 135 Yards Raumgewinn sowie insbesondere die gesamte Defensive bärenstarke Leistungen zeigten, musste Darnold auch nicht sein gesamtes Können unter Beweis stellen. Zwei Jahre läuft Darnolds Vertrag nun noch in Seattle. Vor der Saison hatte der Quarterback für die Gesamtsumme von rund 100 Millionen Dollar unterschrieben. Im Vergleich zu den Top-Quarterbacks der Liga, die im Schnitt pro Saison jenseits der 50-Millionen-Marke kassieren, ist er damit ein Schnäppchen. Deshalb darf man gespannt sein, ob die Seahawks nicht eine Schippe Geld drauflegen, um seine Leistung zu honorieren. Verdient hätte es sich Darnold.