Der weltgrößte Tabakkonzern verfolgt einen radikalen Kurswechsel und will die Zigarette ins Museum schicken. Die Deutschlandchefin von Philip Morris über das umstrittene Geschäft mit dem Nikotin. Sie ist die Deutschlandchefin von Philip Morris , dem weltgrößten Tabakkonzern, und ist konsequente Nichtraucherin. Veronika Rost krempelt eine gesamte Branche um, die zwischen Verantwortung, Gewinnmargen und Gesundheitsrisiken einen Weg sucht, das Geschäftsmodell Nikotin zukunftssicher zu machen. Chefredakteur Florian Harms und Ressortleiter Philipp Heinemann trafen die Top-Managerin zum t-online-Interview. t-online: Sie sind Nichtraucherin. Haben Sie andere Laster? Veronika Rost: Ja, natürlich, wer hat die nicht? Ich gehe gerne mit Freunden in eine Bar für einen Drink, ab und zu ein Whisky, das ist ein kleines Laster. Außerdem komme ich in meinem Beruf viel herum und reise auch privat gerne, da schätze ich gutes Essen. Geraucht habe ich nie, ich kann nicht mal inhalieren. Als Nichtraucherin in führender Position bei einem Tabakkonzern zu arbeiten, ist das nicht schizophren? Unser Ansatz ist es, komplett von der Zigarette wegzukommen und schadstoffreduzierte Alternativen anzubieten. Als Marktführer die Zigarette ins Museum zu schicken, das finde ich interessant. Obwohl das Produkt Zigarette nach wie vor gut funktionierte und das Businessmodell komplett ausgebaut war, machen wir alles neu. Das finde ich spannend. Es geht um maximale Veränderung. Tun Sie das aus gesellschaftlicher Verantwortung oder um Ihr Geschäftsmodell zu retten? Es gibt eine gesellschaftliche Verantwortung und natürlich geht es auch darum, das Geschäftsmodell zukunftssicher zu machen. Die Kombination ist spannend. Interessanterweise bekommen wir sogar mehr Druck gegen die neuen Produkte wie etwa Tabakerhitzer. Die werden viel stärker hinterfragt als einfache Zigaretten: Warum sind die anders? Warum sind die weniger schädlich? Wir waren die ersten, die einen Tabakerhitzer auf den Markt gebracht haben, wir haben seit 2008 über 14 Milliarden US-Dollar in die Entwicklung gesteckt. Das Geld hätten wir ja auch auf der Gewinnseite lassen können. Philip Morris macht auch mit den neuen Produkten reichlich Gewinn. Produkte, die immer noch gesundheitsschädliches Nikotin enthalten. Wir sind mit so vielen Jahren Erfahrung in einer Situation, in der wir wissen: Warum raucht der Raucher? Was liebt er daran? Was sind gesundheitliche Folgen? Und wir können etwas anbieten, das deutlich weniger schädlich ist. Die schädlichste Art, Nikotin zu konsumieren, ist das Rauchen mit Tabak. Nikotin an sich wurde schon vor rund 12.000 Jahren in Amerika konsumiert. Das Rauchen startete viel später, es ist ein Geschmack, ein Ritual, das kann man nicht einfach abschaffen, wenn die Menschen es nicht aufgeben wollen. Also haben wir uns gefragt: Wie können wir das Ritual anbieten, aber ohne Rauch? Früher war der Marlboro-Mann ihr stärkster Imageträger. Philip Morris hätte dem Cowboy ja einen Tabakerhitzer in die Hand drücken können, um mehr Menschen davon zu überzeugen, dass man das Tabakrauchen aufgeben sollte. Wir wollen das Ende der Zigarette! Wir wissen um ihre Schädlichkeit, und natürlich haben wir eine Verantwortung gegenüber erwachsenen Rauchern. Wir haben für die Kommunikation der neuen Produkte nicht den Marlboro-Mann genommen, weil wir einen klaren Schnitt wollten. Marlboro ist eine der stärksten Marken der Welt, aber es ist eine Zigarette. Es ging nicht um einen Imagewandel, weil wir nicht versuchen, die Zigarette neu zu erfinden. Stattdessen wollen wir Alternativprodukte einführen, die deutlich weniger schädlich sind. Die Schadstoffe bei Tabakerhitzern oder E-Zigaretten sind im Vergleich zu einer Zigarette zu über 90 Prozent reduziert. Trotzdem sind auch E-Zigaretten wegen des Nikotins und der Aromastoffe gesundheitsschädlich. Ja, Nikotinkonsum ist nicht risikofrei, aber die Zigarette ist die schädlichste Art des Nikotinkonsums. Rauchen war einige Jahre lang bei Jugendlichen eher verpönt – jetzt steigen wegen der "Vapes" die Konsumentenzahlen wieder. Sie züchten doch durch diese neue Art des Rauchens eine neue Generation von Süchtigen heran. Die Zahlen der Zigarettenverkäufe gehen dramatisch runter. Vor 20 Jahren haben 28 Prozent der Jugendlichen mal eine Zigarette probiert, im Jahr 2023 waren es nur noch 7,2 Prozent. Da hat die gesundheitliche Aufklärung schon mal funktioniert. Parallel dazu nutzen rund 3 Prozent der Jugendlichen E-Zigarette oder Erhitzer – da steigen die Zahlen, weil es bis vor ein paar Jahren noch gar keine Erhitzer oder Verdampfer gab. Die Zahl der Jugendlichen, die Nikotinprodukte konsumiert haben, geht zum Glück deutlich zurück. Der Jugendschutz innerhalb der Industrie funktioniert jetzt viel besser. Dafür sind TikTok und Instagram voll mit jugendaffinen Vape-Videos. Das hat aber mit uns nichts zu tun. Ich sehe das wirklich kritisch. Wir wollen die Jugendlichen nicht ansprechen. Durch solche Influencer wird unsere Branche in Misskredit gebracht. Und was ist mit dem Schutz der Erwachsenen? Ja, wir verkaufen Nikotin. Ja, Nikotin macht süchtig. Aber es wurde schon immer konsumiert. Wir bieten jetzt Wege an, Nikotin in der am wenigsten schädlichen Form zu konsumieren, nämlich ohne Tabak zu verbrennen. Damit kann ich gut leben, wenn Menschen gut informiert sind und um die Alternativen wissen. Fast 60 Prozent der älteren Raucher wollen nicht aufhören zu rauchen, obwohl sie wissen, wie schädlich Rauchen ist. Viele andere können wir durch Information überzeugen, deutlich weniger schädliche Nikotinprodukte zu konsumieren. Das Problem ist aber: Der Gesetzgeber schränkt diese Möglichkeit zur öffentlichen Information stark ein. Stellen Sie das Verbot von Rauchwerbung infrage? Nein, es geht mir da nicht um Werbung, sondern um Aufklärung. 71 Prozent aller Raucher glauben fälschlicherweise, dass Alternativprodukte wie E-Zigaretten und Tabakerhitzer gleich oder sogar noch schädlicher seien als Tabak – nur, weil nicht besser darüber informiert werden darf. Das ist doch absurd! Müssten Ihre Produkte nicht eigentlich alle apothekenpflichtig sein, damit Verbraucher vor dem Kauf anständig aufgeklärt werden? In Apotheken gibt es ja witzigerweise jede Menge Nikotinprodukte ohne Verschreibung. Wir schulen aber in sehr aufwendigen Prozessen Mitarbeiter in Kiosken, damit sie Zigarettenkäufern als Alternative Tabakerhitzer vorstellen. In anderen Ländern geht das schon deutlich besser, hierzulande haben wir da Nachholbedarf. Welches Land betrachten Sie als Vorbild? Nehmen Sie Großbritannien . Dort hat die staatliche Gesundheitsbehörde flächendeckend Poster aufgehängt: "Lieber Raucher, wenn du schon nicht aufhören willst, dann wechsle doch wenigstens zu Vapes." Heute beträgt der Raucheranteil unter Erwachsenen dort 12 Prozent – in Deutschland sind es über 30 Prozent. Wo funktioniert es also besser, Menschen von der Zigarette wegzubringen? Fordern Sie solche Kampagnen auch von der Bundesregierung ? Wir möchten selbst mehr informieren können. Kein Logo, keine Marke, nur Informationen zur Schädlichkeit von Zigaretten und möglichen Alternativen. Aber wir dürfen ja noch nicht einmal eine Anzeige schalten, die nur Informationen enthält, ohne angegriffen zu werden. Ihnen geht die Reglementierung der Tabakwerbung also doch zu weit? Nein! Ich möchte nur zwischen Werbung und Information unterscheiden können. Ich will nur, dass erwachsene Raucher um die Alternativen wissen. In Schweden wurde frühzeitig gesagt: Wir gehen voll auf rauchfreie Alternativen, erlauben tabakfreie Nikotin-Pouches (Infokasten). Mittlerweile gilt Schweden mit 5 Prozent Rauchern de facto als rauchfrei. Die Krebsrate bei Männern in Schweden ist signifikant niedriger als im europäischen Durchschnitt. Dort hat die Regierung eben von Anfang an öffentlich gesagt, dass Alternativen zu Zigaretten besser sind als zu rauchen – auch wenn Nikotin süchtig macht. Immerhin ist Nikotin ein Nervengift, das schwere Herz-Kreislauf-Probleme verursachen kann. Wir sind ja dafür, dass da Unterschiede gemacht werden. Eine deutlich unterschiedliche Besteuerung je nach Schädlichkeit wäre eine Option, ähnlich wie in Großbritannien und Schweden: Dort hat man Zigaretten verteuert, aber Alternativen zugelassen, die nicht so schädlich sind und nicht so stark besteuert werden. Das dramatische Gegenbeispiel ist Frankreich . Dort wurde die Tabaksteuer stark angehoben, ohne zu ermöglichen, dass über Alternativen informiert wird. Das Ergebnis: Die Anzahl der Zigarettenraucher ist gleichgeblieben – aber die Zahl der illegalen oder im Ausland gekauften Zigaretten ist auf 50 Prozent hochgeschnellt. Der Staat hat Raucher also in die Illegalität getrieben, er hat die organisierte Kriminalität gestärkt und er hat circa 9,5 Milliarden Euro an Steuereinnahmen verloren. Wie viel aufwendiger ist es eigentlich, die Alternativen zu Zigaretten herzustellen? Das ist Hightech. Unser Investitionsaufwand betrug, wie gesagt, mehr als 14 Milliarden US-Dollar. Zugleich hat unser Transformationsprozess weitere Entwicklungen angestoßen. So haben Firmen aus dem deutschen Mittelstand neue Maschinen und neue Geschäfte für uns entwickelt. In 5 Jahren haben wir allein 4,5 Milliarden Euro in den deutschen Mittelstand investiert, der unter anderem die Maschinen für die Erhitzer produziert, die Maschinen für das Papier, die Verpackung. Und wann wird die letzte Zigarette in Deutschland verkauft? Wir wollen 2030 weltweit zwei Drittel unseres Geschäftes nicht mehr mit Zigaretten machen. Wir sagen allen: Nicht anfangen! Auch nicht mit Erhitzern! Aufhören! Nur, wer nicht aufhört, soll eben lieber auf eine Alternative ausweichen. Dann ist Ihr Ziel die Auflösung von Philip Morris als Tabakkonzern? Wir setzen uns bei Philip Morris aktiv für eine rauchfreie Zukunft ein und planen, unser weltweites Portfolio langfristig auf Produkte außerhalb des Tabak- und Nikotinsektors auszuweiten. Für Laien klingt das fast unglaubwürdig. Ja, das ist revolutionär. Aber die Digitalkonzerne haben sich ja auch neu erfunden. Wieso sollte uns das nicht gelingen? Womit wird Philip Morris künftig verbunden sein, wenn nicht Nikotin? Natürlich wird Philip Morris weiter mit Nikotin in Verbindung gebracht. Nikotin bleibt ein zentrales Geschäftsfeld, aber eben in rauchfreien Formen. In Ihrem Berufsleben haben Sie für Kosmetikfirmen und Spirituosenhersteller gearbeitet, nun sind Sie bei Philip Morris. Allesamt Unternehmen, die, vorsichtig gesagt, umstritten sind. Haben Sie nicht mal Lust auf einen Job, in dem Sie sich nicht rechtfertigen müssen? Ich mag Reibung. Wenn ich nur Menschen um mich habe, die zwar gegenteiliger Meinung sind, aber nicht miteinander reden, dann wird's düster. Geht man trotz unterschiedlicher Positionen in den Dialog, gleicht das einem mentalen Schachspiel. Ich will pragmatisch, nicht dogmatisch diskutieren. Natürlich wäre eine suchtfreie Gesellschaft ganz toll, aber ich glaube nicht, dass die Menschheit das je erleben wird. Immerhin kann ich meinen Beitrag dazu leisten, dass wir es besser machen als in der Vergangenheit. Frau Rost, danke für das Gespräch.