Burn-out statt Unfall: Berufsunfähigkeit trifft heute ganz andere Menschen, als viele denken. Warum der Staat kaum hilft und worauf Sie bei einer BU achten müssen. Deutschland gilt als Versicherungsweltmeister und ist gleichzeitig unterversichert. Rund 80 Prozent der Erwachsenen besitzen keine Berufsunfähigkeitsversicherung, obwohl statistisch jeder vierte Erwerbstätige im Laufe seines Berufslebens berufsunfähig wird. "Die Deutschen versichern das Ersetzbare, aber nicht das Unersetzliche", sagt Tobias Bierl, freier Versicherungsmakler und BU-Experte. Viele Menschen denken bei Berufsunfähigkeit an schwere Unfälle oder körperlich harte Arbeit. Doch die Realität sieht anders aus. Und wer glaubt, der Staat werde im Ernstfall schon helfen, irrt oft gewaltig. Worauf kommt es also wirklich an und wie sichern Sie sich so ab, dass die BU später auch zahlt? Burn-out statt Baustellenunfall: Das sind die häufigsten Ursachen Laut Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) geben die Deutschen jährlich mehr als 2.000 Euro pro Kopf für Versicherungen aus. Millionen Haushalte besitzen Handy-, Brillen- oder Reiserücktrittsversicherungen und zahlen zusammen oft mehrere Hundert Euro im Jahr für Risiken, die zwar ärgerlich, aber selten existenzbedrohend sind. Lebensversicherung im Faktencheck: Wann sie sich lohnt Noch immer gültig: Diese DDR-Versicherungen sollten Sie behalten Die wichtigste Absicherung fehlt hingegen in vier von fünf Haushalten, wie eine aktuelle GDV-Studie zeigt. Dabei ist das Risiko real: Mit 38 Prozent sind psychische Erkrankungen heute die häufigste Ursache für Berufsunfähigkeit, noch vor Erkrankungen des Bewegungsapparats und Krebs. Unfälle machen lediglich rund acht Prozent aus. "Das Bild vom Dachdecker, der vom Gerüst fällt, ist überholt", erklärt Bierl. "Heute sind es Projektleiter mit Burn-out, Lehrerinnen mit Depression, Pflegekräfte mit chronischer Erschöpfung." Warum der Staat nicht reicht: Erwerbsminderung ist keine BU Wer nach dem 1. Januar 1961 geboren wurde, hat keinen Anspruch auf staatliche Berufsunfähigkeitsrente. Diese beinhaltete einen besonderen Berufsschutz: Entscheidend war, ob Betroffene ihren erlernten oder zuletzt ausgeübten Beruf aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben konnten – nicht, ob sie grundsätzlich noch irgendeiner anderen Tätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nachgehen konnten. Mit der Einführung des Gesetzes zur Reform der Renten wegen verminderter Erwerbsfähigkeit im Jahr 2001 gibt es stattdessen nur noch die gesetzliche Erwerbsminderungsrente . Sie springt nur ein, wenn Betroffene aus gesundheitlichen Gründen auf nicht absehbare Zeit weniger als sechs Stunden täglich irgendeiner Tätigkeit nachgehen können. Bei unter drei Stunden besteht Anspruch auf die volle Erwerbsminderungsrente, bei drei bis unter sechs Stunden auf die teilweise Erwerbsminderungsrente. Sie lag laut Deutscher Rentenversicherung zuletzt im Schnitt bei unter 1.100 Euro monatlich. Berufsunfähigkeitsrente beantragen: So gehen Sie vor Frag t-online: Muss ich meine Berufsunfähigkeitsrente versteuern? "Viele Menschen realisieren erst im Ernstfall, dass der Staat sie nicht auffängt", sagt Bierl. Doch dann ist es oft zu spät. Eine gute Berufsunfähigkeitsversicherung lässt sich laut Bierl nur abschließen, solange man gesund ist. "Mit jeder Diagnose, jedem Arztbesuch steigt das Risiko, nur noch mit Ausschlüssen oder Risikozuschlägen versichert zu werden. Oder gar nicht mehr", warnt der Experte. "Die Zeit arbeitet immer gegen den Versicherten, nie für ihn." Die größte Falle heißt Gesundheitsprüfung Eine Berufsunfähigkeitsversicherung muss nicht unbezahlbar sein. Ein 30-jähriger Angestellter mit Bürotätigkeit zahlt für eine monatliche BU-Rente von 2.000 Euro meist zwischen 50 und 80 Euro im Monat. "Das ist weniger, als viele Haushalte für Streamingdienste und Handyverträge ausgeben", ordnet Bierl ein. Berufsunfähigkeitsversicherung: Darum ist sie so teuer Monatliche Rente : Wie sinnvoll ist eine Versicherung gegen Berufsunfähigkeit? Entscheidend sei jedoch, den Vertrag nicht zwischen Tür und Angel abzuschließen – und schon gar nicht ohne professionelle Hilfe. "Suchen Sie sich einen unabhängigen Experten. Der kostet Sie meist keinen Cent mehr, sorgt aber dafür, dass Ihr Schutz auch wirklich einer ist", rät Bierl. Denn die Tücke liegt häufig im Detail: In etwa 15 Prozent der Leistungsfälle zahlt die BU nicht, weil Versicherte bei der Gesundheitsprüfung Fehler gemacht haben. "Wer die Gesundheitsfragen mal eben schnell online beantwortet, geht ein unnötiges Risiko ein", betont Bierl. Für einen sicheren BU-Schutz sind dem Experten zufolge Krankenakten, ärztliche Stellungnahmen und eine kleinteilige Aufarbeitung der persönlichen Gesundheitshistorie notwendig. Das koste etwas Zeit und Aufwand und könne mehrere Wochen dauern. Doch nur so sei die Absicherung am Ende wirklich wasserdicht.