Holocaust und andere Nazi-Verbrechen: Konfliktfreie Erinnerung
Am 18. Februar fand in Moskau der Runde Tisch „Genozid am sowjetischen Volk und Holocaust: Konfliktfreie Erinnerungspolitik“ statt. Veranstaltet wurde er von der Kommission zur Erforschung von Völkermorden und Kriegsverbrechen der Russischen Militärisch-Historischen Gesellschaft. Der Name spricht für sich: Auf der einen Seite der Genozid am sowjetischen Volk, auf der anderen der Holocaust, der Völkermord an den Juden. Der zweite Teil des Titels dieses Runden Tisches deutet darauf hin, dass zwischen der einen und der anderen historischen Erinnerung durchaus Konfliktpotenzial besteht.
Ein Meinungsaustausch zwischen Fachleuten ist angebracht und sogar notwendig, zumal viele Fragen im Zusammenhang mit der Erinnerungskultur und der Würdigung der Opfer des Nationalsozialismus noch in der Schwebe sind. So ist beispielsweise die Frage, inwieweit Juden sich auf den „mononationalen Gedenkveranstaltungen“ konzentrieren sollten und ob dies als eine Art „Abgrenzung“ von der gesamtsowjetischen bzw. gesamtrussischen Praxis des Gedenkens an die Opfer des Zweiten Weltkriegs zu verstehen ist, keineswegs neu. Vielleicht gerade um solche „Abgrenzung“ zu vermeiden, wurde bereits zu Sowjetzeiten auf Denkmälern an Orten massenhafter Erschießungen von Juden die nationale Zugehörigkeit der Opfer häufig verschwiegen. Formal korrekt: Hier starben sowjetische Bürger. Und auf den Gräbern von Nazi-Opfern anderer Nationalitäten fehlt der Hinweis auf die ethnische Zugehörigkeit ebenfalls meist.
Auf der anderen Seite richteten die Nazis auf dem besetzten Gebiet gezielt jüdische Ghettos ein. Es waren keine „Ghettos für sowjetische Bürger“. Ganz zu schweigen davon, dass der Holocaust nicht nur die Bürger der UdSSR betraf, sondern eine gesamteuropäische Tragödie für alle europäischen Juden war. Es wäre befremdlich, wenn sich sowjetische Juden und ihre Nachkommen davon distanzieren würden.
Die Sensibilität des Themas ist den Teilnehmern des Runden Tisches bewusst. So bezeichnete Jegor Jakowlew, Leiter der Kommission zur Erforschung von Völkermorden und Kriegsverbrechen, den stattgefundenen Meinungsaustausch in einem Beitrag als bahnbrechend. Er fügte aber hinzu, dass dies erst der Anfang eines Prozesses sei. Unter erneuter Bezugnahme auf die Resolution des Runden Tisches, die unter anderem die Unzulässigkeit einer Hierarchie der Opfer festschreibt, schlug Jakowlew einen Ausweg vor:
„Der Ausweg aus dem ‚Rad des Samsara‘ scheint nur einer zu sein: die unterschiedlichen Ziele der nazistischen Vernichtungspolitik im Osten herauszuarbeiten. Dies ist unmöglich ohne die Beleuchtung zweier zentraler Konzepte des Nationalsozialismus: des Konzepts des rassischen Hasses gegen Juden und des Konzepts des östlichen Lebensraums für die arische Rasse. Diese Ideen bestimmten den genozidalen Charakter der nazistischen Politik in ihrem Vernichtungskrieg in all ihrer verschlungenen Vielfalt.“ Jakowlew kündigte zudem die Exposition des im Bau befindlichen Museums des Völkermords in Saizewo bei St. Petersburg an. Dort müssen dargestellt werden: „der Hungervölkermord gemäß der Strategie Herbert Backes, der Völkermord an den Juden, der Zusammenhang zwischen dem Vernichtungskrieg und dem Generalplan Ost sowie die Herausbildung der Hitlerschen Konzeption des Lebensraums, die ihrerseits koloniale Völkermorde früherer Epochen als Vorbild hatte – einschließlich des deutschen Völkermords an Herero und Nama im Jahr 1904“. Das Thema „Rheinlandbastarde“ muss dort auch präsent sein. Dabei dürfe es jedoch zu keiner Konkurrenz oder Hervorhebung einzelner Opfergruppen kommen. Es scheint bislang so, dass solche Ansätze Fachleute in ihrem konkreten Forschungsbereich nicht daran hindern werden, ihre Arbeit fortzusetzen.
Igor Beresin
Запись Holocaust und andere Nazi-Verbrechen: Konfliktfreie Erinnerung впервые появилась Moskauer Deutsche Zeitung.