Durch den Rücktritt von Roland Weißmann war einer der wichtigsten Medienjobs in Österreich vakant. Nun gibt es eine neue Chefin, die eine klare Ansage macht. An der Spitze des Österreichischen Rundfunks (ORF) steht zumindest vorübergehend die Journalistin Ingrid Thurnher. Der ORF-Stiftungsrat wählte die 63-Jährige einstimmig zur geschäftsführenden Nachfolgerin des zurückgetretenen Intendanten Roland Weißmann, wie der ORF mitteilte. Weißmann hatte vor wenigen Tagen wegen des Vorwurfs der sexuellen Belästigung einer Mitarbeiterin sein Amt niedergelegt. Der 57-Jährige bestreitet den Vorwurf. Sie habe zum Start ihrer neuen Aufgabe gemischte Gefühle, sagte Thurnher. Einerseits sei der Job eine große Ehre, andererseits seien die Umstände des Zustandekommens alles andere als erfreulich. "Es gibt in der Zukunft nur volle Transparenz mit aller Konsequenz." Es müsse rund um den Vorwurf alles auf den Tisch, so Thurnher. Dies sei eine wichtige Voraussetzung, um das Vertrauen des Publikums zurückzugewinnen. Sie werde sehr genau darauf schauen, dass es beim ORF keine Form von Machtmissbrauch mehr gebe. Mit sofortiger Wirkung: ORF-Chef Weißmann tritt nach Vorwürfen zurück Die 63-Jährige gehört seit 40 Jahren zum ORF und zählt zu den bekanntesten Gesichtern des Senders. Ihre Karriere begann als TV-Ansagerin, führte sie über das NÖ-Landesstudio und die Innenpolitikredaktion beim Hörfunk zu Moderationen in der "ZiB", der "ZiB 2" und "Im Zentrum", bevor sie Chefredakteurin bei ORF III und schließlich Radiodirektorin wurde. Stiftungsratsvorsitzender Heinz Lederer und sein Stellvertreter Gregor Schütze hatten bereits am Mittwoch bei einem Pressegespräch erklärt, der Stiftungsrat habe sich für sie entschieden, weil sie die "öffentlich-rechtliche DNA" in sich trage. Sie habe stets die Unabhängigkeit an oberste Stelle gesetzt. "Tag der Abrechnung" Doch die Sitzung verlief nicht ohne Reibung. FP-Rat Peter Westenthaler sprach zu Beginn von einer "Diktatur" auf dem Küniglberg, kündigte einen "Tag der Abrechnung" an und erklärte: "Der Ruf des ORF ist angeschlagen, wenn nicht zerstört." Weißmann habe ein Recht darauf, seine Sicht darzustellen. Der zurückgetretene Generaldirektor war bei der Sitzung jedoch nicht anwesend. Nachdem die Vorwürfe gegen ihn dargelegt worden waren, zeigte sich Westenthaler nach Angaben der "Krone" erschüttert und bezeichnete sie als "grauslich". "Das ist starker Tobak. Das geht so nicht, was da passiert ist." Einen strafrechtlichen Tatbestand sah er dennoch nicht als gegeben an. Darüber hinaus erhob Westenthaler Vorwürfe gegen Lederer: Dieser habe durch sein Verhalten die Möglichkeit einer sofortigen Entlassung Weißmanns verwirkt, die nach Bekanntwerden der Vorwürfe möglich gewesen wäre, und dem ORF damit Kosten verursacht. Lederer wies das zurück und erklärte, er habe Rede und Antwort gestanden. Er sei vor allem froh, dass Thurnher einstimmig angenommen worden sei. Thurnher erklärte zudem, sie werde sich auch für den Rest des Jahres um den Posten bewerben. Eine Kandidatur für die neue Amtsperiode ab 2027 schloss sie ebenfalls nicht aus. Außerdem entscheidet sie darüber, ob es eine künftige Rolle für Weißmann beim ORF gebeb wird, denn Weißmann ist weiterhin beim ORF beschäftigt.