Während Donald Trump den Iran-Krieg vorantreibt, ringt sein Vizepräsident erkennbar mit sich selbst und seiner politischen Zukunft. Zwischen Loyalität und eigener Überzeugung vermeidet JD Vance es, sich zu positionieren. Bastian Brauns berichtet aus Washington Am Ende kann der Vizepräsident nur noch aufs Beten verweisen. "Ich denke, wir alle – ob Demokraten oder Republikaner – sollten für einen Erfolg beten und für die Sicherheit unserer Truppen", sagt JD Vance. Es ist die einzige Antwort, mit der er offenbar glaubt, sich vor einer klaren Positionierung zum Iran-Krieg retten zu können. JD Vance steht an diesem späten Nachmittag im Oval Office, direkt hinter Donald Trump . Der Präsident, der diesen Einsatz befohlen hat, sitzt an seinem großen Schreibtisch aus braunem Holz, beide Arme ausgebreitet, die Handflächen auf der Tischplatte abgestützt. So als könnte er jeden Moment aufspringen und Vance mit den Worten anbrüllen: "Du bist gefeuert." Trump-Nachfolge in Gefahr: Plötzlich hat JD Vance ein Problem Hormus-Desaster im Iran : Trumps Nato-Drohung ist ein Eingeständnis Vance wird zum Gejagten Im Halbrund vor Trump und seinem Stellvertreter stehen die Hauptstadtreporter und stellen unangenehme Fragen. Wie denn nun seine Haltung zu diesem Auslandseinsatz sei, wollen sie von Vance wissen. "Ich weiß, was Sie vorhaben", erwidert der. "Sie versuchen, einen Keil zwischen mich und den Präsidenten zu treiben." Dann beteuert der Vizepräsident, schon immer dagegen gewesen zu sein, dass der Iran Nuklearwaffen besitzt. Den Militäreinsatz explizit befürworten, will er aber auch nach mehr als zwei Wochen nicht. Dabei wird von Vance in seiner Rolle als Vizepräsident erwartet, sich uneingeschränkt hinter Trump zu stellen. "Sein Ansatz" sei nun, für die Soldaten zu beten und "alles dafür zu tun, dass die Operation so erfolgreich wie möglich gestaltet werde." Der amerikanische Vizepräsident hat ein Problem – und jeden Tag wird es offensichtlicher. Als ehemaliger Marine-Soldat gibt sich Vance im Spektrum der MAGA-Bewegung seit Jahren als einer der vehementesten Gegner amerikanischer Militärinterventionen. Der internationale Krieg der USA gegen den Terrorismus ist für ihn ein kostspieliges und tödliches Abenteuer. Mit Trumps Iran-Krieg wird er deshalb nun immer mehr zum Gejagten. Er wird sogar ein Betrüger genannt. Ein Vizepräsident zwischen den Fronten Als bislang aussichtsreichster Anwärter auf die Trump-Nachfolge im Jahr 2028 steckt Vance in einem Dilemma. Mit dem ohnehin immer ungeduldiger werdenden Donald Trump darf er es sich nicht verscherzen, etwa indem er Zweifel an dessen Entscheidung sät. Er darf ihm aber auch nicht allzu enthusiastisch zustimmen, wenn er es sich nicht mit jenem Teil der MAGA-Anhänger verscherzen will, der solche Auslandseinsätze als Verrat an dem eigentlich von Trump geprägten Glaubenssatz "America First" ansieht. Doch ausgerechnet unter Donald Trump muss er jetzt dessen neue, aggressive Außenpolitik vertreten. Der als Kurzeinsatz geplante Krieg im Iran kostet schon jetzt nicht nur viele Milliarden Dollar, sondern auch immer mehr amerikanische Soldaten das Leben. Hinzu kommen die weltwirtschaftlichen Verwerfungen, die auch die US-Bürger zu Hause in Form deutlich gestiegener Benzinpreise treffen. Und Trump lässt nicht erkennen, wann der Krieg enden könnte. Der Eiertanz des Vizepräsidenten, der an seine künftigen Machtoptionen denken muss, ist in Washington seit dem ersten Kriegstag zu beobachten. Weil Trump zugleich voll des Lobes für seinen Außenminister und Nationalen Sicherheitsberater Marco Rubio ist, kursieren in der Hauptstadt Gerüchte, wonach Vance beim Präsidenten zunehmend in Ungnade fallen soll. Auch in der republikanischen Partei sollen sich die Stimmen derer häufen, die Rubio als die vielversprechendere Option für die Präsidentschaftskandidatur 2028 sehen. Die Vermeidungsstrategie von Vance Schon als JD Vance vergangene Woche einen Wahlkampfauftritt in North Carolina hatte, wurde seine Bredouille offensichtlich: Ausgerechnet in diesem Bundesstaat, in dem das US-Militär eine besonders wichtige Rolle spielt, ließ Vance das hochaktuelle Thema Iran so gut wie außen vor. Dabei weiß er: Mit zwölf bedeutenden Militärstützpunkten und der viertgrößten Zahl aktiver Militärangehöriger unter allen US-Bundesstaaten ist North Carolina ein unverzichtbarer Pfeiler der nationalen Verteidigung. Das Militär ist der zweitgrößte Wirtschaftsfaktor des Bundesstaats. Viel lieber aber spricht er auf der Bühne über die Migrationspolitik, Steuerentlastungen und über angeblich sinkende Preise unter der Trump-Regierung. Erst ganz zum Schluss schwenkt er kurz um auf den bei der Basis so umstrittenen Krieg, den das Weiße Haus im Nahen Osten führt. Alles andere wäre gerade hier peinliche Realitätsverweigerung gewesen. Erst bittet der Vizepräsident um Applaus für die anwesenden Veteranen im Publikum und lobt die Bedeutung des Bundesstaats als Militärstandort. Dann aber kommt Vance ins Stammeln: "Aber hier, hier ist der Punkt: Sie alle wissen, dass wir derzeit eine militärische Operation durchführen". Das Wort Krieg nimmt er nicht in den Mund. Dieser Einsatz geschehe, "um sicherzustellen – wie der Präsident wiederholt betont hat –, dass der Iran niemals in den Besitz einer Atomwaffe gelangt", sagt Vance. Er wisse aber, dass sich viele Menschen aus North Carolina deshalb bei dieser Auslandsmission "in Gefahr befinden". Das Wort "gestorben" kommt ihm nicht über die Lippen. Eisernes Schweigen zu eigenen Überzeugungen Auch in North Carolina wagt Vance keine politische Antwort, stellt keine Forderung nach einem schnellen Kriegsende. Auch hier nutzt er den Glauben als einzigen Ausweg aus seinem Dilemma. Sein "Wunsch" sei es, so Vance, dass alle beim Nachhausegehen "ein Gebet sprechen". Nicht nur für die Soldaten aus North Carolina, sondern für jene aus allen 50 Bundesstaaten, die bereit seien, "sich für die Sicherheit, den Schutz und die Freiheit der Vereinigten Staaten von Amerika aufzuopfern". Der Applaus, der folgt, klingt mehr höflich als enthusiastisch. Als Vance am Ende seiner Rede noch ein paar Fragen der mitgereisten Journalisten gestattet, holt ihn das ungeliebte Iran-Thema erneut ein. Ein Reporter will wissen, ob es stimme, dass er Trump von dem Einsatz abgeraten haben soll. Der zwiegespaltene Vizepräsident verweist auf die gebotene Vertraulichkeit. Er würde hier vor der Presse jetzt keine geheimen Gespräche aus dem "Situation Room", dem Lagezentrum des Weißen Hauses, ausplaudern. "Es tut mir leid, Sie enttäuschen zu müssen", sagt JD Vance. Er werde nichts sagen, was Geheimnisverrat wäre. "Weil ich nicht ins Gefängnis gehen möchte", so Vance. Was Trumps Vizepräsident auch nicht möchte, ist dieser Krieg. Denn er schmälert seine Chancen. Was er möchte, ist, eines Tages selbst Präsident zu werden. Dafür wird er irgendwann Position beziehen müssen. Beten reicht dann nicht mehr.