Seit Langem sind islamistische Akteure in Deutschland aktiv, oft jedoch verdeckt. Investigativjournalist Sascha Adamek warnt: Angesichts von Kriegen im Nahen Osten treten sie offener auf – und gemeinsam mit anderen Extremisten von rechts und links. Die Kriege im Iran und im Gazastreifen wirken weit über den Nahen Osten hinaus. Experten warnen bereits vor steigender Radikalisierung und neuen Bedrohungen in Europa. Investigativjournalist Sascha Adamek beobachtet die islamistische Szene in Deutschland seit Langem. In seinem neuen Buch "Unterwanderung" beleuchtet er das Netzwerk von Terrororganisationen wie Hamas und Hisbollah in Deutschland. Im Interview mit t-online erklärt Adamek, warum Konflikte im Nahen Osten "wie ein Booster" für islamistische Netzwerke wirken. Er warnt vor einer Dynamik, in der sich bestehende islamistische Strukturen weiter verstärken und gesellschaftliche Spannungen in Deutschland zunehmen. Zugleich beschreibt er eine "toxische Querfront", die Extremisten unterschiedlicher Lager verbindet. Wie groß ist die Gefahr wirklich – und was übersieht die Politik? Kommentar zu Trump und dem Iran-Krieg: Es ist dreist und respektlos US-Präsident fordert Unterstützung: Trump erhält Absagen von diesen Nato-Partnern t-online: Herr Adamek, in Teilen der islamistischen Szene wird der Krieg gegen den Iran bereits als Krieg des Westens gegen den Islam dargestellt. Welche Rolle spielen Kriege im Nahen Osten für die Mobilisierung islamistischer Gruppen in Europa? Sascha Adamek : Eine sehr große. Solche Konflikte wirken wie ein Booster. Das gilt für Gaza ebenso wie jetzt für den Iran. Gleichzeitig können sie nur etwas verstärken, was vorher schon da war. Dieses islamistische Gedankengut existiert seit Langem, auch vermittelt über Medien und Netzwerke, die in manchen Milieus sehr präsent sind. Bitte geben Sie ein Beispiel. Ich habe mir den arabischen Kanal von Al Jazeera angeschaut, der via Satelliten-TV ja auch Wohnzimmer in Deutschland erreicht: Das ist eine Dauerbeschallung mit islamistischer Propaganda, anti-israelisch, antijüdisch. Da wurden sogar Dschihadisten abgefeiert. Wenn ich damit als Kind oder Jugendlicher groß werde, verinnerliche ich diese Grundhaltung natürlich. Und das bricht sich dann Bahn? Wenn ein Krieg ausbricht, treten Emotionen zutage, die zuvor bereits angelegt waren. Diese Agenda ist nicht neu. Sowohl die hierzulande geheim operierende Muslimbruderschaft als auch das iranische Regime haben nie Zweifel daran gelassen, dass für sie Israel zerstört gehört. Mit aggressiven Palästina-Demonstrationen wollen sie ihre Sache sichtbar machen – gegen das "zionistische Projekt", wie sie sagen, gegen Israel. Gefährlich wird es, wenn daraus hierzulande ein kultureller Großkonflikt gemacht wird. Weil rechte Kräfte diese Dynamik für sich nutzen? Genau. Islamistische und rechtsextreme Akteure verstärken sich gesellschaftlich gegenseitig. Wenn islamistische Gruppen auf Abschottung setzen, dann liefert das identitären Rechtsextremen genau das Material, das sie für ihre Erzählung brauchen. Sie stellen sich hin und sagen: Ihr seht ja, es funktioniert nicht. Beide Seiten arbeiten mit identitären Vorstellungen und tragen dazu bei, das Land zu spalten. Darin liegt eine echte Gefahr für die Demokratie. Sie meinen, dass sich Rechtsextreme und Islamisten letztlich ähnlich sind? Beide Seiten arbeiten mit ähnlichen Feindbildern und Gesellschaftsvorstellungen: die klassische Normalfamilie, Vater, Mutter, Kind. Ablehnung von Homosexualität, antisemitische Narrative, die Vorstellung einer jüdischen Weltherrschaft. Wir haben also ähnliche Muster. Richtig. Es gibt sogar personelle Berührungspunkte zwischen Akteuren in Deutschland. Hinzu kommt, dass sich obendrein sogenannte "antiimperialistische" Linksextremisten und Teile der Linkspartei längst mit den Islamisten verbündet haben, wie auf den Demos zu beobachten ist. Wir haben es also mit einer Art toxischer Querfront zu tun, die mehrere Extremismusbereiche umfasst. Die befeuern sich gegenseitig. Rechtsextreme brauchen Islamisten, so ironisch das klingen mag. Der Gaza-Krieg hat einen klaren Anlass, aber die Kriegsführung wurde scharf kritisiert. Beim Iran wird jetzt intensiv über das Völkerrecht gestritten. Spielt das Islamisten nicht in die Karten? Natürlich können solche Debatten von Islamisten aufgegriffen werden. Begriffe wie "Genozid" oder die pauschale Delegitimierung Israels gehören seit Langem zu ihren Narrativen. Was mich eher erstaunt, ist, dass Trump in mancher Hinsicht quer dazu agiert. Wie meinen Sie? Es gab Jubelrufe im Iran, Menschen haben sich über die ersten Angriffe auf ihr Land gefreut – oder genauer gesagt: auf ihr Regime. Insofern sehe ich das differenziert. Denn Trump arbeitet zugleich offen mit Ländern wie Katar oder Saudi-Arabien zusammen, die in ihrer Agenda ebenfalls islamistisch geprägt sind. Haben islamistische Akteure in Deutschland seit dem 7. Oktober 2023 und dem folgenden Gaza-Krieg ihre Kommunikation verändert? Ich sehe eine deutliche Verschärfung. Manche Positionen, die früher codierter formuliert wurden, werden heute sehr offen vertreten. Nach außen wird oft von Frieden und Ausgleich gesprochen, während auf anderen Kanälen dieselben Akteure militant und hetzerisch auftreten. Diese Doppelstrategie ist nicht neu, sie ist aber sichtbarer geworden. Ich warne übrigens sehr davor, alle Muslime gleichzusetzen. Das wäre fatal. Weil Islamismus nur einen ganz kleinen Teil ausmacht? "Ganz klein" ist relativ: Alarmierend ist die jüngste Zahl aus dem "Motra-Radikalisierungs-Monitor" des BKA: Danach sind 45 Prozent der unter 40-jährigen Muslime "latent oder manifest islamismusaffin" eingestellt. Was ich meine: viele Zuschreibungen, wer überhaupt Muslim ist, sind oft falsch. Die sogenannten Islamverbände reklamieren einen Einfluss, den sie gar nicht haben, für alle Muslime zu sprechen. Viele Menschen sind sogenannte Kulturmuslime, die mit organisierter Religion wenig zu tun haben. Die große Mehrheit der Muslime lehnt Gewalt und Extremismus ab. Genau deshalb ist es falsch, alles in einen Topf zu werfen. Wir sollten die Religion als Privatsache sehen und respektieren, aber nicht zulassen, dass der politische Islam die Gesellschaft unterwandert. Welche Rolle spielt der Gegensatz zwischen Sunniten und Schiiten bei Islamisten in Deutschland? In Deutschland gibt es durch die Einwanderung deutlich mehr sunnitische Muslime als schiitische. Auf sunnitischer Seite ist Islamismus sehr subtil. Dort geht es stark um Unterwanderung und Einflussnahme über Vereine, Verbände und ideologische Netzwerke. Was die Organisation extremistischer Netzwerke angeht, waren besonders schiitische Strukturen rund um das iranische Regime lange sehr schlagkräftig. Beim inzwischen verbotenen Islamischen Zentrum Hamburg (IZH) konnte man das sehen. Jeder wusste, was sie tun. Erklären Sie das bitte. Das IZH organisierte Al-Quds-Demonstrationen und hielt Geldströme zur Hisbollah aufrecht. Die Iraner haben bis heute drei Banken in Deutschland. Wie man hört, soll sich die Bankenaufsicht Bafin diese drei iranischen Banken jetzt genauer ansehen. Ich frage mich, warum man sie nicht gleich schließt. Das sind iranische Staatsbanken, die dem Regime nahestehen. Wenn die Revolutionsgarden als Terrororganisation eingestuft werden, müsste man eigentlich auch alle dazugehörigen Proxys, also auch solche Finanzstrukturen, mit in den Blick nehmen. Das passiert bislang nicht. Warum? Ein großes Problem ist das Zusammenspiel der Behörden, gerade beim Thema Finanzen. Nachrichtendienste, Finanzämter, die Geldwäschebekämpfung des Zolls arbeiten in Deutschland oft nicht gut genug zusammen. Dabei geht es bei Gruppen wie Hisbollah oder Hamas hierzulande nicht nur um Ideologie, sondern auch um Finanzierung, Rekrutierung und Radikalisierung. Wenn man das weiß, müsste man viel konsequenter an die Geldströme heran. Wächst mit der Eskalation im Nahen Osten auch die Gefahr von Anschlägen in Deutschland? Ja, unbedingt. Es gibt eine Fatwa aus dem März 2025, die öffentlich etwas untergegangen ist. Sie stammt von der Union of Muslim Scholars, also der führenden Gelehrtenorganisation der Muslimbruderschaft in Katar. Darin werden Muslime weltweit verpflichtet, sich gegen das "zionistische Gebilde" zu richten – auch militärisch. Das war ein Terroraufruf. Wenn dann Personen in Europa festgenommen werden, die Anschläge auf jüdische Einrichtungen geplant haben sollen, ist das ein Alarmzeichen. Deutschland war für solche Gruppen lange auch Rückzugs- und Finanzierungsraum. Das wurde viel zu lange toleriert. Bedeutet nicht die Festnahme solcher Leute auch, dass die deutschen Polizei- und Sicherheitsbehörden aktiver geworden sind? Ja, fraglos. Die Gefährdungslage ist massiv. Nach Informationen aus dem Innenministerium gab es 2024 beim Generalbundesanwalt 125 Verfahren im Bereich religiös motivierter Ideologie, daneben acht im linken und fünf im rechten Spektrum. Das zeigt schon, wie gewaltig die Gefahrenlage im Bereich Terrorismus ist. Auch die Zahl der Gefährder liegt nach wie vor bei deutlich mehr als 470. Seit dem Anschlag am Breitscheidplatz ist allen klar, dass sich ein solches Staatsversagen nicht wiederholen darf. Aber die Gefahr ist nicht verschwunden. Und jedes Versäumnis wird sofort von rechts außen politisch ausgeschlachtet. Genau deshalb ist der Druck so groß. Tut der Staat genug, um Radikalisierung vorzubeugen? Nein, auf keinen Fall! Gerade an Schulen und in der Integrationsarbeit gibt es große Lücken. Viele Lehrkräfte berichten, dass sie bei bestimmten Ressentiments kaum durchdringen. Da braucht es viel mehr gezielte Präventionsarbeit, auch mit Menschen aus den Communitys selbst. Es reicht nicht, abstrakt auf die freiheitlich-demokratische Grundordnung zu verweisen. Man muss Konflikte konkret bearbeiten, Haltungen thematisieren und Jugendlichen das "Demokratie lernen" ermöglichen. Was hat Sie bei Ihren Recherchen zu Ihrem Buch am meisten erschüttert? Besonders erschüttert hat mich ein Fall in Berlin-Neukölln, bei dem ein Kita-Träger mit Nähe zu islamistischen Strukturen öffentliche Gelder erhielt. Ach wirklich? Ich habe Dokumente gefunden, aus denen hervorgeht, dass der Kita-Betreiber zusammen mit einem inzwischen abgeschobenen IZH-Mann eine Fatwa unterzeichnet hat, in der etwa das Kopftuchgebot für Neunjährige verteidigt wird. Das war kein obskures Internetdokument, sondern ein Schreiben, das als öffentlicher Brief an Bundesbehörden geschickt wurde. Der Kita-Betreiber behauptet, es nicht zu kennen. Aber als ich beim Bundesinnenministerium nachfragte, wurde mir bestätigt: Ja, dieses Schreiben liegt hier im Original vor und ist authentisch. Noch alarmierender war für mich, wie wenig systematisch solche Träger offenbar überprüft wurden. Gerade dort, wo wir kleine Kinder in Betreuung geben, darf der Staat nicht so blind sein. Und was für Folgen hatte die Recherche konkret? Der Senat schaut jetzt genauer hin, es wurden auch Nachrichtendienste eingeschaltet. Mehr kann und darf ich dazu nicht sagen. Dennoch verzweifle ich noch oft genug darüber, wie wenig unsere Sicherheitsbehörden manchmal wissen – oder wissen wollen. Und wenn man aufhört, bestimmte Vereine oder Strukturen zu beobachten, dann bekommt man eben auch keine neuen Erkenntnisse mehr. Sie recherchieren seit Jahren zu Islamismus und Extremismus. Werden Sie dafür angegriffen? Häufiger wird versucht, meine Arbeit politisch zu diskreditieren. Dann heißt es, wer diese Strukturen kritisiert, betreibe sogenannten "antimuslimischen Rassismus". Das ist ein bekanntes Muster. Es geht darum, Kritik an islamistischen Netzwerken in eine Kritik an Muslimen insgesamt umzudeuten. Genau diese Unterscheidung muss man aber sauber treffen. Was ist für Sie die eigentliche Gefahr? Dass islamistische und rechtsextreme Kräfte voneinander profitieren. Die einen liefern den anderen permanent Munition. Dieses Wechselspiel ist hochgefährlich, weil es die gesellschaftliche Mitte unter Druck setzt, das Land weiter spaltet und demokratische Institutionen schwächt. Herr Adamek, vielen Dank für das Gespräch!