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Israel im Südlibanon: Religion entscheidet, wer vertrieben wird

Im Süden des Libanon rollt Israel mit Panzern und Bulldozern über die Grenze. Jetzt soll offenbar die religiöse Zugehörigkeit darüber entscheiden, wer bleiben darf. Mitte März hat die israelische Armee mit dem Einmarsch in den Süden des Libanon begonnen. Aus der zunächst "begrenzten" Bodenoperation ist inzwischen ein Kampf um rund zehn Prozent der Gesamtfläche des Landes geworden. Israel will das Gebiet bis zum Fluss Litani annektieren und hat dafür eine allgemeine Evakuierungsaufforderung für das Gebiet erlassen. Recherchen der "New York Times" legen nun jedoch nahe, dass diese Anordnung nicht für alle Bewohner der Region gleichermaßen gilt. Im Zuge der israelischen und US-amerikanischen Angriffe auf den Iran Ende Februar hat sich binnen weniger Tage eine zweite Front in dem weithin als völkerrechtswidrig bewerteten Krieg geöffnet. Anfang März begann die schiitische Miliz Hisbollah, die unter anderem vom iranischen Regime finanziert wird, Israel mit Raketen anzugreifen. Die libanesische Regierung distanzierte sich umgehend von den Angriffen. Der Hisbollah-Chef Naim Qassem argumentierte hingegen, es habe sich um Verteidigungsschläge gehandelt, nachdem Israel trotz Waffenruhe unzählige Male Stellungen im Libanon bombardiert habe. Newsblog : Alle aktuellen Nachrichten zum Krieg in Nahost Vergleiche mit 2015 : Droht eine Fluchtwelle aus dem Iran? Schiiten sollen aus dem Südlibanon vertrieben werden Wie die "New York Times" jetzt berichtet, hängt die Vertreibung von der ethnischen und religiösen Zugehörigkeit ab. Nach Angaben der Zeitung soll vor allem die schiitische Bevölkerung die Region verlassen. Christen und Drusen, beides Minderheiten im Südlibanon, dürften hingegen bleiben, müssten jedoch dafür sorgen, dass ihre schiitischen Nachbarn vertrieben werden, berichten mehrere Anwohner. Die israelische Seite erklärt zwar, dass die Bewohner zurückkehren könnten, sobald die Bodenoffensive beendet sei und der Norden Israels nicht länger bedroht werde. Gleichzeitig sagte der israelische Minister Israel Katz, man orientiere sich beim Vorgehen an der Operation in Gaza. Schon jetzt ist zu beobachten, dass neben Panzern und Militärfahrzeugen zunehmend auch Bagger und Bulldozer die Grenze zum Libanon überqueren und systematisch vor allem mehrheitlich schiitisch geprägte Dörfer zerstören, was eine Rückkehr der Bevölkerung unmöglich macht. "So viel Zerstörung wie möglich" Der Politologe und Forscher Nadim Shehadi vom international renommierten Institut Chatham House in London erkennt darin Elemente einer breiteren Doktrin: "Sie versuchen, so viel Zerstörung wie möglich anzurichten und die Gelegenheit zu nutzen, Infrastruktur der Hisbollah zu zerstören. Vielleicht glauben sie, dass sie die Bevölkerung damit auch gegen die Hisbollah aufbringen können." Das werde jedoch nicht gelingen, so der Experte. Die israelische Armee übt zudem weiter Druck auf die Anführer örtlicher Gemeinden aus. Nachdem die mehrheitlich schiitischen Dörfer evakuiert worden waren, suchten viele Vertriebene Zuflucht in christlich oder drusisch geprägten Orten. Dort seien sie teils auch herzlich aufgenommen worden, berichtet die "New York Times". Nun aber werde von den Gemeinden verlangt, die Geflüchteten erneut zu vertreiben. Andernfalls könne Israel nicht garantieren, christliche und drusische Dörfer mit Angriffen zu verschonen. Hisbollah droht Christen Nachdem sich inzwischen auch die offizielle libanesische Armee aus der Region zurückgezogen hat, fürchten selbst alteingesessene christliche Gemeinden um ihre Sicherheit. "Die libanesische Armee war unsere Garantie und gab uns Kraft", sagte Fadi Falfil, ein Priester aus Debel, der Nachrichtenagentur Reuters in seiner Heimatstadt. Der Rückzug habe "ein Gefühl der Unsicherheit unter der Bevölkerung hervorgerufen". Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch blickt mit großer Sorge auf die Lage und warnt, dass die fortlaufende Vertreibung einer Zwangsumsiedlung gleichkomme. Die leitende Forscherin für Flüchtlings- und Migrantenrechte, Nadia Hardman, erklärte der "New York Times": "Das israelische Militär kann nicht glaubhaft geltend machen, die Zivilbevölkerung aus zwingenden militärischen Gründen zu evakuieren, wenn die Vertreibungen in manchen Gebieten offenbar entlang religiöser Zugehörigkeiten erfolgen und ausschließlich schiitische Zivilisten zur Flucht gezwungen werden." Auch innerhalb der Hisbollah, die zwar einen bewaffneten Arm hat, zugleich aber auch als politische Partei im Libanon verankert ist, wächst der Unmut über die Vertreibung schiitischer Libanesen. Ein christlicher Dorfvorsteher, der den Anweisungen der Israelis nachgekommen sei, Schiiten aus seinem Ort zu vertreiben, sei kurz darauf von der Hisbollah kontaktiert worden, berichtet die "New York Times". Offenbar sei ihm gedroht worden, man werde nach dem Krieg zurückkehren und an den Christen in der Region Vergeltung üben. Seit der erneuten Eskalation zwischen Israel und der Hisbollah wurden im Libanon rund 1.200 Menschen getötet und mehr als eine Million Menschen vertrieben. Das Land ist dadurch bereits nach wenigen Wochen in eine schwere humanitäre Krise gestürzt.

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