Landärztemangel: Kassenärztliche Vereinigung will eigene Praxen eröffnen
Von Jens Schmitz, RNZ Stuttgart
Stuttgart. Ambulante Patienten müssen in Baden-Württemberg künftig mit weiteren Anfahrtswegen, mehr Wartezeit und weniger Kontakt zur Ärzteschaft rechnen. Das folgt nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) aus einem Medizinermangel, der längst nicht mehr nur ländliche Räume betreffe. Als kurzfristige Notmaßnahme plant der Verband, vorübergehend eigene Praxen zu betreiben. Gemeinsam mit der Baden-Württembergischen Krankenhausgesellschaft (BWKG) drängen die Kassenärzte auf politische Veränderung.
Eigeneinrichtungen seien keine dauerhafte Lösung, stellte KVBW-Chef Norbert Metke klar. "Anonymisierte Großbetriebe zur medizinischen Versorgung, wie Legehennenbatterien, entsprechen nicht der Würde eines Kranken." KVBW-Vize Johannes Fechner sagte, man folge mit der Idee ostdeutschen Vorbildern; er könne sich 20 bis 30 solcher Praxen in Baden-Württemberg vorstellen. Sie sollen Ärzte ansprechen, die ein Angestelltenverhältnis anstreben. Metke zufolge lassen sich heute nur noch etwa 30 Prozent eines Jahrgangs selbstständig nieder.
Derzeit sind nach Angaben des Verbands in Baden-Württemberg 500 Allgemeinarztpraxen nicht besetzt. In den kommenden fünf Jahren sollen weitere 500 Allgemeinärzte ausscheiden, die keine Nachfolger finden; inzwischen würden auch Fachärzte knapp.
Ursachen sind unter anderem Regulierungswut und "brachliegende Ausbildungskapazitäten", so Metke, der einen Ausbau der Studienplätze forderte. Bis so etwas Früchte trägt, soll ein "Masterplan" die Zeit überbrücken.
Zu ihm gehört das gemeinsam mit den Kassen unterhaltene Programm "Ziel und Zukunft Baden-Württemberg", das unter anderem Neugründungen und Übernahmen von Praxen unterstützt. Mehr als 800 Ärztinnen und Ärzte, die derzeit nicht arbeiten, wurden angeschrieben, um sie zur Rückkehr zu bewegen, sagte Fechner. Teilweise ältere Maßnahmen betreffen die Aufhebung der Mengenbegrenzung bei der Honorierung von Haus- und Kinderärzten, Jobsharing und Zuschüsse für nicht-ärztliche Praxisassistenten.
Den Kliniken im Land fehlen nach Auskunft der Krankenhausgesellschaft aktuell 1200 Pfleger und 400 Ärzte. "Wir haben noch nie so eine Situation gehabt, das sind alarmierende Zahlen", warnte Vorstandsvorsitzender Detlef Piepenburg. Die Krankenhäuser kämpfen nicht zuletzt mit der Nähe zur Schweiz, in der den Fachkräften mehr Geld winkt. Das im Bundesvergleich hohe Lohnniveau des Südwestens findet bei den Fallpauschalen keine Berücksichtigung. Auch Piepenburg forderte aber vor allem Bürokratieabbau und mehr Studienplätze. Beide Verbände hoffen auf einen Neuanfang durch die Große Koalition in Berlin.