Wiesloch/Rhein-Neckar: Stefan Dallinger war nicht zu bezwingen
Von Stefan Hagen
Wiesloch/Rhein-Neckar. Bei der gestrigen Landratswahl im Kongresshotel Palatin in Wiesloch gab es eine ganz besondere Premiere: Berta Weisbrod, 85-jährige Mutter des Herausforderers Wilfried Weisbrod, wohnte erstmals in ihrem Leben einer politischen Sitzung bei. Und sie brauchte ihr Kommen nicht zu bereuen. Bei der Verkündigung des Ergebnisses huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. 17 Stimmen für den Filius, das konnte sich nach den Voraussagen im Vorfeld der Wahl wahrlich sehen lassen. Freilich reichte dieses Ergebnis nicht zum Sieg, doch das war in diesem Augenblick völlig egal. Der Grüne hat definitiv einen Achtungserfolg eingefahren.
Ein paar Meter weiter wurde allerdings richtig gefeiert. Amtsinhaber Stefan Dallinger hatte Punkt 15.26 Uhr die Arme im Kreise seiner Familie in die Höhe gerissen - 80 Stimmen, das reicht dicke, stand in seinem Gesicht geschrieben. Sekunden später gab es dann Standing Ovations für den Christdemokraten, der am 1. Mai in seine zweite Amtsperiode gehen kann.
Die Kreistagssitzung, in deren Rahmen die Landratswahl stattfand, hatte mit Verspätung begonnen. Grund war der enorme Andrang, mit dem man offensichtlich nicht gerechnet hatte. Neben interessierten Bürgern hatten natürlich auch zahlreiche Ehrengäste den Weg nach Wiesloch gefunden. Genannt seien an dieser Stelle stellvertretend für die komplette Liste Regierungspräsidentin Nicolette Kressl, der Landrat des Neckar-Odenwald-Kreises, Achim Brötel, und Altlandrat Jürgen Schütz.
15 Minuten: So lange hatte die beiden Kandidaten Zeit, die Kreisräte - quasi auf den letzten Drücker - von sich zu überzeugen. Spannung herrschte letztendlich dennoch nicht - hatten doch die Fraktionen von CDU, SPD, Freie Wähler und FDP bereits im Vorfeld gegenüber der RNZ betont, Dallinger wählen zu wollen.
Eine Tatsache, die Wilfried Weisbrod bitter aufstieß. Er hätte sich eine interessantere, spannendere Wahl gewünscht. Aber leider hätten die meisten Fraktionen schon mitgeteilt, wie und wen sie wählen, kritisierte er deren Weg an die Öffentlichkeit. Die Flinte wolle er dennoch nicht ins Korn werfen. "Man muss das Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu erreichen", halte er es lieber mit Hermann Hesse.
Anschließend machte der Grüne deutlich, wo er als Landrat Prioritäten setzen würde: Beispielsweise wolle er dem Klimaschutz eine Vorrangstellung einräumen. In diesem Zusammenhang müsse man die Mobilität für alle Bürger sichern und umweltverträglich gestalten. Außerdem müsse die Sozialpolitik intensiver betrieben werden, betonte er. Es gelte, die soziale Spaltung der Gesellschaft in den Griff zu bekommen. Weiter stehe auf seiner Agenda die Stärkung und Würdigung des freiwilligen Engagements, der Schutz für Frauen und Kinder mit Gewalterfahrung, sowie eine gute medizinische Versorgung.
Stefan Dallinger präsentierte sich in seiner Rede als "Manager und Repräsentant des Konzerns Rhein-Neckar-Kreis". Der Kreis solle auch weiterhin als zukunftsfähiger, attraktiver Lebens- und Wirtschaftsraum wahrgenommen werden, der auch seiner sozialen und ökologischen Verantwortung voll gerecht werde. Man habe in den vergangenen acht Jahren viel erreicht.
Als Beispiele nannte der Amtsinhaber die Initiative zum Bau eines Glasfasernetzes, die Initiative zum Klimaschutz gemeinsam mit Städten und Gemeinden der Metropolregion sowie die Einführung der gebührenfreien Bioenergietonne. Als "Megathemen" der Zukunft nannte er Mobilität und Digitalisierung, die den Kreis genauso beschäftigen würden, wie die bleibenden Herausforderungen, etwa im sozialen Bereich. Mit dem Ergebnis von 80:17 Stimmen - von den wahlberechtigten 104 Kreisräten waren 98 zur Wahl anwesend, eine Stimme war ungültig - konnten schließlich sowohl Stefan Dallinger als auch Wilfried Weisbrod gut leben. Der Grüne, weil er mehr Stimmen auf sich vereinte, als man ihm zugetraut hatte, der Amtsinhaber, weil er sich nun auch offiziell auf seine zweite Amtszeit freuen kann.
Mit dieser doch breiten Mehrheit sei er sehr zufrieden, sagte Dallinger gegenüber der RNZ. Wilfried Weisbrod bekannte, dass er ebenfalls zufrieden, aber auch froh sei, "dass es nun vorbei ist". Die vergangenen Wochen seien "doch sehr nervenaufreibend" gewesen. Ein Kompliment bekam der Grüne abschließend noch von Georg Kletti, dem Bürgermeister von Sandhausen: Der Christdemokrat gratulierte Weisbrod zu seinem Mut und seiner Fairness.