Terrier in Sandhausen angefallen: Tierarzt spricht von "Mythos Kampfhund"
Von Nicolas Lewe
Sandhausen. Es ist eine Horrorvorstellung für jeden Hundeliebhaber: Man ist mit seinem Vierbeiner im Feld unterwegs und plötzlich kommen zwei andere Hunde angerannt und attackieren das eigene Tier so heftig, dass es mit schweren Bissverletzungen an Hals und Bauch in eine Klinik eingeliefert werden muss.
Für eine Hundebesitzerin aus Sandhausen wurde dieses Schreckensszenario Realität. Wie berichtet wurde ihr Terrier "Enzo" am Samstagmorgen von zwei Artgenossen angefallen. Die Polizei geht davon aus, dass es sich um einen Dogo Argentino und einen Staffordshire-Mix handelt. Beide werden in Baden-Württemberg als Kampfhunde geführt - oder besser gesagt: als Listenhunde der Kategorie 2.
"Das Problem ist am oberen Ende der Leine", meint hierzu Manfred Weichert. Der Tierarzt, der eine eigene Praxis in Sandhausen führt, spricht gegenüber der RNZ vom "Mythos Kampfhund" und geht sogar so weit zu sagen: "Bullterrier sind eine der freundlichsten Hunderassen überhaupt." Sie seien ganz prima für Kinder geeignet, was allerdings in der Öffentlichkeit oft vollkommen gegenteilig dargestellt werde.
Zu dem Vorfall am Samstag in Sandhausen sagt der 57-Jährige: "Ich kann nur vermuten, dass die Hunde scharf gemacht wurden." Er erlebe es immer wieder, dass Listenhunde illegal gehalten werden. Davon abgesehen, könne er aber nicht nachvollziehen, warum in ähnlich gelagerten Fällen nicht ebenso ein Aufschrei erfolge wie nun bei "Enzo". Weichert kritisiert: "Der Mythos Kampfhund wird geschürt."
Durch seine Arbeit als Tierarzt wisse er: "Dass Hunde sich beißen, kommt tagtäglich vor". Auch schwerere Verletzungen bis hin zu Todesfällen gäbe es dabei häufiger, als es von der Öffentlichkeit wahrgenommen werde. Weichert nennt Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit.
Kürzlich habe er etwa einen Labrador und einen Langhaar-Mischling behandelt, die aneinandergeraten waren. "Beide wurden verletzt, aber beide sind keine Listenhunde". In Letzterem sieht Weichert den Grund, warum darüber nicht berichtet wurde.
Noch extremere Beispiele aus seiner Praxisarbeit der letzten Monate seien Windhunde, die einen Yorkshire-Terrier lebensgefährlich verletzt hätten, sowie eine Katze, die im Frühjahr dieses Jahres durch einen Jagdhund-Mischling getötet wurde. In beiden Fällen gelte jedoch: Die jeweils angreifenden Hunde zählen in Baden-Württemberg nicht zu den Listenhunden ...
Doch zurück zum Vorfall von Samstag: "Enzos" schockierte Besitzerin, deren Liebling ihren Angaben zufolge nach der Operation gute Fortschritte macht, erstatte Anzeige und bittet über das soziale Netzwerk Facebook um Hilfe bei der Suche nach dem Halter der beiden angreifenden Hunde. Sie schreibt: "Das zugehörige Herrchen stand hinter einem Maisfeld und telefonierte, während seine Hunde auf uns zu stürmten."
Der Mann, den sie als etwa 40-jährig mit rasierten Haaren und womöglich nicht deutscher Abstammung charakterisiert, sei ihr nicht unbekannt. "Er ist oft mit dem Fahrrad unterwegs, beide Hunde an der Leine - bloß heute nicht." Nach dem Vorfall ließ er den verletzten "Enzo" und seine Besitzerin zurück und entfernte sich mit seinen beiden Hunden vom Ort des Geschehens.
In den sozialen Medien schlägt der Angriff auf "Enzo" hohe Wellen. Der Hilferuf auf Facebook wurde bis Mittwochnachmittag über 1500 Mal geteilt, in den Kommentaren wird sowohl das Mitgefühl für den verletzten Vierbeiner zum Ausdruck gebracht, als auch das Unverständnis über das Verhalten des Halters der beiden angreifenden Hunde.
"Oh Gott wie schrecklich, zumal das auch einem Kind hätte passieren können", schreibt eine Nutzerin, während eine andere die angeblich bösen Kampfhunde in Schutz nimmt: "Kein Hund dieser Welt wird böse geboren, die Menschen bringen die Hunde dazu."
In genau dieselbe Kerbe schlägt auch die Tierrechtsorganisation Peta, die gestern eine Pressemitteilung zu dem Vorfall veröffentlichte. Darin ist von "verantwortungsloser Hundehaltung" die Rede. Viele Halter könnten ihre Tiere nicht richtig einschätzen. Die beiden Listenhunde unangeleint herumlaufen zu lassen, habe den Terrier fast das Leben gekostet.
"Das Verhalten des Hundehalters war absolut fahrlässig und verantwortungslos", betont Jana Hoger, Fachreferentin für tierische Mitbewohner bei Peta. Ihre Organisation fordert einen Hundeführerschein, der vorsieht, dass Halter bereits vor der Aufnahme eines Hundes eines Theoriekurs absolvieren. Hierbei erwerben sie das notwendige Fachwissen über eine tiergerechte Haltung und Aspekte wie Kommunikation und Bedürfnisse der Vierbeiner.