Tobi und Gabi beim Epic Israel 2019 – 1. Etappe: Einmal in den Himmel und wieder zurück
Die erste Etappe des Epic Israel war speziell für uns. Genau genommen extrem speziell. Wir waren körperlich zeitweise total am Limit, kämpften mit Strecke, Hitze und Defekten – und erreichten am Ende des Tages total entkräftet das Ziel nach äußerst harten 95 Kilometern. Unseren Rennbericht gibt es hier!
Wir klopften mehrmals bei Petrus an
Es ist 16 Uhr Ortszeit in Israel: Vor mehr als vier Stunden fuhren wir über den Zielstrich des ersten Teilstücks des Epic Israel. Nun steht für uns Etappe zwei des Tages an: Blog schreiben. Zu einem früheren Zeitpunkt haben wir es heute schlichtweg nicht geschafft unsere Erlebnisse in die Tasten zu hauen. Doch zugegebenermaßen, derart am Ende war ich noch nie beim Tippen eines Artikels von einem Etappenrennen – und wir haben das ja schon ab und zu in der Vergangenheit betrieben. Was war passiert heute Vormittag, dass wir hier rumhängen, wie angenockte Boxer, die gerade einen Schwergewichtkampf verloren haben?
Beginnen wir am Anfang: Da der Start auf sieben Uhr Ortszeit terminiert war, mussten wir schon um Fünf aus dem Bett klettern. Schon der erste Teil des Tages fiel uns alles andere als einfach. Das Aufstehen war zwar noch machbar für uns, doch der Kreislauf wollte noch nicht so richtig in Schwung kommen. Die Vorstellung, dass für uns heute über vier Stunden Rennen fahren auf dem Plan stand, war uns nicht wirklich präsent. Nichtdestotrotz standen wir pünktlich und auch motiviert am Start – es konnte losgehen!
Die ersten Kilometer führte das Feld auf öffentlichen Straßen etwas ins Hinterland. Die chaotische Startphase war selbstverständlich neutralisiert, doch eine derartige Neutralisation war auch für uns neu: Im Peloton fetzten wir mit zeitweise 50 km/h über die Hauptstraßen rund um das Eventgelände nördlich von Akko. Eine Neutralisation wie wir sie kennen, war das also nur bedingt. Es ging allerdings alles glimpflich aus und so bogen wir rasch in den ersten Schotterweg ein. Dabei erlebten wir die Besonderheit des Rennens in Israel in vollem Ausmaß: Der Vordermann war aufgrund des Staubes praktisch nicht mehr wahrzunehmen und nach wenigen hundert Metern auf diesem Weg strich ich mit meiner Zunge über meine Zähne – es fühlte sich an als klebten mehrere Millimeter einer ekelhaft schmeckenden Pampe auf meinem Gebiss. Weitere Geschmacksdetails werden euch an dieser Stelle erspart!
Der Kurs führte uns dann recht schnell auf einen Trail, der äußerst wellig daherkam und praktisch komplett übersäht war mit großen losen Steinbrocken. Immer wieder mussten wir kurz vom Bike und schieben, da ein Fahren einfach nicht mehr möglich war. Es kam mir vor als hätte man uns einfach mitten in ein Geröllfeld in den Alpen ausgesetzt mit der Aufgabe „Fahr mit deinem Bike soweit du kommst!“
Das Ganze durchkreuze schon mal unsere Pläne. Das Höhenprofil der Etappe gab an, dass die ersten 20 km mehr oder weniger flach wären. Gut, die ganzen steilen, kurzen Rampen konnte man nicht erkennen. Wir stellten uns zuvor allerdings auf eine recht entspannte Startphase ein, ehe bei Kilometer 25 ein 600 Höhenmeter langer Berg beginnen sollte. Da etliche Teams auf diesen ersten Kilometern aber derart aufs Gas drückten und der Boden einfach nur kräftezehrend war, war mein Akku am Fuße des langen Berges praktisch leer – super Voraussetzungen für die folgenden 70 km.
Ich wollte mich zunächst in den Anstieg hinein retten, in der Hoffnung, dass mit einer humanen Steigung, so wie es das Höhenprofil vorgab, ich in meinen Rhythmus komme und die Etappe vernünftig zu Ende bringe. Es war etwas dubios, da wir zu diesem Zeitpunkt in einer Gruppe, bestehend aus fünf Teams, unterwegs waren, die ein enormes Tempo anschlug. Ich kämpfte ständig um den Anschluss, war, wie erwähnt, körperlich eigentlich schon durch. Doch plötzlich bekamen die anderen Teams alle Probleme, keiner konnte mehr Tempo machen, alle waren mausegrau. Ich stellte mir kurz die Frage: „Warum dann so schnell die letzten 15 Kilometer?“ Ich war jedenfalls platt – also danke für Nichts!
Ich schaffte es trotzdem etwas in meinen Rhythmus zu kommen und wir fuhren eine gute Pace. Natürlich, aus dem humanen langen Anstieg wurde ein weiteres Geröllfeld mit der einen oder anderen Schiebepassage. So weit so gut, ich war wieder halbwegs zurück im Rennen. Doch es wäre zu schön gewesen, wenn alles weitere nach Plan gelaufen wäre: Ich bekam Magenkrämpfe. Ich bin mir nicht sicher warum. War es die Hitze? War es der Staub? Eine Mischung aus allem? Oder doch was Falsches gegessen? Ich kämpfte auf alle Fälle gehörig mit mir selbst.
Ich bekam die glorreiche Idee, für einige Zeit nichts zu Trinken und nichts zu Essen, da jegliche Art von Flüssigem und Festem meinen Magen Achterbahn fahren ließ. Und jetzt interessiert euch sicher brennend das Ergebnis dieses Einfalls: Der Plan ging zu 50 % auf! Tatsächlich rehabilitierte sich mein Magen, aber bei 35 Grad eine halbe Stunde ohne Trinken – naja, wie soll ich sagen: Perfekt war das natürlich nicht. Der Magen war ok, doch ich ging etwas am Krückstock, weil mir das Wasser fehlte. Also wieder Risiko eingehen und Trinken im Unverstand und siehe da, der Magen hat gehalten.
Und so hatten wir beide auf dem welligen Terrain ganz im Norden Israels, nahe der Grenze zum Libanon, richtig Spaß auf den Wegen. Wir sammelten wieder das eine oder andere Team ein und begaben uns voller Elan auf die verbleibenden 40 km.
Der Kurs war allerdings weiterhin alles andere als einfach. 100 Höhenmeter wurden kurzerhand über eine Treppe vernichtet, bei der alle Stufen nahezu am Stück aneinander gereiht waren. Die Beine brennten, die Oberschenkel brannten, der Oberkörper war matsch vom Bike tragen. Doch es lief für uns ganz gut! Wir waren zurück im Rennen und lagen auch wieder platzierungstechnisch ganz ordentlich im Rennen.
Auf den letzten 20 km kamen selbstverständlich nochmals zwei harte Rampen in einem Geröllfeld – wie konnte es anders sein. Und dann passierte es doch, was etlichen Fahrern vor uns heute auch passiert war: Gabi fing sich einen Hinterradplatten ein. Plug rein, CO2-Kartsche hinterher, der Reifen blieb nicht dicht – super! Eine zweite Patrone hinterher, doch so richtig dicht wollte der Mantel trotzdem nicht werden. Immerhin 0,5 Bar waren drin. Also riskierten wir es und nahmen mit diesem Handicap die letzten, topfebenen 15 km in Angriff. Klar, während unserer Reparatur zog eine Gruppe nochmals an uns vorbei, doch auf dem Weg ins Ziel verloren wir keinen Platz mehr.
Nichtdestotrotz waren wir beide körperlich am Ende – komplett am Ende! Die Beine drehten sich zwar, doch der Oberkörper, die Hände und Arme waren von dem ruppigen Terrain gezeichnet. Wir kämpften uns irgendwie ins Ziel, klopften auf dem Weg dorthin aber mehrmals bei Petrus an das Himmelstor. Wir waren platt!
Schlussendlich finishten wir nach 4:48 Stunden auf Platz 32 overall und lagen, wie übrigens fast alle Finisher, nur noch in der Wiese – diese Etappe hatte es wirklich derart in sich! Beim Sitzen tat der ganze Körper weh, beim Liegen tat der ganze Körper weh – ich denke es war ein gelungener Tag!
Zugegebenermaßen, wenn ihr bis hierhin gelesen habt, dann klingt das wenig nach Spaß. Es war heute unglaublich hart, keine Frage! Wir wurden aber mit einer tollen Landschaft konfrontiert, die wirklich Spaß auf mehr macht! Zudem gab es bergab auch klasse Trails zu befahren, auch wenn diese keineswegs mit denen in unserer Heimat zu vergleichen sind. Und: Ich war selten zuvor so happy eine Etappe, die extrem anstrengend war und bei der nicht alles optimal lief zu finishen – und das ist ein geiles Gefühl, weshalb wir auch wieder Bock auf morgen haben! Dort geht es etwas in den Süden und es warten sicher keine einfachen 92,5 km und 1410 Höhenmeter auf uns!
Was an der Spitze des Feldes passierte…
Tag zwei und zweiter Sieg für das deutsche Spitzenduo Max Brandl und Georg Egger: Die Lexware-Piloten sicherten sich in einem knappen Finish den Sieg vor Karl Markt und Gregor Raggl. Auf Platz drei fuhren Keegan Swenson und Russell Finsterwald über die Ziellinie. In der Gesamtwertung konnte das deutsche Duo somit die Gesamtführung ausbauen. Bei den Damen ging der Sieg heute an Sofia Gomez Villafane und Rose Grant, die auf dem letzten 15 km-langen Flachstück die einbrechenden Haley Smith und Catharine Pendrel noch abfangen konnten. Dritte wurden Janika Loiv und Greete Steinburg aus Estland.