"Die Apothekerin": Wenn der Schädel brummt: Was bei Kopfschmerzen und Migräne am besten hilft
Zwei Drittel aller Deutschen haben mindestens einmal im Jahr Kopfschmerzen, besonders heftig sind sie bei Migräne. Dabei gibt es auch dagegen wirksame Medikamente. Man muss sie nur kennen.
Ich habe eine Kindheitserinnerung, meine Mutter kommt darin vor. Wir sind in den Ferien, auf einem prachtvollen Gutshof in Schleswig-Holstein, da dreht sie sich plötzlich zur Seite und kotzt in die Büsche, ohne jede Vorwarnung, jedenfalls für mich. Mama hat Migräne, hieß es damals, und dass es davon in meiner Familie reichlich gäbe. Ziemlich früh wurde ich also Zeugin, wie elend es einem damit gehen kann. Migräniker wollen nur noch im Dunkeln liegen, ein Coolpack auf der Stirn, darauf wartend, dass es endlich vorbei ist. Migräne ist ein Gruß aus der Hölle. Und glücklich dürfen sich all jene schätzen, die fast nie Kopfschmerzen kriegen. So auch ich.
Und wenn doch, dann ist es bei mir eher ein "dummer Kopf", ein diffuses Unbehagen im Schädel nach zu wenig Schlaf, vielleicht auch ein Katergefühl nach zu viel Wein. Oder ein sogenannter Spannungskopfschmerz, im Übrigen die häufigste Kopfschmerzart. Rund zwei Drittel der Bevölkerung haben im Lauf eines Jahres damit zu tun, sagen Studien, und das kommt mir noch wenig vor. Spannungskopfschmerzen sind laut Deutscher Gesellschaft für Neurologie (DGN) normalerweise mild bis mittelschwer und dumpf-drückend im gesamten Kopf. In der Leitlinie der DGN ist die Rede vom zu engen Hut, als der sie manchmal empfunden würden.
Der Vergleich ist treffend, finde ich. Im Gegensatz zu Migräne wird ein Spannungskopfschmerz nämlich nicht schlimmer, wenn man sich bewegt, man muss sich auch nicht übergeben. Eine Spannungskopfschmerzepisode kann einige Minuten dauern, manchmal einige Tage. Und auch wenn man bis heute nicht genau weiß, wie Spannungskopfschmerz entsteht, hat man einige Auslöser und verstärkende Faktoren erkannt: Stress, fieberhafte Infekte, auch muskuläre Fehlbelastungen, die zu Verspannungen führen können.
Leichte Kopfschmerzen: Oft hilft schon ein Wasser
Was ich nehme, wenn mein Kopf sich meldet? Erstmal gar nichts. Ich trinke ein großes Glas Wasser, denn oft genug entstehen Kopfschmerzen einfach durch Dehydrierung. Im nächsten Schritt würde ich etwas Gutes essen, idealerweise eine warme Mahlzeit, wahlweise etwas Süßes – wer unterzuckert ist, hat auch oft einen "dummen Kopf". Und danach gehe ich zehn Minuten an die frische Luft. Hilft das alles nicht oder ist dem Betroffenen gerade unmöglich, kann auch Pfefferminzöl aufgetragen werden. Einzelne Studien zeigen, dass es, großflächig verrieben auf Schläfen und Nacken, einen Effekt zeitigt.
Meistens nehme ich aber einfach Ibuprofen, auch weil ich das stets mit mir führe, ein Öl aber nicht immer zur Hand habe. Ich schlucke 400 Milligramm – die Niedrigdosierung von 200 Milligramm würde ich nur denen empfehlen, die kleiner als 1,50 Meter sind und nicht mehr als 45 Kilo wiegen. Andere rezeptfreie Mittel, die sich in Studien als wirksam bei Spannungskopfschmerzen erwiesen haben: Acetylsalicylsäure (ASS) und Paracetamol, jeweils in Dosen von 500 bis 1000 Milligramm, außerdem Naproxen (500 Mg) und die Kombination von 250 Milligramm Acetylsalicylsäure, 250 Milligramm Paracetamol und 65 Milligramm Koffein, verpresst in einer Tablette.
Solche Kombipräparate sind allerdings nicht unumstritten. Das Koffein darin verführe zum übermäßigen Gebrauch, monieren Kritiker. Und sollten Nebenwirkungen auftreten, wisse man nicht, auf welchen der Inhaltsstoffe sie zurückgehen. Andererseits wollen manche Kunden nichts anderes als genau solche "fixen Kombinationen", weil sie ihnen so gut helfen.
Erstmal rezeptfrei, nur im Notfall den Joker spielen
All diese Mittel sind auch bei Migräne sinnvoll, am besten belegt ist die Wirkung für ASS und Ibuprofen. Offiziellen Empfehlungen zufolge soll man "leichte bis mittelstarke Migräneattacken" erstmal mit solchen rezeptfreien Schmerzmitteln behandeln, in einer schnellwirksamen Darreichungsform, also zum Beispiel mit einer Brausetablette oder, wenn einem richtig übel ist, gerne auch als Zäpfchen. Und im Wissen, bei Migräne ein zusätzliches Ass im Ärmel zu haben, einen Joker: die Triptane. Das sind Mittel, die ausschließlich bei Migräne wirken.
Ich kann es immer wieder nicht fassen, wie viele Migräne-Betroffene noch nie von der Substanzklasse gehört haben. Dabei gibt es Triptane schon über 20 Jahre. Aber viele Apotheker zögern, sie von sich aus anzusprechen. Sie dürfen sie nämlich nur abgeben, wenn zuvor ein Arzt die offizielle Diagnose "Migräne" gestellt hat.
Noch nie von Triptane gehört?
Triptane ähneln dem körpereigenen Botenstoff Serotonin und docken an bestimmte Serotonin-Rezeptoren an. Dadurch ziehen sie die bei Migräne erweiterten Blutgefäße im Gehirn zusammen, der Schmerz lässt nach. Solche Rezeptoren gibt es aber auch außerhalb des Schädels, und Triptane könnten grundsätzlich auch dort Blutgefäße zusammenziehen – ein Nebenwirkung, deretwegen sie nicht für Patienten mit koronarer Herzkrankheit und anderen Gefäßkrankheiten taugen. Auch wer Diabetes hat oder viel raucht, sollte verzichten. Triptane wirken am besten, wenn man sie nimmt, sobald der Kopfschmerz zu spüren ist. Vorher bringen sie nichts. Wer seine Migräne durch Seh-, Riech- oder andere Störungen aufziehen spürt, ist zwar gewarnt, sollte aber trotzdem noch warten.
Seit 2006 ist Naratriptan rezeptfrei zu haben (zumindest in Packungen mit zwei Tabletten, mehr darf man auch nicht nehmen innerhalb von 24 Stunden), Almotriptan und Sumatriptan folgten, und als nächstes kommt Rizatriptan. Wenn einer der Wirkstoffe bei Ihnen nicht funktioniert, lohnt es sich, den nächstbesten zu testen. Die Chance, dass das zweite Triptan greift, liegt Studien zufolge bei etwa 50 Prozent.
Die entscheidende Frage: Ist es wirklich eine Migräne?
Sie sind unsicher, ob Ihnen wirklich eine Migräne oder doch nur ganz gewöhnliche Kopfschmerzen den Tag versauen? Das sollten Sie ärztlich klären lassen. Neurologen sind die richtigen Fachärzte, aber wenn Sie dort wider Erwarten auflaufen, gibt es in der nächstgelegenen Universitätsklinik mit einiger Wahrscheinlichkeit eine Migräne- bzw. Kopfschmerzambulanz. Das ist schon deswegen ein guter Tipp, weil es inzwischen einige effektive (und rezeptpflichtige) Methoden gibt, Migräneanfällen vorzubeugen.
Ausdauersport und ausreichend Pausen helfen, ein Kopfschmerztagebuch wiederum lohnt sich, um Trigger nachzuvollziehen. Immerhin muss bei Kopfschmerzen auch die pharmazeutische Besonderheit bedacht werden, dass sowohl Triptane als auch andere Schmerzmittel einen "medikamenteninduzierten Kopfschmerz" hervorrufen können für den Fall, dass man sie zu häufig braucht (kein Witz, leider, sondern weit verbreitet).
Die Theorie dahinter: Wer regelmäßig Schmerzmittel nimmt, empfindet irgendwann auch Reize, die normalerweise unter der Schmerzschwelle liegen, als schmerzhaft. Man nimmt noch mehr Schmerzmittel und ein Teufelskreis entsteht, der in einen Dauerkopfschmerz münden kann. Zehn Tage im Monat oder drei Tage hintereinander, das ist die Obergrenze bei Triptanen und den fixen Kombinationen, bei Schmerzmitteln mit nur einem Wirkstoff sind es 15 Tage im Monat.
Die meisten Kopfschmerzen haben Frauen übrigens in der Mitte des Lebens. Bevor die Östrogenproduktion im Eierstock versiegt, schwanken die Östrogenspiegel nämlich enorm. Über viele Jahre hinweg hat man mal irre viel Östrogen, dann wieder keines. Und das ist genau das, was ein Migräne-Gehirn so gar nicht brauchen kann. Migräne wird damit auch ein Thema für die Frauenarztpraxis. Anfälle, die ausgelöst werden durch ein plötzliches Absinken von Östrogen, kann man mit gewissen Hormonpräparaten gut runter regulieren. Wenn es dann vorbei ist mit den Hormonschwankungen, wird es für viele Frauen viel besser. Leider nicht für alle. Aber meine Mutter, Sie erinnern sich, ist inzwischen Mitte 80 – und hat schon sehr lange nicht mehr über Kopfschmerzen geklagt.
In dieser Folge des Podcasts "Meno an mich" von der Zeitschrift BRIGITTE spreche ich mit der Gynäkologin Dr. Anneliese Schwenkhagen von der Deutschen Menopause Gesellschaft über Migräne in den Wechseljahren.
Folgen Sie mir auf Instagram: @apothekerin_ihres_vertrauens
Hinweis: Die Kolumne kann weder eine individuelle Beratung in der Apotheke ersetzen noch den Beipackzettel oder die ärztliche Diagnose und Behandlung.