Die US-Regierung hat der Droge Fentanyl offiziell den Kampf angesagt. Doch wer mit Angehörigen von Opfern spricht, erhält den Eindruck: Die Reden und das Handeln passen nicht immer zusammen. David Schafbuch berichtet aus Islip und New York Rund 200 Steine sind es dieses Mal. Carole Trottere hat sie am Strand in der Nähe ihres Hauses gesammelt. Zusammen mit anderen hat sie die Steine lila angemalt, jeden einzelnen mit einem Namen und einem Foto versehen. Jeder Stein ein toter Mensch. Gestorben an einer Überdosis des Schmerzmittels Fentanyl. Trottere, 70 Jahre alt, lange graue Haare, beige Jacke, helle Jeans, steht an diesem Tag im Mai in einem Park in Islip, einer Stadt auf Long Island , rund eineinhalb Autostunden östlich von New York City. Ein Dutzend Frauen und Männer gedenkt dort der Opfer der amerikanischen Fentanyl- und Opioidkrise. Sie tun das regelmäßig, zuletzt Ende 2025. Immer dann, wenn ihnen Angehörige oder Freunde Fotos und Namen von 50 bis 100 weiteren Toten geschickt haben. Fentanyl wird in der Medizin als Schmerz- und Narkosemittel eingesetzt. Es wirkt nicht nur 100-mal stärker als Morphin, sondern macht auch 50-mal abhängiger als Heroin – und kann schon in kleinsten Mengen tödlich sein. Die Rede ist von zwei Milligramm, dem Gewicht von wenigen Salzkörnern. In Deutschland ist die Droge eine Randerscheinung. Doch in den USA ist sie ein tödliches Massenphänomen: Zehntausende sterben jedes Jahr durch Fentanyl. 2024 waren es laut der Gesundheitsbehörde CDC fast zwei Drittel aller Drogentoten in den USA: mehr als 34.700 Menschen. Ein Jahr zuvor sogar 56.000, mehr als die Hälfte der durchschnittlich 100.000 Drogentoten in den USA. In keinem anderen Land der Welt sterben so viele Menschen an einer Überdosis. "Wirklich gedacht, dass es ihm gut geht" Präsident Donald Trump betont regelmäßig, wie wichtig ihm der Kampf gegen die Drogenkrise sei. Es war eines seiner zentralen Wahlversprechen. Inzwischen erklärte Trump Fentanyl gar zur Massenvernichtungswaffe und mehrere Drogenkartelle zu Terrororganisationen. Unter ihm rief die Antidrogenbehörde DEA eine Kampagne zum "fentanylfreien Amerika" aus. Doch wie ernsthaft führt seine Regierung den Kampf gegen die amerikanische Drogenkrise tatsächlich? Fragt man Menschen wie Trottere, ist die Antwort eindeutig: nicht ernsthaft genug. Sie glaubt, dass Trump diesen Kampf vor allem für politische Zwecke instrumentalisiert. Etwa um ihn als Ausrede für seine Zollpolitik gegen China zu nutzen oder um seine Militäraktion gegen Venezuela zu rechtfertigen, obwohl dort nachweislich kaum Fentanyl hergestellt wird. Doch auch frühere Regierungen hätten im Kampf gegen die Droge versagt. Zehn Jahre lang sei gegen die Opioidkrise fast gar nichts passiert. Trottere etwa forderte Ex-Präsident Joe Biden in Briefen zum Handeln auf. Eine Antwort bekam sie nie. Was die Droge mit Menschen anrichtet, erlebte sie bei ihrem Sohn Alex. Er hatte schon immer mit vielen Problemen zu kämpfen gehabt, erzählt Trottere. Schon in seiner Jugend entwickelte Alex Angstzustände und Depressionen. Später kamen Drogen wie Heroin dazu. Trottere schöpfte Hoffnung, als Alex ein Entzug gelungen war. Der damals 30-Jährige lebte bei ihr, schmiedete Pläne, wollte im Bundesstaat Illinois eine neue Arbeitsstelle als Schweißer antreten. "Ich habe wirklich gedacht, dass es ihm gut geht", sagt Trottere auf der Wiese in Islip. Doch dann erlitt Alex einen Rückfall. Am 8. April 2018 wurde er tot in der Wohnung eines Freundes gefunden. Woher das Fentanyl kam, das er sich spritzte und das ihn tötete, weiß Trottere bis heute nicht. Die Ermittlungen der Polizei brachten keine Ergebnisse. Vier Jahre Trauer Der Tod von Alex veränderte alles in ihrem Leben. Sie zog sich zurück, trauerte vier Jahre lang für sich allein. Die Geschichten anderer, die Ähnliches erlebt hatten, wollte sie nicht hören. "Die interessierten mich nicht." Doch irgendwann wurde die Frage, welche Rolle die Droge bei Alex' Tod gespielt hatte, immer drängender. Trottere besuchte eine Veranstaltung für Hinterbliebene von Drogenopfern der Antidrogenbehörde DEA. Und man ermutigte sie, mit Alex' Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen, um auf die Gefahren von Fentanyl aufmerksam zu machen. Damit kannte sich Trottere aus: "Ich weiß, wie man Aufmerksamkeit erzeugt". Sie hat jahrelang als Pressesprecherin für Politiker oder Behörden gearbeitet. Sie rief das "Purple Rocks Project" (das Lila-Steine-Projekt) ins Leben. "Hilft, anderen Trost zu spenden" Trottere wollte den Drogentoten der Statistiken ein Gesicht geben. Und den Hinterbliebenen einen Ort zum Trauern. So kam ihr die Idee, Steine lila anzumalen, mit Namen und Fotos der Toten zu versehen. Die Farbe Lila ist in den USA schon seit Jahrzehnten Symbolfarbe für Suchtprävention. Im Park von Islip, unter der Kiefer, trägt ein Stein auch Alex' Namen und Bild. "Wer sein Kind verliert, kann damit niemals seinen Frieden machen", sagt sie. In ihren Augen glänzen Tränen, ihre Stimme ist brüchig. Sie schweigt einige Sekunden, sagt dann: "Es hilft, anderen Trost zu spenden." Inzwischen bitten sie Menschen aus dem ganzen Land darum, einen lila Stein für einen Verstorbenen unter den Baum zu legen. Versehentlich ein Pflaster berührt Die Gedenkveranstaltung wird an diesem Tag live ins Internet gestreamt. Reihum greifen sich die Anwesenden einen Stein, halten ihn in die Kamera und sagen den Namen des Verstorbenen. Anschließend legen sie ihn unter den Baum. Manche der Opfer an diesem Tag sind mit dem Schmerzmittel nur versehentlich in Berührung gekommen, so wie ein Junge, der gerade einmal zehn Jahre alt war. Trottere berichtet von Kindern, die unwissentlich verschreibungspflichtige Fentanylpflaster angefasst haben und daran starben. Andere haben jahrelang vor ihrem Tod Drogen konsumiert. Dass die Drogenkrise in den USA überhaupt so groß werden konnte, liegt auch am Gesundheitssystem und den Pharmakonzernen. Schon in den Neunzigerjahren verschrieben Ärzte massenhaft starke Schmerzmittel, die den Wirkstoff Oxycodon enthielten. Weil es hieß, sie seien auch für eine langfristige Anwendung geeignet. Bis heute werden dadurch viele Menschen abhängig von den starken Schmerzmitteln. Aus Kostengründen greifen sie dann irgendwann zu Heroin und finden den Tod, weil der Droge eben auch Fentanyl beigemischt wird. Doch diese Menschen werden auch unter einer Regierung Trump alleingelassen. Das US-Gesundheitsministerium hat in diesem Jahr sogar die Mittel für Suchtprävention gekürzt. Dazu gehören auch Gelder für Fentanylstreifen. Mit ihnen lässt sich feststellen, ob das Schmerzmittel in Drogen oder Medikamenten enthalten ist. In einem Schreiben der zuständigen Behörde SAMHSA heißt es dazu im April, dass die Regierung nicht länger Mittel zur Verfügung stelle, "die den illegalen Drogenkonsum begünstigen". Längst hat sich die Opioidkrise in den USA verselbstständigt. Nirgendwo wird das so deutlich wie in Frank Tarentinos Büro. Es liegt im 12. Stock eines schmucklosen Hochhauses im Süden Manhattans. Von außen verrät kein Schild, keine Beschriftung, dass von hier aus der Kampf gegen den Drogenhandel für gleich mehrere US-Bundesstaaten organisiert wird. Tarentino, dunkler Anzug, blaue Krawatte, hellbraune Schuhe, ist einer der stellvertretenden Einsatzleiter der Antidrogenbehörde DEA und für den Kampf gegen Drogen im gesamten Nordosten der USA zuständig. Sein Blick fällt jeden Morgen als Erstes auf einen großen Bildschirm rechts neben seinem Schreibtisch. Dort, auf einer digitalen Karte des Großraums New York, sind mehrere Punkte eingezeichnet. Jeder steht für eine Einheit, die gerade für die DEA im Einsatz ist. Tarentinos Beamten verbringen viel Zeit damit, verdeckt Drogen zu kaufen. Dabei gehe es ihnen nicht um Verhaftungen, sondern darum, die großen Strukturen des Handels offenzulegen und an die Hintermänner zu gelangen, erklärt Tarentino. Viele Punkte sind an diesem Morgen nicht auf der Karte zu sehen. "Wir arbeiten nach dem Zeitplan von Drogenhändlern. Und die arbeiten eben nicht am Morgen." Anleitung aus dem Internet Fentanyl ist allerdings ohnehin nahezu überall und zu jeder Zeit verfügbar. Der DEA-Mann nennt den Drogenhandel "die kriminelle Version von Amazon". Die Lieferkette dieser Rundumversorgung läuft laut Tarentino so: Noch vor einigen Jahren kam das Fentanyl direkt aus China. Mittlerweile kommen von dort oder aus Indien in der Regel nur noch die Zutaten für das Schmerzmittel. Diese landen zuerst bei Drogenkartellen in Mexiko und werden nach der Fertigung über die Grenze in die USA gebracht. Die Herstellung ist simpel. Im Internet finden sich Anleitungen dafür, viele der Händler nutzen diese, so Tarentino. Nach pharmazeutischen Standards sind sie eher nicht produziert. Dadurch schwankt dem Drogenfahnder zufolge der Gehalt an Fentanyl von Pille zu Pille. Auch in anderen Drogen wie Heroin oder Kokain findet die Behörde in ihrem eigenen Labor einige Stockwerke tiefer häufig Spuren von Fentanyl. Chris Guglielmo, stellvertretender Leiter des DEA-Labors, erklärt, wer Drogen auf der Straße kauft, müsse nicht nur damit rechnen, dass sie das hochgefährliche Schmerzmittel enthalten, sondern auch, dass sein Anteil tödlich sein kann. Warnung vor Onlinehändlern Er warnt auch vor dem Kauf von Medikamenten in Onlineapotheken oder kleinen, inhabergeführten Läden. Menschen, die sich ihre Medikamente kaum leisten können, würden dort mit billigen Preisen gelockt. Allerdings würden die Medikamente dann häufig statt der eigentlichen Wirkstoffe Fentanyl enthalten. "Wir haben auch schon Tante-Emma-Läden hochgenommen", sagt Guglielmo. Deshalb empfehle er, Medikamente nur bei großen Ketten zu kaufen. Nur dort könne man sicher sein, dass die Mittel auch die korrekten Inhaltsstoffe enthalten. "Sie haben ihre Tentakel überall", sagt Tarentino zu den Machenschaften der Kartelle. Seine Behörde hat deren Aktivitäten in allen 50 US-Bundesstaaten und in 60 Ländern nachgewiesen. Denn der Handel mit Fentanyl ist trotz der hohen Sterblichkeitsrate äußerst lukrativ. Wer ein Kilo reines Fentanyl besitzt und jede Pille für 20 Dollar verkauft, kann damit 10 Millionen Dollar Gewinn machen, "aber auch eine halbe Million Menschen töten", rechnet Tarentino vor. Trumps Kampf gegen Fentanyl begrüßt er daher. Noch nie zuvor habe es eine so gute Zusammenarbeit mit mexikanischen Behörden gegeben, sagt Tarentino. Das sei auch der Verdienst des Präsidenten, der "auf höchster Ebene" für die Interessen seiner Behörde tätig war. "Wirklich großartig" Bei vielen Maßnahmen ist aber unklar, wie sehr sie dem Kampf gegen Drogen dienen. Die US-Regierung hatte in der Vergangenheit Zölle gegen China und andere Staaten mit der Bedrohung durch Drogen begründet. Der Supreme Court hatte das allerdings in diesem Jahr für nichtig erklärt. In Islip genießt der DEA-Beamte bei vielen Trauernden einen guten Ruf. "Frank ist wirklich großartig", sagt etwa Larry Lamendola. Auch er hat ein Kind an Fentanyl verloren, seine Tochter Lisa. Sie litt unter Skoliose, einer Verkrümmung der Wirbelsäule. Eine Operation habe sie abgelehnt, stattdessen zu Schmerzmitteln gegriffen. Diese habe sie irgendwann durch Heroin ersetzt, sagt Lamendola. Seit Lisas Tod versucht auch er, über die Droge aufzuklären. Ein paar Tage später wird Lamendola eine Schule besuchen, zusammen mit einer Kongressabgeordneten und mit Frank Tarentino. Auf andere Vertreter der Bundesregierung ist er dagegen weniger gut zu sprechen. Anders als in Trump sehen die meisten Angehörigen in Islip in den lokalen Behörden inzwischen Verbündete. Trottere etwa sagt: "Die Polizei hat eine große Lernkurve hinter sich." In ihrem Wohnort habe sie die örtlichen Beamten im Umgang mit Naloxon geschult. Das Mittel kann als Nasenspray Fentanylopfer bei einer Überdosis vor dem Ersticken retten. Doch die DEA sieht schon die nächste gefährliche Substanz auf die USA zurollen: Carfentanyl. Ein Mittel, das eigentlich zur Betäubung von großen Tieren wie Elefanten gedacht ist. Zehn- bis hundertmal so stark wie Fentanyl. Oder eine Zunahme des Wirkstoffs Xylazin, bei dem das Nasenspray Naloxon kaum Wirkung zeigt. In Islip endet der Livestream zur Gedenkfeier nach etwa einer halben Stunde. Die nächste Veranstaltung muss an einem anderen Platz stattfinden, da mittlerweile zu viele Steine unter dem Baum liegen. Trottere hat ihn aber schon gefunden: Er liegt in der Nähe einer Unterkunft für Menschen in Not.