Noch immer hängt die Pflegereform in der Luft. Mit t-online sprechen Maren Gilzer und Katy Karrenbauer über Erfahrungen und Forderungen an die Politik. Die Pflegeversicherung steht vor einem massiven Defizit: In den kommenden zwei Jahren wird ein Fehlbetrag von insgesamt 22,5 Milliarden Euro erwartet. Um die Finanznot der Kassen zu lindern, hat Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) kürzlich angekündigt, ihren Gesetzentwurf für die Pflegereform noch vor der Sommerpause vorlegen zu wollen. Schon spüren Pflegebedürftige und ihre Angehörigen die Auswirkungen: steigende Eigenanteile, lange Wartezeiten, überlastetes Personal. Für die frühere "In aller Freundschaft"-Darstellerin Maren Gilzer und "Hinter Gittern"-Star Katy Karrenbauer sind die Schwächen des Systems längst spürbar. Gilzer kümmert sich seit zwei Jahren um ihre Mutter im Pflegeheim . Karrenbauer hat mehr als sechs Jahre lang zunächst ihren Vater gepflegt und kümmert sich jetzt um ihre Mutter. Beide erzählen im Gespräch mit t-online von ihren Erfahrungen mit dem Pflegesystem und formulieren klare Forderungen an die Politik. Maren Gilzer liefert Zahlen Gilzer schildert die Lage ihrer Mutter Helga in konkreten Zahlen. Nach einem Schlaganfall lebt sie in einem Pflegeheim, eingestuft in Pflegegrad 4. Dem Heim fließen rund 5.000 Euro pro Monat zu, davon trägt die Mutter 3.200 Euro selbst – den Rest übernimmt die Pflegeversicherung. Weil selbst eine Rente von 2.300 Euro nicht ausreicht, springt das Sozialamt ein. "Meiner Mutter stehen im Monat 180 Euro Taschengeld zur Verfügung", sagt Maren Gilzer. "Davon muss sie aber sehr viel selbst tragen. Fußpflege, Friseur, Handy, Hygiene und Pflegeprodukte. Für einen kleinen Luxus wie einen Ausflug, Restaurantbesuche oder neue Kleidung bleibt da nichts mehr übrig." Besonders ungerecht finde ihre Mutter, dass sie trotz einer Rente von 2.300 Euro dasselbe Taschengeld bekomme wie jemand mit 700 Euro Grundsicherung – das sollte, so Gilzers Mutter, prozentual angeglichen werden. Rechnet man eine solche Idee durch, bliebe einem Pflegebedürftigen mit Grundsicherung ein Taschengeld von 54,78 Euro. Ob diese Kürzung das Leben der Menschen mit höherer Rente verbessern würde? Eigentlich soll der sogenannte Barbetrag laut Gesetzgeber nicht nach Einkommen differenzieren, sondern jedem Heimbewohner ein Minimum an Teilhabe ermöglichen – unabhängig von der Vorgeschichte. Das Problem scheint ein anderes: Dass der Barbetrag für alle zu niedrig ist und die Heimkosten zu hoch sind. "So hat sie sich ihr Alter nicht vorgestellt" Zumal die Kosten für das Heim in keinem Verhältnis zu den Leistungen stehen, kritisiert Gilzer. "Auf jeden Fall hat sie sich so ihr Alter nicht vorgestellt", erzählt die Schauspielerin. "Denn für das Geld, das das Pflegeheim von den Bewohnern bekommt, führen diese durchaus kein Luxusdasein. Wenn mich mein Leben im Monat 5.000 Euro kosten würde, würde ich ein Pflegeheim erwarten, das ein Schwimmbad hat, wo es tägliche Massagen gibt und wo mir eine persönliche Pflegerin rund um die Uhr zur Verfügung steht." Von der jüngsten Rentenerhöhung habe ihre Mutter nichts mitbekommen – im Gegenteil. "Zweimal in der Woche gibt es zum Mittag nur Suppe", sagt sie. Und: "In den zwei Jahren, die meine Mutter jetzt in dem Pflegeheim ist, sind Leistungen aus Personalmangel und Geldmangel gekürzt worden, aber die Zuzahlung ist gestiegen." Was Gilzer schildert, dürfte Katy Karrenbauer vertraut klingen. "Ich wünschte mir so sehr, dass es mehr Alternativen zu Heimen geben würde", betont diese im Gespräch mit t-online. "Natürlich beschäftigt man sich meist erst dann intensiv mit diesen Themen, wenn sie einen persönlich berühren und betreffen", sagt Karrenbauer. "Ich habe mehr als sechseinhalb Jahre Einblick in die Pflege erhalten und kann nur sagen, etliches läuft leider schief. Personalmangel, Zeitmangel und anständige Vergütung sind große Themen. Aber beispielsweise auch, wer diese Pflegeeinrichtungen führt, müsste meines Erachtens stärker kontrolliert werden. Kosten für Aufwand werden teils abgerechnet, wobei der bezifferte Aufwand oft gar nicht ausgeführt wird." Besonders beschäftigt sie ein Mechanismus, der dazu führt, dass Menschen weniger Pflegeleistungen bekommen, als ihnen zustünde: Begutachtungen durch den medizinischen Dienst, bei denen die Betroffenen sich aus Scham besser präsentieren, als es ihrem Alltag entspricht. "Da werden zum Beispiel Pflegegrade abgeschmettert, weil der ältere Mensch sich genau an dem Tag des Besuches des medizinischen Dienstes total zusammenreißt, weil es ihm peinlich ist, Hilfe anzunehmen oder zu erbitten", erklärt Karrenbauer. "Die Generation meiner Eltern ist einfach so." Hohe Heimkosten: Die große Angst vor dem Mehrbettzimmer Auch was die Kosten angeht, hat sie aus den Jahren der Pflege ihres Vaters einiges mitgenommen: "Das Essen meines Vaters für den ganzen Monat wurde mit etwa 250 Euro berechnet, das Einzelzimmer kostete hingegen 500 Euro. Ich bin ehrlich, ich möchte im Alter nicht schlecht essen und dann noch darauf warten müssen, bis mein Mitbewohner sein Geschäft verrichtet hat, dazu auf 16 Quadratmetern mit einem fremden Menschen zusammenleben, nur weil ich keine 500 Euro für ein Einzelzimmer habe." "Es kann nicht sein, dass vieles einfach auf Familien abgewälzt wird" Karrenbauer nennt konkrete Maßnahmen, die sie sich von der Politik wünscht: bessere Bezahlung für einen Beruf, der emotional nicht einfach an der Tür abgestreift werden könne, weniger Bürokratie und eine größere Kostenübernahme bei Pflegemitteln. "Zeit! Ein so wichtiges Thema", betont Karrenbauer. "Und ganz sicher mehr Unterstützung für diejenigen, die bereit sind, ihre Lieben zu Hause zu pflegen." Für einen der größten Hebel sieht sie einen Vorschlag aus eigener Erfahrung: das Soziale Jahr für alle Schulabgänger. Sie selbst habe in Diakonien gearbeitet und für die Arbeiterwohlfahrt geputzt, um ihr Studium zu finanzieren – das habe ihr einen prägenden Einblick gegeben. "Warum nicht einfach das soziale Jahr aufs Bafög anrechnen und damit später Studenten entlasten? Echte Anreize müssen geschaffen werden, damit sich unser Sozialsystem wieder erholen kann", sagt Karrenbauer. Und sie fügt hinzu, was für sie das Grundproblem ist: "Es kann nicht sein, dass vieles einfach auf Familien und Angehörige abgewälzt wird." Auch Gilzer hat klare Vorstellungen, was das System ihrer Meinung nach grundlegend verändern würde. "Die beste Reform wäre es natürlich, wenn alle gleichermaßen in das System einzahlen würden", stellt Gilzer klar – also auch Beamte und Privatversicherte. Ein weiteres Problem sieht sie in der Trägerstruktur: "Leider gibt es auch zu wenig staatliche Einrichtungen. Die meisten Pflegeheime sind in privater Hand, und die sind nur auf Profit aus – und das geht natürlich auf Kosten der Bewohner und auch des Pflegepersonals." "Als Single wird man auch bestraft" Aktuell beträgt der Beitragszuschlag für Kinderlose in der gesetzlichen Pflegeversicherung 0,6 Prozent. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) plant, ihn auf 0,7 Prozent anzuheben. Für Karrenbauer, die als kinderlose Singlefrau lebt, ist das nicht nachvollziehbar. "Als ich das vor ein paar Tagen gelesen habe, war ich wirklich empört", berichtet sie. "Ich zahle schon sehr viel Geld in die Kassen ein, wenn ich zwischendurch gut verdiene, und leiste meinen Beitrag. Oft denke ich, überdurchschnittlich." Das Gefühl, als Single strukturell benachteiligt zu werden, begleitet sie schon länger – Steuerklasse 1 und 6, höhere Wohnkosten, weil alle Hauskosten auf einen Quadratmeterpreis und nicht nach Verbrauch umgerechnet würden. "Die Liste würde jetzt wirklich lang werden, aber ja, manchmal habe ich das Gefühl, als Single wird man auch bestraft. Das sollte so nicht sein." Warkens Pflegepläne: Kinderlose sollen offenbar mehr zahlen Erste Details aus Warken-Reform? "Bumerang für Pflegebedürftige" Auch Gilzer findet die Mehrbelastung für Kinderlose ungerecht – und plädiert für eine andere Lösung. Eltern erhalten Kindergeld und steuerliche Vorteile; Kinderlose dann noch stärker zur Kasse zu bitten, sei kaum zu rechtfertigen, zumal diese im Alter niemanden hätten, der sich um sie kümmern könne. Statt an der Kinderlosigkeit solle der Hebel beim Gesundheitsverhalten ansetzen, argumentiert Gilzer: "Es sollte lieber Menschen, die nicht auf ihre Gesundheit achten, indem sie zum Beispiel rauchen, stark übergewichtig sind oder gefährliche Sportarten betreiben, höhere Beiträge zahlen lassen. Denn die Kosten für Operationen, Medikamente, Rehabilitation entstehen durch Eigenverschulden, aber die Allgemeinheit muss die Kosten tragen." "Das ist letztlich preiswerter" Wie bereiten sich beide Frauen selbst vor? Gilzer sagt: "Lieber richte ich einen Bereich im Haus so ein, dass hier eine Pflegeperson einziehen kann, die mich versorgt." Denn: "Das ist letztlich preiswerter, und man hat es selbst in der Hand, ein würdiges Leben im Alter zu führen, ohne dem Sozialstaat zu sehr auf der Tasche zu liegen." Karrenbauer äußert sich nüchterner. Sie spart, zahlt freiwillig in die Bühnengenossenschaft ein und weiß dennoch, dass das nicht reichen wird. "Von meiner jetzt angesparten Rente könnte ich nicht leben", sagt die 63-Jährige. "So wie ich bereit war, bei meinem Vater einzuspringen und es auch jetzt bei meiner Mutter tue, wird sich niemand darum reißen, sich um mich zu kümmern. Und das, was ich durch meinen Vater erlebt habe, bereitet mir wirklich Sorge." Was bleibt, ist eine Frage: "Was schließe ich daraus? Ich darf nicht so alt werden, oder aber: "Alt werden ist nichts für Feiglinge'? Ich hoffe einfach, dass ich noch lange gesund bleibe und arbeiten kann und darf. Schauspieler gehen ja bekanntlich nicht mit 67 in Rente", sagt Karrenbauer.