Comedian „Günther Krass“: Mit Fahrrad und Kajak nach Korsika: Reise-Comedy am Limit
Mit Fahrrad, Kajak und viel Dialekt nach Korsika: Filmemacher und Comedian Johannes Kürschner alias „Günther Krass“ macht „Reise-Comedy“ – und legt dabei 1.880 Kilometer aus eigener Kraft zurück.
Wenn Johannes Kürschner auf eine Reise geht, dann tut er das selten auf gewöhnliche Art und Weise. Der Filmemacher und Comedian, der unter seinem Alter Ego „Günther Krass“ als Teil des Duos „Günther & Hindrich“ bekannt ist, ist gerade von einer Reise nach Korsika zurückgekehrt. Den Weg zur Insel und drumherum hat der 36-Jährige mit dem Fahrrad und dem Kajak zurückgelegt und so, wie er selbst in seinen regelmäßigen Instagram-Kurzclips sagt, praktisch ohne jede Vorbereitung seine „bisher größte sportliche Herausforderung“ gemeistert. Seine Etappen, Herausforderungen, Höhen und Tiefen und auch kulinarischen Highlights hat er dabei in gewohnt ironisch kommentierender Art und Weise im breitesten ihm möglichen Dialekt festgehalten. „Reise-Comedy“ nennt Kürschner das. Es sei eine Nische, die er zusammen mit Freund und Kollegen Franz Müller alias „Hindrich“ für sich entdeckt habe. Dabei sei die Komik meist schon aufgrund der Reiseplanung vorprogrammiert: „Du musst dir irgendwas aussuchen, was schon das Abenteuer oder die Geschichten von selbst erzählt“, so Kürschner. Im Falle von „Günther & Hindrich“ sei das meist „ein möglichst schlechtes Fahrzeug“. Das schreibe die Geschichten praktisch von alleine. Es ist ein Konzept irgendwo zwischen „Go Trabi go“, derb, absurdem Flachwitz á la „Elsterglanz“ und kreativ sächselndem Wortwitz wie bei Olaf Schubert.
Skurrile Reisen unter Extrembedingungen als Konzept
Mehrmals haben „Günther & Hindrich“ dieses Konzept erfolgreich umgesetzt und filmisch festgehalten und wurden dabei auf Kurzfilmfestivals ausgezeichnet. Ihr Film „Mischn Impossible“, der die Reise in einem „Krause Duo“ an die portugiesische Westküste zeigt, hat es auf Kinoleinwände geschafft. Das in der DDR gefertigte, dreirädrige „Versehrtenfahrzeug“ auf Basis einer Simson Schwalbe sollte als Krankenfahrzeug dienen und genießt heute unter Kennern Kultstatus. Mit reichlich Dialekt und Humor bringen „Günther & Hindrich“ das Fahrzeug auf bis zu 600 Kilometer langen Tagestouren regelmäßig an den Rand des Zusammenbruchs und dann wieder zum Laufen.
Und nun also Korsika: 1.200 Kilometer mit einem mehr als 70 Kilogramm schweren Gespann über die Alpen hat Kürschner zurückgelegt, bevor er 680 Kilometer mit dem Kajak in Angriff nahm. Sein Seeweg führte ihn dabei von der italienischen Westküste über die Inseln Elba und Capraia bis nach Korsika, wo er die Insel schließlich umrundete. Die Strapazen und die teils grenzwertigen Bedingungen vor Korsikas Felsklippen bei Wind und hohem Wellengang hat Kürschner dabei selbst unterschätzt, trotz Ausstattung mit Funkgerät, Satellitennotsender und weiterem Sicherheitsequipment, wie er selbst zugibt. Das allein hätte wohl schon genug Stoff für Geschichten ergeben. So bewegt sich Kürschner alias „Günther Krass“ durch Höhen und Tiefen - etwa, wenn er nach einem Strandstopp auf Elba sein Kajak mit einem 30-Zentimeter-Riss im Rumpf in der Not mit Glasfaser und Epoxidharz flickt – und noch am selben Mittag die 36 Kilometer offene See nach Capraia paddelt oder wenn er mit erhöhtem Puls eine im offenen Meer herannahende Flosse filmt, die sich dann als der höchst seltene und vollkommen ungefährliche Mondfisch entpuppt.
Zwischen Wortwitz und Ost-Klischees
Doch in gewohnt parodierender Art und Weise hält der Filmemacher für seine Follower auch die kleinen Dinge des Alltags fest, wenn er dem korsischen Essen „Westniveau 3000“ attestiert oder wenn er den Zustand italienischer Autos und die „Installationsvielfalt“ bei Strom- und Wasserleitungen an korsischen Gebäuden amüsiert mit deutschen Tüv-Maßstäben vergleicht.
„Günther & Hindrich“ wurden vor inzwischen mehr als 15 Jahren als Schnapsidee zweier Mittweidaer Medientechnik-Studenten geboren. Mit einem Kurzfilm über ostdeutsche Jugend inmitten von Zweitakt-Qualm, Mopedkult, Do-it-yourself-Kultur und bierseliger Werkstattphilosophie haben sich die beiden Dresdner binnen kürzester Zeit Kultstatus erarbeitet. Neben ihren Filmprojekten sind die beiden mittlerweile erfolgreich mit einem Comedy-Bühnenprogramm unterwegs - so auch in diesem Sommer. Mit ihren Reisevorträgen sind die Extrem-Outdoor-Komödianten auch bereits überregional etwa bis in die Schweiz als Botschafter ostdeutscher Subkultur unterwegs.
„De Ossi Fresse„ statt „The North Face“
Inzwischen können Kürschner und Müller von ihren Projekten leben. Es gibt einen Online-Shop mit zahlreichen Klamotten des eigenen Labels „De Ossi Fresse“. Mit dem nicht wirklich ernst gemeinten Namen wollen die beiden Reisefans augenzwinkernd das Outdoor-Label „The North Face“ auf die Schippe nehmen. Gleichzeitig ist es ein Bekenntnis, eben keinen Wert auf teures Equipment und bekannte Markennamen zu legen und stattdessen die Do-It-Yourself-Kultur zu pflegen. „Mein Vater hat das gelebt. Der hat die Kreissäge selber gebaut, die Drechselbank selber gebaut, eigentlich die ganze Bude selbst zusammengebastelt – das hat er mir vererbt“, sagt Kürschner. Was in der DDR dabei Improvisationszwang war, ist für ihn heute ein Statement der Nachhaltigkeit.
Dabei hält er auch nicht mit seiner Haltung hinter dem Berg: Er macht keinen Hehl daraus, dass er seine Reise mit Muskelkraft antritt, um seinen ökologischen Fußabdruck gering zu halten, dass er seit dem späten Teenageralter vegetarisch lebt und sich über achtlos weggeworfenen Müll ebenso echauffiert wie über dumpfe Ost-Klischees.
Und so sind „Günther & Hindrich“ zwar Kunstfiguren, aber „zu 80 Prozent“ identisch mit ihren Schöpfern. Kürschner, der die Bastelkultur in ostdeutschen Garagenzeilen selbst lebt, holt sich letztlich von dort regelmäßig Inspiration für sein stetig wachsendes Witze-Vokabular.