Vor dem WM-Start häufen sich die Negativschlagzeilen aus den USA. Gianni Infantino gibt sich betont gelassen. Oder hat er doch bereits die Kontrolle verloren? Auf einmal gab sich Fifa-Präsident Gianni Infantino ungewohnt kleinlaut: "Wir müssen respektieren, dass wir nicht die Könige der Welt sind, die über Regierungen und Polizeikräfte herrschen können. Wir sind eine Sportorganisation", sagte der 56-Jährige auf der Eröffnungspressekonferenz der Fußball-Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko. Mit seinem Ausdruck der Bescheidenheit versuchte sich der Chef des Weltverbandes gegen kritische Nachfragen zum Vorgehen der US-Regierung bei der Einreise einiger Turnierteilnehmer zu wehren. Einige Spieler und Mannschaften hatten sich zuvor rigorosen, teils stundenlangen Kontrollen bei der Einreise stellen müssen. Dem somalischen Schiedsrichter Omar Artan war die Einreise gar gänzlich verweigert worden. Infantino gab sich angesichts dessen machtlos. Die Haltung des Fifa-Bosses überrascht auch deshalb, weil sich der Verband bei vergangenen Weltmeisterschaften gerne über geltende Gesetze hinweggesetzt hatte. Die USA spielen dabei aber nun nicht mit. Medien sprechen bereits von einem Kontrollverlust für Infantino – und weitere Blamagen könnten folgen. USA stellten sich schon bei Steuererleichterungen quer Normalerweise lässt sich die Fifa von den Gastgeberländern einer Weltmeisterschaft gerne zahlreiche Ausnahmeregelungen zusichern. Dazu zählen unter anderem umfangreiche Steuer- und Visaerleichterungen. Zusammen mit den hohen Kosten, die die Länder mit Blick auf Sicherheitskonzepte selbst tragen müssen, war das in der Vergangenheit häufig ein Grund dafür, warum es in den Ländern viel Widerstand gegen die Ausrichtung eines Weltturniers gab. Während Kanada und Mexiko der Fifa jedoch auch dieses Mal bei den Steuern entgegenkommen, hatten sich die USA auch dabei bereits quergestellt. Das hat zur Folge, dass es für einige der teilnehmenden Teams, die in den USA antreten, schwer werden könnte, einen Gewinn zu erwirtschaften. Zahlreiche Probleme bei der Einreise Jetzt präsentiert sich die US-Regierung unter Präsident Donald Trump auch bei den Visa unerbittlich. Die Beispiele reißen nicht ab: Der Schweizer Ex-Bundesliga-Profi Breel Embolo musste tagelang auf sein Visum warten und konnte die Reise in die USA nicht wie geplant mit der Mannschaft antreten. Die iranische Mannschaft, deren Land sich aktuell mit den USA im Krieg befindet, musste ihr WM-Quartier nach Mexiko verlegen, darf erst am Spieltag selbst in die Staaten einreisen und muss am selben Tag noch wieder ausreisen. Der irakische Stürmer Aymen Hussein wurde bei seiner Einreise offenbar sieben Stunden lang kontrolliert und Schiedsrichter Artan schließlich gänzlich die Einreise verwehrt. Von Erleichterungen kann also keine Rede sein. In den USA scheint Infantino mit seinem Einfluss auf die Regierung an seine Grenzen zu stoßen, auch wenn er sich weiter betont gelassen gibt. Auf die Frage eines britischen BBC-Journalisten, ob ihm die Vorgänge peinlich seien und ob er akzeptiere, dass er die Kontrolle über sein eigenes Turnier verloren habe, antwortete der Fifa-Boss mit einer Gegenfrage. "Manchmal ist es gut, einfach zu chillen, zu relaxen" Die Frauen-WM 2035 finde voraussichtlich im Vereinigten Königreich statt, stellte er fest. "Fänden Sie es normal, dass die Fifa der britischen Regierung diktiert, wer in das Land gelassen wird und wer nicht hereingelassen wird?", fragte Infantino – und ignorierte damit, dass genau das im Rahmen der Großveranstaltungen bislang quasi gängige Praxis war. Auch in autokratisch regierten Ländern wie Russland (Gastgeber 2018) und Katar (2022) war es nicht zu Problemen wie in den USA gekommen. Infantino verwies darauf, dass man hinter den Kulissen weiter an Lösungen arbeite. "Wir hoffen, dass wir gute Nachrichten haben", blieb er mit Versprechungen jedoch vage. Sein Rat an alle anderen? "Manchmal ist es gut, einfach zu chillen, zu relaxen." Trump will nicht zum USA-Spiel reisen Die Frage nach der Peinlichkeit dürfte bei Infantino dabei durchaus ins Schwarze getroffen haben. Denn vor dem Turnier bemühte sich der Fifa-Boss intensiv um die Gunst des US-Präsidenten. Immer wieder suchte er öffentlich die Nähe zu Donald Trump, verlieh ihm sogar einen eigens geschaffenen Friedenspreis – wenige Wochen, bevor die USA den Krieg mit dem Iran vom Zaun brachen. Genützt hat es offensichtlich nichts. Stattdessen muss Infantino wohl noch eine weitere Blamage hinnehmen: Übereinstimmenden Medienberichten zufolge möchte sich Trump nun nicht mal beim WM-Auftakt des US-Teams am Freitag gegen Paraguay blicken lassen. Stattdessen schickt er lediglich eine Delegation, bestehend aus einigen Ministern seines Kabinetts. Infantino gibt sich dennoch weiter trotzig: "Ich bereue nichts", sagte er auf eine entsprechende Frage zur Vergabe des Turniers an die USA. Stattdessen richtet er den Blick lieber nach vorn – und hat dabei dann sogar seinen üblichen Hang zum Pathos wiedergefunden: Es werde das "wahrscheinlich größte Event in der Geschichte der Menschheit", bekundete er und gab eine wenig bescheidene Zielsetzung aus: "Wir wollen die Welt vereinen." Dafür opfert er sich auch gerne selbst: "Wenn Sie mich kritisieren wollen, ist das in Ordnung." Wenigstens dieser Wunsch dürfte ihm wohl erfüllt werden.