Bei der WM in den USA, Mexiko und Kanada lauern für die DFB-Elf mehrere Herausforderungen. Dabei hat die vielleicht größte wenig mit Fußball zu tun. Die WM hat endlich begonnen, und ich spüre langsam auch bei mir eine gewisse Euphorie. Das war vor ein paar Wochen noch anders. Ich muss mich aber erst einmal an diese Mega-WM mit noch 48 statt 32 Mannschaften gewöhnen, denn ich bin zwiegespalten. Auf der einen Seite freue ich mich, für Nationen wie Kap Verde oder Curaçao, mal eine WM miterleben zu können. Gleichzeitig finde ich es besser, wenn nur die besten Teams dabei sind. Aber ich lasse mich überraschen, vielleicht denke ich in ein paar Wochen auch ganz anders über diesen Modus. Hätte das nicht vorher geregelt werden können? Was aber schon jetzt Thema rund um diese WM ist, ist die Politik. Das ist schade, denn eigentlich sollte es um Sport gehen. Aber politische Themen werden wir nicht ausklammern können. Mir tun beispielsweise die Spieler des Iran leid. Sie müssen am Spieltag ein- und wieder ausreisen, länger dürfen sie sich nicht in den USA aufhalten. Ein Spieler sollte sich auf eine WM freuen und sich nicht ausgeschlossen fühlen. Du trainierst deine ganze Karriere lang darauf hin, mal bei einer WM dabei zu sein. Und dann hast du einen Nachteil, weil du aus einem bestimmten Land kommst. So sollte es nicht sein. Das gilt auch im Fall Breel Embolo, der Schweizer Stürmer, der tagelang auf sein Visum warten musste. Hätte die US-Regierung und die Fifa so etwas nicht im Vorhinein regeln können, sodass die Einreise für die Spieler so einfach wie möglich ist? Das verstehe ich nicht. Die Wade der Nation In Deutschland ist aber nicht nur die Politik rund um die WM ein großes Thema, sondern auch die Wade der Nation. Seit mehreren Wochen hat Manuel Neuer kein Spiel mehr bestritten und nur trainiert. Erst seit dieser Woche ist er im Mannschaftstraining. Da finde ich es mutig, komplett auf ihn zu setzen. Gerade bei der Belastung mit den Temperaturen und den langen Reisen erschwert das die Regeneration. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie heiß es im Sommer in den USA werden kann. Die Temperaturen sind brutal. Es ist eine tropische Hitze, das Atmen fällt schwerer. Du steigst aus dem Flieger und hast das Gefühl, gegen eine Wand zu laufen. Wann spielt Deutschland? Hier gibt es den WM-Spielplan zum Ausdrucken Newsblog zur WM : Hier finden Sie alle aktuellen News zur WM Wir kennen Hitze auch in Deutschland, aber das ist trockene Hitze. Die höhere Luftfeuchtigkeit in den USA trifft dich deshalb nochmal härter. Wenn ich beispielsweise für Spiele in Florida ankam, war ich so schnell erschöpft, dass ich mich gefragt habe: Wofür hast du eigentlich jahrelang trainiert? Diese Temperaturen machen dich fertig. Daran sind unsere Körper nicht gewöhnt. Wenn wir nach Orlando oder Houston flogen, hatten wir teilweise gar kein klassisches Training vor den Spielen: Das Verletzungsrisiko war wegen der langen Flüge und der Erschöpfung durch die Hitze einfach zu hoch. Wir haben dann nur Regenerationstraining gemacht. Selbst als Torwarttrainerin nach meiner aktiven Karriere war ich nach dem Aufwärmen vor dem Spiel völlig fertig, weil mein Körper permanent gearbeitet hat. Wir kennen das aus Deutschland, wenn wir bei 35 oder 36 Grad Sport machen, da sind wir platt. Aber diese tropische Hitze macht das nochmal schlimmer – und erschwert auch die Regeneration. Wenn ich mir dann Manuel Neuer anschaue, der vorbelastet ist, bin ich gespannt, ob das gut geht. Regeneration ist wichtiger als Training Die süd- und mittelamerikanischen Mannschaften haben da einen klaren Vorteil. Sie sind an solche Temperaturen gewohnt. Ich bin mir sicher, dass der DFB sich gut vorbereitet hat und die richtigen Maßnahmen ergreift, damit die Spieler schnell regenerieren. Darauf muss sich auch das Trainerteam konzentrieren. Natürlich willst du als Trainer viel Taktisches mitgeben, das verstehe ich. Aber die Priorität muss auf der Regeneration liegen. Das ist ein langes Turnier und du willst in den entscheidenden K.-o.-Spielen deine beste Mannschaft auf dem Platz haben. Es ist unmöglich, das Turnier mit der immer gleichen Elf zu bestreiten. Vielleicht lehne ich mich da zu weit aus dem Fenster. Aber durch den neuen Modus gibt es ja sogar noch ein Spiel mehr. Wenn die Gruppenphase gut läuft, sollte Deutschland im dritten Spiel möglichst viel rotieren. Die Belastungssteuerung steht im Vordergrund, denn nur so kannst du deine Spieler für die späteren Runden fit halten. Also darfst du sie, im wahrsten Sinne des Wortes, vorher nicht verheizen. Dabei bin ich als ehemalige Torhüterin und aktuelle Torwarttrainerin eigentlich kein Fan von Rotation im Tor. Aber angesichts von Neuers angeschlagener Wade und des dosierten Trainings in den vergangenen Wochen sollte der Bundestrainer überlegen, ob nicht Oliver Baumann das dritte Gruppenspiel machen sollte. Das wäre gut für Manuel Neuers Gesundheit und damit gut fürs Team. Achtung vor den "Thunderstorms" Eigentlich dauern Fußballspiele 90 Minuten, aber in den USA ist bei dieser WM alles möglich. Damit meine ich nicht die Trinkpausen, die es geben wird, sondern die "Thunderstorms", die wie jeden Sommer drohen. Gewitter mit Blitz und Donner sind nämlich keine Seltenheit, das haben wir auch vergangenes Jahr bei der Klub-WM der Männer gesehen. Gibt es ein solches Gewitter in der Nähe des Stadions, wird das Spiel sofort unterbrochen. Die einzuhaltenden Protokolle sind sehr streng. Nach jedem Blitz muss mindestens 30 Minuten gewartet werden, bis es weitergehen darf. Wie viele Stunden ich in der Kabine verbracht habe, bis ein Gewitter endlich vorbei war… Bei uns wurde auch schon ein Spiel fünf Minuten vor Abpfiff abgebrochen. Dann mussten wir lange warten, uns noch einmal aufwärmen, um dann die letzten Minuten zu Ende zu spielen. Wir haben Spiele um 23 Uhr zu Ende gespielt, die um 21 Uhr bereits vorbei sein sollten. Hoffentlich haben sich die Verbände wirklich gut vorbereitet. Ich erinnere mich an ein Spiel in Houston, das 90 Minuten lang unterbrochen war. Da haben die Spielerinnen irgendwann wieder Hunger bekommen. An sowas denkst du normalerweise nicht, aber bei dieser WM muss sich jedes Trainerteam diese Fragen stellen: Gibt es genug Essen im Falle einer längeren Pause? Wie wärmen wir uns dann wieder auf? Was machen wir mit den Spielern in der Wartezeit? Wer seine Hausaufgaben zum Umgang mit Hitze und Gewittern am besten gemacht hat, wird einen klaren Vorteil im Kampf um den WM-Titel haben. Davon bin ich überzeugt. Mein Weltmeister-Tipp Die deutschen Chancen kann ich schwer einschätzen. Es kann total geil laufen, und wir bekommen eine Euphorie aufgebaut, die die Mannschaft trägt. Aber es kann auch passieren, dass wir schon im Achtelfinale ausscheiden. Die deutsche Mannschaft ist ein Überraschungspaket. Was aber auffällig ist: Deutschland war eigentlich immer ein Topfavorit auf den Titel. Aber bei dieser WM fallen meist andere Namen, wenn es um die möglichen Turniersieger geht: Spanien oder Frankreich zum Beispiel. Aber auch England, wobei ich hoffe, dass sie nicht wieder so einen Schlafwagenfußball spielen wie die letzten Turniere. Thomas Tuchel hat interessant nominiert. Ich bin gespannt, ob das aufgeht. Weil dieses Turnier aber so anders ist, könnte auch ein Team, das wir überhaupt nicht auf dem Zettel haben, den Sprung nach oben schaffen. Allein in der deutschen Gruppe gibt es zwei: Ecuador und die Elfenbeinküste dürfen wir nicht unterschätzen. Aber auch den nordafrikanischen Teams Algerien und Marokko traue ich einiges zu. Vieles hängt davon ab, wie du ins Turnier kommst und ob sich eine Euphorie im Team entwickelt. Aber wenn ich mich jetzt auf einen Weltmeister festlegen müsste, würde ich unter Vorbehalt sagen: Es wird Spanien.